Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 25 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2425679-2425773-2425799--1532-2427897- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Neue National-Zeitung'' Der erste Hahnenschrei durchdringt grell die morgenkühle, reine Luft. Freidels Bräutigam springt auf. Er fährt ins Städtchen, um die für die Hochzeit nötigen Besorgungen zu machen . . . Freidel begleitet ihn bis zur Tür. Er verabschiedet sich eilig und verschwindet im Morgengrauen. Auf schwanken Füßen geht Freidel ins Zimmer zurück. Schweren Herzens geht sie weiter zu der Tür, hinter der die Buben schlafen. Die Tränen drängen sich ihr in die Augen. Sie küßt die Mesuse und fragt sie mit weinender, tränenerstickter Stimme: „Warum hat mir Gott meinen Mann genommen und mich hier auf der Welt allein zurückgelassen? Warum nahm er uns nicht beide zusammen von dieser Welt? Dann wären unsere Kinder Waisen . . . und sie hätten . . . ach Gott! o Gott! keinen Stiefvater bekommen . . , Da erwacht mit einem Schlage die Seele aus ihrem Traume. Sie fragt sich selbst, wo sie denn herumirrt und kehrt so schnell wie möglich nachhause zurück. Es wird schon zum Beten gerufen. Von der nächtlichen Wanderung der Seele Josseis weiß doch noch niemand. Froh darüber zwängt sie sich eilig durch das ein wenig geöffnete Fenster Alles schläft noch. Und so kehrt die Seele unbemerkt wieder in Josseis Körper zurück, als ob garnichts geschehen wäre .... Ueber den frühen Morgen kommt der Vormittag heran. Bauern fahren mit schwerbeladenen Fuhren zum Markt, das Leben im Dorfe beginnt, und Geräusche, Lärm dringen in die Krankenstube Die Schläfer erwachen und begeben sich sofort an das Krankenbett. Doch was ist das? Ein Wunder ist geschehen . . . Der Lehrer Jossei schwitzt. Ueber Nacht hat er eine Krisis durchgemacht. Besucher kommen, beten und gehen. Alles freut sich. Frau und Kinder frohlocken . . . Jossei ist gerettet. Doch . . . warum spricht er denn garnicht? Es wird in einemfort gebetet . . . Jossei, so sagen sie, wird uns erhalten bleiben .... Daran glaubt auch Josseis Frau. Und so schickt sie die Kinder fort und will selbst einkaufen gehen. Doch kaum befindet sich Jossei ganz allein mit seinem Weibe im Zimmer, richtet er den siechen Oberkörper im Bette auf und spricht also mit feierlicher Stimme zu ihr: „Du wirst heute oder morgen von dieser Welt gehen. Deshalb mußt du dafür sorgen, daß du deine Schulden und sonstigen Verpflichtungen vollkommen ins Reine bringst. Geh' darum zum Markt, treibe deine Forderungen ein und zahle, was du selbst schuldig bist . . . Wenn du das getan hast, dann komme nachhause, und vergiß nicht, Männer mitzubringen, daß wir Minjan machen können. Dann wirst du dich ins Bett legen und die Totengebete sprechen. So habe Ich es mir gewünscht . . . Warum? . . . Sollen meine Kinder nach meinem Tode einen Stiefvater bekommen? Nie und nimmer! Besser sie bleiben als elternlose Waisen zurück. Dann werden die Leute mit ihnen Erbarmen haben und sich ihrer annehmen." All' diese Worte kamen Josseis Frau wie eine Fieberphantasie vor. Sie dachte sich, ihr Mann sei noch nicht bei klaren Gedanken. Um ihn aber nicht unnütz durch Widerspruch aufzuregen, nickt sie bejähehd mit dem Kopfe und geht weg ... Inzwischen wird es Nächmittag. Als Jossei seine Frau wieder ins Zimmer treten sieht, fragt er