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Neue Nationalzeitung · 1909-12-03 · Heft 25 (3.12.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 25 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 25 .Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. J. L. Perez: Zusammen. (Aus dein Jiddischen übersetzt vi*! Moritz Hacke.) Mit dem Lehrer Jossei ging es zu Ende ... Er selbst hielt zwar seinen Zustand nicht für so besorgniserregend. Warum auch? Er hatte ja des Lebens Bitternisse in Hülle und Fülle — von den Süßigkeiten des Lebens hat er noch nie gekostet . . . Und jung ist er auch nicht... So recht gesund war er zwar nie. Aber diesmal liegt er, Gott sei's geklagt, schon einige Wochen zu Bett. Darüber ging der Monat Kislew zu Ende, doch die Hoffnung, gesund zu werden, hat ihn wieder getrügt. Er stöhnt und stöhnt, wälzt sich hin und her, einmal mit dem Gesicht zur Wand, dann zu Frau and Kindern gewendet .. . Ja, auch das Sterben ist schwer. Die geplagte Seele will sich von dem geplagteren Körper noch nicht trennen . . . Die müden, glanzlosen Augen blinzeln zum Tisch, wo die Kinder neben der Mutter sitzen. Die flehenden Blicke bitten um Erbarmen. Seine Frau und die Kinder weichen nicht vom Bette und verrichten Totengebete. Da erfaßt sogar den Himmel Mitleid. Des Nachts hört man vom Fenster her ein eigentümliches Rauschen, das allmählich in eigenartige Töne übergeht, in etwas nie Gesungenes, etwas nie Gehörtes, so mächtig Ergreifendes, so süß Durchschauerndes, daß es den Leutchen im Zimmer alle Glieder erbeben macht . . . Alles ist ruhig, Totenstille herrscht. Josseis Frau und Kinder können gegen die süße Müdigkeit, die ihren ganzen Körper beinahe lähmt, nicht länger ankämpfen. Sie lassen sich zur Erde nieder. Die Augen fallen ihnen zu. Sie schlafen fest ein . . . Josseis Seele beeilt sich, dem Körper zu entweichen, um ein wenig auf die Wanderschaft zu gehen. Es ist nicht so leicht, den Erdenstaub abzuschütteln und die Flügel ins richtige Gleichgewicht zu bringen. Dann muß die Seele ja auch warten, bis ihre irdische Hülle in geweihter Erde bestattet wird, bis sie die Trauernden auf dem Friedhof gesehen und Kaddisch gehört hat. Erst wenn die irdische Hülle ganz mit Erde bedeckt ist, dann entflieht die Seele durch die Nase und erhebt sich frei hinauf in die Lüfte.*) Jossei hatte aber ein gutes, stets nachdenkliches, philosophisches Gemüt und so ist es nicht zu verwundern, wenn seine Seele in der Zerstreutheit nicht gleich den richtigen Weg nahm. Sie schlägt die Richtung nach dem Markt ein. Dann begibt sie sich außerhalb der Stadt, vorüber an den letzten Häusern, und fliegt weiter . . . Der Totenengel beobachtet sie und mißt die Zeit, die sie herrmirrt. Denn fliegen konnte die Seele ja noch nicht. Da kommt sie zu einem kleinen Berge und hört aus der Höhe ein seltsam Geräusch, ein Geräusch wie Flügelschlag. Das verführt die Seele, zu glauben, ihr Leib sei bereits in die Erde gesenkt und bestattet, sie habe ihn schon verlassen und fliege den himmlischen Höhen entgegen . . . und das Flügelrauschen stamme von den Engeln her . . . den Engeln, die der Himmel einer jeden Seele zur Begrüßung entgegenschicke . . . Das stachelt die Seele zu freudiger Eile an. — Doch was sieht sie da? Es waren keine Engel mit rauschendem