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Neue Nationalzeitung · 1909-12-03 · Heft 25 (3.12.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 25 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 „Neue National-Zeitung"_ Seite 7 Fundament ist der Nutzen. Der Jude ist weniger verträumt als der (Jermane und Slawe, rationaler und oft nüchterner, auch leichter geneigt, die eigene Person hinter die Sache zu stellen, sich seihst auszuschalten. Die Wichtigkeit dieser letzten Eigenschaft für geschäftliche Erfolge liegt auf der Hand. An positiven Werfen sind zu nennen: starke Energie und Vitalität, eine Rastlosigkeit, die allerdings oft zur Unrast führt. Im allgemeinen wird beim Juden das Manuelle vom (ieistigen überragt: unbedingt sind bei ihm im Durchschnitt m e h r Urteilskraft und geistige Ii e w e g I i c h k e i f als bei anderen Xationen vorhanden. Alle diese Eigenschaften, die die Juden zu so tüchtigen Rechtsanwälten, Journalisten, Schauspielern und Aerzten befähigen, machen sie auch zu Männern des Wirtschaftslebens. Am 28. November fand der dritte und vorletzte Vortrag statt. Prof. Surabart behandelte diesmal „Die Entstehung j ü d i s c h e n W e s e n s". Er bemerkt einleitend, daß es wissenschaftlich unendlich schwer sei, nachzuweisen, wie volkliches Wesen überhaupt entstand. Es sei sehr bequem, das Vorhandensein gewisser Eigenschaften rassenmäßig aus dem Blute abzuleiten, aber es handelt sich bei den Rassefanatikern um kaum mehr als Schlagworte, die mit größter Vorsicht aufzunehmen sind. Die Konstanz der Physiognomien, sowie der geistigen und seelischen Eigenschaften kann unmöglich ein schlüssiger Beweis dafür sein, daß diese Frscheinungen rassenmäßig seien. Es können auch andere (Jrunde für die Tatsache vorhanden sein, daß sich die Juden in den letzten 2000 bis 25(H) Jahren nicht wesentlich verändert haben. Gründe der Abgeschlossenheit, der Tradition, der Inzucht, des moralischen (Jhettos. In der Beschäftigung mit dem Talmud besitzen die Juden •/.. Ii. eine ausgeprägte Traditionstechnik. Andere Erklärungen für die Entstehung jüdischer Eigenschaften haben die Verfechter der Assimilation beigebracht. Sie leiten das Meiste von dem Zwange ab, der auf den Juden gelastet hat. Nach ihnen sind die Juden vom Haus aus Ackerbauer gewesen, die dann von den fremden Völkern, unter die sie verschlagen wurden, zum Warenhandel gezwungen, anfangs des XIII. Jahrhunderts wieder hinausgedrängt und gegen ihre Natur in den (Jeldverkehr und die (Jeldleihe hingedrängt wurden. Sombart meint, von dieser Ansicht sei nur das eine richtig, daß die Juden ursprünglich kein Handelsvolk waren. In Palästina überliefen sie den Außenhandel den Phöniziern, aber Ackerbauer sind sie nicht gewesen, oder wenigstens nicht ausschlaggebend, sondern Viehzüchter und auf den (ieldverkehr haben sie sich von jeher glänzend verstanden, wie der Talmud beweist, wo die Rabbis mit dem Geldwesen so verblüffend Bescheid wissen, wie nur irgend ein moderner Fffektenmakler auf der Londoner Börse. Es versagt also nach Sombart sowohl die Rassentheorie, wie auch die Theorie der Assimilationsfreunde. Man könne keine Schlüsse ziehen von einer Schädelform auf den Intellekt, auch nicht von einer Nasenform auf die Gemütsanlage, man könne ebensowenig alle Eigenschaften auf äußere Einwirkungen zurückführen. Die Ursachen seien anderswo zu suchen. Nach diesen negativen Feststellungen kam Sombart zum p o s i t i v e n Teil seines Vortrages. Sombart stellt die Behauptung auf: „Kapitalismus ist Nora a d e n t u m". Alles, was dem nomadisierenden Wesen eigen ist, ist auch Kennzeichen des Kapitalismus. Auch der Kapitalismus will sich schrankenlos ausdehnen, auch er geht ständig auf Eroberung neuer Märkte aus. Der Keim zum Kapitalismus ist aus der «piantifizierendeu Tendenz der Herde hervorgegangen. Der (iruudgedanke Nietzsches ,.u nser K i n d e s 1 a n d, n i cht unser Vntcrl a n d I i e b e n", ist ein tief jüdischer Gedanke. Den Juden war es nie vergönnt, Wurzel anzusetzen, nie vergönnt, sich mit der Scholle vertraut zu machen. Die eine Quelle ihrer Eigenschaften ist