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Neue Nationalzeitung · 1909-12-17 · Heft 26 (17.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 26 (17.12.1909)
Date
1909-12-17
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.Neue National-Zeitung" gestützte Eigenmeinung. Eine Meinung, von der man wünschen dnrf. daß sie die Meinung jener gewissen 'ethargischen Kreise werde. Entmutigend, bar jeden Trostes sind seine Schilderungen von der gegenwärtigen Lage in Rußland. Töricht der Gedanke, daß es „doch zur Besserung kommen muß." Der wirtschaftliche Pogrom, wie er jetzt geübt wird, muß den Strom der Emigranten zur Hochflut anschwellen lassen. Alles spricht für ein förderndes, ausgleichendes System. Möge es nicht bei Worten bleiben! Der Kongreß, um dessen Zustandekommen sich jetzt auch Berliner Kreise bemühen, kann viel bedeuten; doch kann er auch mit großem Lärm verpuffen. Von diesem Gedanken mögen jene sich leiten lassen, die ihn inaugurieren. in. seil. Leo Sanders;*) Ein jüdischer Emigrafionskongress in ^Jew-York. Die Juden Europas bringen dem Plane eines internationalen, groß angelegten Emigrationskongresses ein äußerst reges Interesse entgegen, weil sie dessen Notwendigkeit und Wichtigkeit einsehen. Welche Zustände herrschen denn auch jetzt! Die jüdischen Emigranten, die in die weite Welt hinausfahren, um sich ein neues Heim zu suchen, kann man, ohne Uebertreibung, mit Blinden vergleichen, die im Finstern herumtappen, oder Stummen, deren Stammeln niemand verstehen kann. Und se wird es in erster Linie Aufgabe eines Emigrationskongresses sein, sich nicht nur mit der Frage zu befassen, wie dem Emigranten zur und während der Auswanderung geholfen, seine Lage gebessert werden kann, sondern auch insbesondere mit der Frage, welche notwendigen Vorkehrungen bei der Ankunft und Niederlassung des Emigranten, die ja einen Wendepunkt in seinem an Bitternissen allzureichen Leben bedeuten, zu treffen seien. — Da nun der Hauptstrom der jüdischen Emigration in Rußland und Galizien seinen Ursprung nimmt, so ist nichts natürlicher, als daß sich die Juden dieser beiden Länder für diesen Kongreß sehr interessieren. In weiterer Folge kann es dann nicht verwundern, wenn auch die Juden der von den Emigranien berührten Länder, also Deutschlands, Belgiens, Hollands und Englands einem solchen Kongreß ihre Aufmerksamkeit schenken, weil sie von den nach Amerika Auswandernden sehr häufig belästigt werden. Schon oft haben die europäischen Juden durch ihre Emigrations-Gesellschaften den Versuch unternommen, größere Konferenzen zur Besprechung, respektive Besserung der jüdischen Emigralionslage abzuhalten. Doch, es blieb meistenteils beim Versuch. Dies in erster Linie deshalb, weil den Einberufern solcher Konferenzen die Hauptsache fehlte: Genaue Information, Vertrautheit mit den Verhältnissen Amerikas, des Zufluchlstaates der Massen jüdischer Emigranten. Jetzt wird die ganze Last der jüdischen Auswanderung auf die Schultern der Juden Amerikas gewälzt, die so vor ein neues wirtschaftliches Problem gestellt werden. Das haben aber die begeisterten Konferenzler nicht in Rücksicht gezogen. Vielmehr haben sie sich wahrscheinlich gesagt: „Was ist uns Amerika? Wir verfrachten * Der in der vorletzten Nummer unseres Blattes bereits genannte Munizinahithter von New-York, Leo Sanders, tritt in seiner Eigenschaft als Präsident des Unterstützungsvereines für jüdische Einwanderer (Hebrpw Sheltering and Immigrant aid Society) in New-York mit einem großen Aufrufe an die Oeffentlichkeit. Aufgabe dieses Atifrufes ist es, nicht nur die Notwendigkeit eines jüdischen Emigrationskongresses, sondern auch die ausschließliche Eignung einer amerikanischen