Flügelschlag, sondern eine Windmühle, deren leises Klappern durch die Toten- Sage ) Diese Darstellung entspricht einer alten jüdi^-hen stille der Nacht bis zu ihr drang. Trotz der Enttäuschung fliegt sie weiter und kommt so ganz nahe an die Mühle heran. — Ja, es ist wirklich eine Windmühle, die von leichtem Winde gedreht wird. Als sich die Seele weiter umschaut, bemerkt sie ein Häuschen mit einigen erleuchteten Fenstern. Und sie wundert sich über das helle Licht. Jetzt, so spät brennen noch Lichter? Ja, jetzt kann sie sich genau erinnern, daß sie diese Mühle einmal gekannt hat. Diese Mühle gehört gewiß der Wittfrau Freidel . . . Bei ihr hat Jossei oft zu Mittag gegessen. Wie gut haben ihm bei ihrdie Gänsegrammeln geschmeckt. Dann hat er sich nach dem Essen die Buben hergenommen, um mit ihnen im Pentateuch zu lesen. Die Buben waren schon ziemlich groß. Aber wenn die Witwe Freidel ihre Kinder anblickte, konnte sie Gott den Vorwurf nicht ersparen, daß er ihr den Gatten in seinen besten Lebensjahren genommen und sie, die noch junge Frau, mutterseelenallein mit ihren Kindern in einem kleinen Dorf zurückgelassen hatte. Die Mühle ging ja leidlich gut. Aber über ihren Konkurrenten, den Mühlenbesitzer im angrenzenden Dorfe, mußte sie sich oft bei Jossei beklageii. Er wollte sie um die paar Kunden, die sie hatte, bringen . . . Doch warum diese festlich erleuchteten Scheiben? Fragt die nachdenkliche Seele wiederum. Die Neugier erfaßt sie. Sie nähert sich den Fenstern, um ins Zimmer hineinschauen zu können. Es ist ja Chanuka. Deshalb J.?:-gr auf dem Tische schimmerndes Linnen, und darauf der siebenarmige Leuchter mit den Chanukakerzen .... Doch, wo sind denn die Kinder? Hier im erleuchteten Zimmer sind sie nirgends zu finden. Vielleicht schlafen sie schon in der anstoßenden dunkeln Stube? Wer sitzt denn da am Tisch? Freidel, in ihrem besten Kleide, ein weißseidenes Tuch über Kopf und Schultern gezogen. Ihr gegenüber sitzt ein Jude in neuem Rock mit einem großen Hute auf dem Kopfe. Da kombiniert sich die erstaunte Seele: Das ist der Müller aus dem angrenzenden Dorfe. Er ist noch ledig und man weiß, daß er Freidel gern zur Frau haben möchte . . . Sie scheinen sich da drinnen ganz gut zu unterhalten. Jetzt erheben sie ihre Gläser, stoßen an und trinken gegenseitig auf ihr Wohl. Doch beinahe selbst über ihr Tun erschreckt, bittet sie ihn, sich ruhig zu verhalten, damit die Kinder, die im Nebenzimmer schlafen, nicht geweckt werden So unterhalten sich die Beiden in ruhig einsamer Nacht, unbelauscht, wie sie glauben, weiter .... Da plötzlich verdüstert sich Freidels Miene. Die Freude auf ihren Zügen verwandelt sich jäh in Trauer. Mit halb erstickter Stimme fragt sie- „Und die Kinder?'' , . Kinder?" fragt sie ihr Freier. „Da hätf ich mir doch gleich ein junges Mädchen nehmen können und nur eigene gehabt!" Sie rückt von ihm weg . . Er ergreift ihre Hand und blickt ihr in die Augen . . Sie möge sich nur keine Sorgen machen . . Er habe einen Verwandten, der sei Lehrer, da würde man schon einen Buben unterbringen . . . Und den anderen — aber . . . schließlich . wie si> v.oMo Frc'del schluchzt noch ein bischen, dann schluckt sie die Tränen herunter, stößt wieder an: „Auf unser Wohl!"

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