Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 26 (17.12.1909)
- Date
- 1909-12-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 Worin es sich nun vollends um die wichtigsten Fragen handelt: Erlaubnis der amerikanischen Regierung für die Immigranten, zu landen, Heimstätte für dieselben, damit sie niemand zur Last fallen u. s. w. — da fragen wir wohl mit Recht: „Können solche den Lebensnerv der Emigration bildende Fragen von einem Kongreß in Europa beantwortet werden?" Um sie beantworten zu können, müssen sich die ernsten Kämpfer für die Wohlfahrt der jüdischen Emigranten zuerst über die Verhältnisse in Amerika, das heißt, seine Institutionen, sein Volk, dessen Stellung zur Emigration im allgemeinen und zu der jüdischen im besonderen genau informieren. Sie müssen die Ursachen zu ergründen suchen, die eine Antipathie der Amerikaner gegen die Emigration hervorgerufen haben. Dann müssen sie auch die amerikanischen Juden um ihre Meinung über die Emigration befragen. Alles dies ist auf einem europäischen Kongreß undurchführbar. Denn das hätte bei oberflächlicher Betrachtung den Anschein, als ob die Initiative ergriffen worden wäre, den Strom der jüdischen Emigration auf jeden Fall nach Amerika zu leiten. Daher muß ein Weltkongreß für jüdische Emigration nach Amerika einberufen werden, damit den europäischen Delegierten Gelegenheit zum Studium und Beobachtung der hierländischen Verhältnisse geboten wird, sie über alles aus erster Hand Auskunft erhalten können und — last not least — damit der Zweck des Kongresses vom amerikanischen Volke richtig verstanden wird. Ja, eine „Internationale Emigrations - Konferenz" in Amerika — das ist die einzige Hoffnung, welche die amerikanisch-jüdischen Immigrationsförderer im Interesse der jüdischen Auswanderung und der Zukunft der jüdischen Bevölkerung in Amerika hegen. Aus diesem Grunde hat auch das Exekutivkomitee der Hebrew Sheltering and Immigrant aid Society" in seiner letzten Sitzung beschlossen, einen Emigrationskongreß nach New-York einzuberufen. Dieser soll im Monat Mai nächsten Jahres stattfinden. Wir laden die Emigrationsvertreter der ganzen Welt ein, sich mit uns in Verbindung zu setzen, um dieses hohe Ziel zu erreichen.*) Die Hotwendigkeit desEmigrafionskongresses. Von einem hervorragenden Fachmanne auf dem Gebiete des jüdischen Emigrationswesens in Berlin erhalten wir einen ausführlichen Brief, dem wir folgendes entnehmen: „Die Idee des Kongresses hat so viel für sich, daß man eigentlich über die prinzipielle Frage gar nicht diskutieren sollte. Es kommt vielmehr auf die Art der Vorbereitung und Organisation des Kongresses an. Und da scheint mir gerade Wien sehr geeignet für diesen Kongreß zu sein. Herr Dr. Paul Nathan erklärte Herrn Dawidowitsch vorige Woche, daß er g eg e n Wien sei und daß er an einem Kongresse, der von dort einberufen wird, nicht teilnehmen würde. Gerade diese Tatsache sollte ein Ansporn für die Wiener Herren sein, den Kongreß mit allen Mitteln zu fördern, und die Bevormundung durch den Hilfsverein zurückzuweisen." x. x. *) Die „Hebrew Immigrants Protect!ve Association" in Baltimore hat bereits ihren Anschluß zu dieser Resolution angemeldet. (Aiun. d. Red.) Professor Ludwig Krzywicki (Warschau):') Die Verelendung der jüdischen Volksmassen. Was lun wir uns nicht auf die Fortschritte des 19. Jahrhunderls zugute! Wie sehr rühmen wir uns mit den Errungenschaften der Technik, die uns ja wieder Ausblicke auf neue Bahnen, neue Erfindungen eröffnen. Das Netz der