sie,' ÖT) sie das alles getan hat. was er ihr am Vormittag auftrüg. Auch jetzt nickt sie bejahend mit dein Koj^fe, um ihn nicht aufzuregen. Als er sie wegen des Minjans fragt, tut sich, bevor sie antworten kann, die Tür auf, und es treten elf, zwölf Männer ein, die sich nach Josseis Befinden erkundigen wolleji. Er glaubt aber, sie seien auf Veranlassung seiner Frau gekommen. Da sagt er ihr, sie solle zu Bett gehen . . . Darüber erschrickt sie sehr. Aber die Männer reden ihr zu, Jossei werde schon seine Gründe haben, und so legte sie sich in das zweite Bett neben ihren Mann .... Nun befiehlt er, es solle jemand mit ihr die Totengebete sprechen . . . „Mit mir auch!" Bei diesen Worten verändern sich seine Mienen auffallend, über sein Gesiciit breitet sich ein sonderbarer, beinahe freudiger Glanz. Der Vorbeter sagt die Totengebete vor. Jossei befiehlt seiner Frau, sie nachzusprechen. Sie sträubt sich aber. Die umstehenden Männer aber dringen in sie: „Er weiß sicher, was er will!" Da spricht auch sie die Totengebete und schlägt sich an die Brust . . . Doch unheimlich: Mit jedem Satze wird ihre Stimme schwächer und schwächer, stockender und stockender . . . Ihre Augen werden glanzlos und blutunterlaufen. Das Gesicht wird totenbleich, die Lippen verziehen sich wie in einem innern Schmerz und werden weiß — den Männern stockt der Atem, ein entsetzlicher Schreck durchkrampft ihre Glieder . . . Nur der halbblinde Vorbeter sieht nichts. Er liest unablässig die Totengebete vor . . . Jossei spricht sie ungeschwächt mit einer gewissen Freude nach. Sein armes Weib kann kaum mehr die Lippen bewegen . . . Plötzlich ergreift ihren ganzen Körper ein Krampf. Ihr ganzer Leib zieht sich convulsiv zusammen und streckt sich eben so plötzlich mit einem letzten Seufzer über das ganze Bett aus ... Im gleichen Augenblicke entflieht der Odem auch Josseis Körper . . . Doch siehe, was für ein Wunder ereignet sich da? . . . Ein heiliger Schreck erfaßt die betenden Juden: Aus der Nase Josseis und seines Weibes steigen ätherische Flämmchen und sie fliegen zusammen zum Fenster, verschmelzen draußen zu einem einzigen Flämmchen und dieses enteilt himmelwärts aufsteigend ihren verwunderten Blicken . . . „Boruch dajen emmetrT (Gelobt sei der ewige Richter), entringt es sich den Lippen der Männer . . . dem Vorbeter entfällt das Gebetbuch . . . Ja, so blieben Josseis Kinder ohne Mutter und Vater zurück . . Und sie werden nie einen Stiefvater bekommen. Briefkasten der Redaktion. M. H. in K. Wir haben i|;;s Notwendige voranlaßt. G. W. in N. Das betreffende S'.udium erfordert uns-M^s Urachtens eine Zeit von mindestens drei Jahren. Allerdings sind hiezu sowohl ireeiiitiete Lehrkräfte als auch besonderer Fleiß erforderlich. st. jur. H. Die Nachricht einiger 'Wiener Diäter. .!i<" dann in ein I3eiiiner jüdisches Blait 'ibeiVn-. daß Ku^'.o Pr. F r a n k f u r t e r den Raus eines Reyierun.nsrates im FnteiTichtsministerium erhalten hat, ist falsch. Die zahlreichen Gratulationen, die Herrn Dr. Frankfurter zugekommen sind, wur»]! etwas verfrüht. Hochfeines natürliches Tafelwasser ^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^»J^^^^^^^^^';•> \J\ »» L 1 Natürlicher nlfi<LrPn<fl;>auerbrunn J llwJlWlIV Lirhion-Ouelle. von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberall zu haben. Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4.