das Zelt, die andere das Ghetto. Nicht so sehr das topographische als das moralische Ghetto. Vom Jahre 121") an, aus dem der schmachvolle Erlaß datiert, daß die Juden den gelben Fleck zu tragen haben, ist die Geschichte der mitteleuropäischen Juden eine Kette von Schmach und Demütigung. Hat doch noch der alte Rothschild, der Begründer des Hauses, den Hut abnehmen müssen, wenn ein Gassenjunge auf der Straße an ihn mit der Aufforderung herantrat. : „Jud', mach Mores". Auch die aus Spanien stammenden „sephardischen" Juden lebten im Ghetto, auch sie wurden verfolgt, aber moralische Demütigungen hatten sie nicht zu erdulden, weshalb sie selbstbewußter (Vi geblieben sind als die anderen. Abschließend bemerkt Sombart: Eine sichere Lösung des Problems, was vom jüdischen Wesen im Blut steckt und was anerzogen ist, könnte, wenn überhaupt, nur auf dem Wege des Experiments gefunden werden. Jahrzehnte hindurch müßte man zu diesem Zwecke jährlich fünfhundert Judenkinder vom Tage ihrer Geburt an christliche Familien nnd umgekehrt ebenso viele Christenkinder jüdischen Familien zur Erziehung übergeben. Bei einer planvollen Durchführung dieses Experiments könnte man möglicherweise zu einigermaßen sicheren Schlüssen gelangen. Wir wollen nunmehr noch den letzten Vortrag abwarten, bis wir mit einem abschließenden Erteil über Sombarts Theorien hervortreten. Soviel läßt sich aber schon heute sagen, daß sie das zahlreiche Publikum ungemein angeregt und jedem Teilnehmer die reberzeugung beigebracht haben, daß das Judentum doch etwas mehr ist als eine bloße — Konfession.!BDft"WP©NDßNZCN Oesterreich-Ungarn. Das jüdische Knabenwaisenhaus in Döbling. (Die Zurücksetzung der jüdischen Gewerbetreibenden.) Wien, 28. November. Dienstag, den 23. November, fand am Bau des Knabenwaisenhauses in Döbling, welches vom israelitischen Waisenverein zur Erinnerung an das sechzigjährige Regierungsjubiläum des Kaisers errichtet wird, das Gleichen- Fest statt. Es erschienen das Präsidium und mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes, die Mitglieder des Baukomitees usw. Der Präsident des Waisenvereines, Herr David von G u t m a n n, bekannt auch als Präsident der Allianz und der Baron Hirsch'schen Stiftung, war am Erscheinen verhindert. Er wurde nun in absentia vom Architekten des Baues, Herrn Baurat S t i a s s n y, gefeiert. Ein Detail wurde jedoch vom Redner übersehen und dieses möge nachgetragen werden, um die Verdienste des Herrn von Gutmann um die jüdische Sache voll zu beleuchten. David von G u t m a n n hat den Bau des jüdischen Waisenhauses einem christlichen Baumeister und antisemitischen Bezirksrat von Döbling übertragen! Wundert das jemanden? Der Parvenü aus Witkowitz, dem die ersten Ehrenämter auf dem Präsentierteller entgegengetragen werden, wiewohl er ein steinernes Herz und ein asemitisches Unternehmen — in demselben werden Juden nicht mehr aufgenommen — besitzt, glaubte, der indolenten Wiener Judenschaft auch den antisemitischen Baumeister zumuten zu können. Diesmal hat er sich jedoch getäuscht. Baumeister M e 1 c h e r, selbst Mitglied der „Bnei Brith", der auf die Bauführung aspirierte, hat es durchgesetzt, daß durch Intervention der „Bnei-Brith" und der „Union" der Bau ihm übertragen wurde. David von G u t m a n n mußte nachgeben; er hat aber seine jüdischen Aemter beibehalten. Denn man bedenke: Welche Katastrophe wäre es für die Wiener Juden, wenn Herr von Gutmann nicht mehr Präses der Allianz oder Kultus-Vorsteher wäre? . . . Nun hören wir aber wieder Beschwerden. Der Baumeister Herr M e 1 c h e r und das Komiteemitglied Herr Gottlieb Bettelheim nehmen bei der Vergebung der Professionisten-Arbeiten auf die jüdischen Gewerbetreibenden nicht genügend Rücksicht. Bei manchen Arbeiten fallen die jüdischen Offerenten — die doch nicht alle gleich die „Union" und Bnei-Brith" hinter sich haben können — durch. Wir erwarten im Interesse der jüdischen Gewerbetreibenden, daß diese merkwürdige Wirtschaft aufhört, sonst müßten wir uns mit gewissen Herren etwas eingehender beschäftigen.

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