Schienenstrange wird dichter und dichter über die ganze Erde gezogen. Die Maschinen und gewaltigen Fabriksschot nsleine schießen wie Pilze aus der Erde. Ja, wir leben eben im Zeitalter der Allgewalt des Menschen — sogar die Natur muß sich immer mehr und mehr seinem eisernen Joch beugen .... Doch nun die Kehrseite. Denn der technische Fortschritt hat nun leider diese fatale Kehrseite. Die stetig anwachsende Menge von Fabriken und großen Unternehmungen, Aktiengesellschaften, Genossenschaften etc. etc. ruft eine gänzliche Umwälzung nicht nur in allen Sphären des menschlichen, beziehungsweise des Alltagslebens, sondern hauptsächlich auf dem Gebiete der Arbeitslöhne hervor. Die Zentralisation nimmt zu : die Zentralisation sowohl auf dem Gebiete der Warenerzeugung, der Anpreisung und schließlich des Verkaufes. Dies ist ja nichts neues mehr. Wir wollen auch nicht länger dabei verweilen, sondern uns den Wirkungen dieser volkswirtschaftlichen Erscheinung zuwenden. In erster Linie wird der Betrieb kleinerer Werkstätten immer mehr und mehr lahmgelegt, als Wechselwirkung die Zahl der dort beschäftigten Arbeiter stetig verringert. Den ersten schweren Schlag haben die Handweber zu spüren bekommen, später kamen die Schuster, Schneider, Klempner, Stricker an die Reihe. Ferner haben die Eisenbahnen vielen kleinen Fuhrleuten das Brot aus der Hand gerissen. Früher konnten ie die Waren von einem Städtchen ins andere auf ihrem Wagen transportieren und sich so ihren Lebensunterhalt verdienen. Heute besorgen das die Lokalbahnen und in Zukunft (wie in Berlin schon heute) werden das die Lastenautomobil- *) Die polnische Presse, zumal in Russisch-Polen, hat nun, nachdem das Thema der polnischen Verfolgungen in Posen nicht mehr zieht, einen anderen aktuellen Stoff gefunden, der zwar an den Haaren herbeigezogen, aber gerade dos wegen mit verbissenem Eifer bearbeitet wird: Die „L i tw a k e n". Die polnischen Blätter in Warschau und in Galizien haben plötzlich gefunden, daß von dieser Seite der einheimischen Bevölkerung Warschaus eine „Gefahr" drohe, die Gefahr der Russifizierung. Unter dem Begriffe „Litwaken" werden nun von polnischer Seite alle von Rußland nach Warschau eingewanderten Juden subsumiert, welche sich nicht zu Polen assimilieren wollen, sondern ihre eigenen Kreise bilden und sogar mehrere Tagblätter in jiddischer Sprache erhalten. Nachdem min von polnischer Seite dieses Schreckgespenst an die Wand gemalt wird, hat es andererseits die jiddische Tagespresse für ihre Pflicht erachtet, durch Umfrage bei den verschiedensten politisch oder literarisch hervorragenden polnischen Persönlichkeiten über deren Stellung zur „Litwaken"-Frage eine Klärung der öftentliehen Meinung herbeizuführen. Von den zahlreichen Antworten gebührt jedenfalls neben der Antwort des berühmten polnischen Romanciers Boleslaw P r u s, welcher zum Entsetzen der Allpolen auch den Litwaken seine Sympathien ausgedrückt hat, dem obigen Artikel des hervorragenden Sozial Politikers Prof. K r z yw i c k i eine besondere Beachtung. Derselbe hat nämlich rein vom Standpunkt der Volkswirtschaft die Judenfrage in den östlichen Ländern ins Auge gefaßt und nachgewiesen, daß das Gros der jüdischen Bevölkerung im Osten einer wirtschaftlichen Katastrophe von ungeahnten Dimensionen entgegengeht. Wir bringen diese Antwort des Prof. Krzywicki in deutscher Uebersetzung zum Abdruck, da ja die Verelendung der jüdischen Volksmassen mit der Frage der Emigration in unzertrennlichem Zusammenhange steht. (Anm. d. Red.)