Stadt für diese Veranstaltung nachzuweisen. Wir unterbreiten hiemit diesen Aufruf in deutscher Uebersf tzuug der öffentlichen Diskussion. Anm. d. Red. di<- F-nigranten in die neue Welt. Uebcr das Weitere sollen sieh unsere lieben Brüder in Amerika den Kopf zerbrechen!" Sehen wir uns aber zuerst die Schäden der heutigen Auswanderung an und fragen dann, welche Heilmittel anzuwenden sind! Nehmen wir an, ein Jude oder eine Gruppe von Juden wandert aus Rußland aus. Wohin wollen sie? Nach Amerika! Zu welchem Zwecke? Sich eine ruhige Heimslätte und einen kleinen Erwerb zu schaffen. Kaum kommen sie an die Grenze, stoßen sie auf manchmal unüberbrückbare Hindernisse, die in erster Linie beseitigt werden müssen. Die Emigranten kommen durch ein Land, eine Stadt, wo man sie ausbeutet, beschwindelt und betrügt. Davor muß man sie unbedingt schützen. Dann werden sie auf dem Schiffe wie ein Stück Vieh behandelt. Auch das muß nun endlich aufhören. Kommen sie schon nach all den Mühen, Entbehrungen und Strapazen -in Amerika an — dann läßt mau sie nicht ins Land hinein. Was ist nun in all diesen Fällen zu tun? Die Antwort ist ja teilweise schon gegeben: Man kann die Emigranten gegen den Schwindel schützen. Auch müßte es nicht besonders schwer sein, von den Schiffskompagnien eine menschenwürdige Behandlung ihrer Passagiere zu erwirken. Nun aber die schwerste Frage : W i e soll man gegen die großen Regierungen vorgehen, die ihre Gesetze „strikte" durchfuhren wollen? Diese Frage hat sich wohl sicherlich keiner der Weltkongreß-Enthusiasten gestellt. Nun noch eine wichtige Frage : Vor einigen Jahren stellten sich den Emigranten bei ihrer Ankunft in Amerika gar keine Schwierigkeiten entgegen. Wer immer ankam, der konnte ruhig und ohne Anstand landen. Jelzt ist es aber ganz anders : Strenge Gesetze gibt es für die Emigranten, und diese Gesetze werden in noch viel strengerer Form gehandhabt. Nicht genug damit, wird offen erklärt, daß noch sirengere Bestimmungen für die Emigranten in Aussicht stehen .... Da müssen wir uns doch fragen : Welches sind die Gründe dafür, daß die Regierung so erschwerende Einwandemngsgesetze erläßt? Und auch diese Frage seheint sich keiner der Kongreß- Enthusiasten gestellt zu haben? Kümmern sie sich denn gar nicht um jene Hunderte Unglücklicher, denen das Landen untersagt wird, und die erbarmungslos als „unerwünschte Emigranten-' in das alte Elend zurückgesandt werden? Kümmern sie sich denn gar nicht um die Zukunft der ganzen jiid schen Emigralion, die doch von dem Schicksal der Emigranten, die in Amerika landen, abhängt? Es ist kaum glaublich, welche Ignoranz der wichtigsten amerikanischen Verhältnisse (notabene: bezüglich der Emigration) und Gleichgiltigkeit ihnen genüber die Herren Organisatoren des Weltkongresses an den Tag legen! Das ist ja eine feststehende Tatsache: Ein europäischer Kongreß kann bei gründlicher Behandlung der Frage, wie man den Emigranten beim Verlassen ihres Landes, bei der Durchreise durch fremde Länder am besten helfen, sie vor Scherereien und Schwindel etc. schützen kann, schöne Früchte zeitigen. Aber da werden die amerikanischen Juden doch mit Recht verlangen können, daß man sie zu diesem Kongreß zuzieht. Denn gewiß werden sie genug Anregungen und Ratschläge geben können, wenn man berücksichtigt, daß die Mehrzahl der Emigranten seit einigen Jahren die Ueberfahrt mit Schiffskarlen antreten, die ihnen von Verwandten aus Amerika zugeschickt wurden. Und so ist es ganz klar, daß das Schicksal dieser Emigranten zwar nicht in den Händen der Amerikaner liegt, aber doch sehr viel von ihnen, ihren Auskünften und Intentionen abhängt.

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