Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 25 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Neue National-Zeitung" Allein die Indignation des Dr. Danneberg ist vollständig begreiflich. Er ist nicht der erste und gewiß auch nicht der letzte, den die Mißwirtschaft bei der Steuerbemessung zum Austritte veranlaßt. Diese Mißwirtschaft, diese ungleiche Repartition und schwere Bedrückung der minder bemittelten Gemeindeangehörigen wird so lange dauern, als sich Präsident Dr. Stern und seine Hintermänner an das jetzige Steuersystem klammern werden. Wir haben von diesem traurigen Steuersystem, durch das hunderte Familien bereits aus dem Judentume hinausgedrängt worden sind, schon wiederholt gesprochen. Es ist aufgebaut auf einem Steuerminimum von 20 K, welches sehr oft Personen auferlegt wird, die keine 20 K bezahlen können, während sie zum Beispiel 10 K gerne bezahlen würden. Der Grund, warum in Wien an dem Steuerminirnum von 20 K — in Berlin beträgt es 6 Mark — krampfhaft festgehalten wird, besteht darin, daß Herr Dr. Stern den breiteren Schienten der Bevölkerung nicht das Wahlrecht einräumen will; öffentlich hat er aber wiederholt erklätt, er könne ein Steuerminimum von 10 K nicht akzeptieren, weil er — wie nobel! — Leute, die keine 20 K zahlen können, überhaupt nicht besteuern wolle. Wie kommt es aber, daß trotzdem Leute, die auch 10 K empfindlich treffen, mit 20 K — vide Faktum Dr. D;»nneberg — besteuert werden? D -nn daß ein 24jähriger Advokaturskonzipient, der mitsamt seiner Nebenbeschäftigung keine 2U0O K verdient, kein steuerfähiges Objekt ist, unterliegt keinem Zweifel. Obige Interpellation wird gewiß von den Interpellanten selbst nicht ernst genommen; für den Vorwurf des Mißbrauchs der Amtsgewalt ist in keinem Gesetze eine Handhabe vorhanden. Aber der vorliegende Fall könnte für die ve rnünf tigen Herren im Kultusvorstande endlich ein Ansporn sein, das Steuersystem der Gemeinde einer gerechten und volkstümlichen Reform zu unterziehen — im Interesse der Gemeinde und des Judentums. - L. Professor Sombart über „Judaismus und Kapitalismus". Berlin, Ende November. Im großen Saale der Singakademie hat. der bekannte Soziologe Professor Werner Sombart einen Vortrags-Zyklus über „Judaismus und Kapitalismus" eröffnet. So sehr vieles in seinen Vorträgen — es waren bisher drei — zum Widerspruche reizt, so muß man dennoch dem Meister für seine tiefe Erforschung des Themas und die Aufwerfung neuer Gesichtspunkte, speziell vom jüdischen Standpunkte, sehr dankbar sein. Von jüdischer Seite geschieht ja gar nichts zur Erforschung der jüdischen Wirtschaftsgeschichte, freuen wir uns also in Professor Sombart einen Gelehrten gefunden zu haben, der sich in diesen Gegenstand vertieft. Der erste Vortrag galt der „Bedeutung des Judentums im Wirtschaftsleben". Professor Sombart verblüffte seine Hörer gleich zu Anfang mit der Feststellung, daß seiner Ueberzeugung nach unser gesamtes modernes Wirtschaftsleben nahezurastlos auf jüdischen Einfluß zurückgehe. Diese Entdeckung sei auf einsamen Spazierwegen wie eine Vision über ihn gekommen und habe später unter wissenschaftlicher Nachprüfung feste Gestalt angenommen. Er bittet die Zuhörer, seiner wissenschaftlichen Honorigkeit so viel Vertrauen entgegenzubringen, daß er in dieser Behauptung durch Herbeischaffung von Quellenmaterial feste Grundlage gegeben habe. Zunächst stellt Sombart das große wirtschaftliche Ereignis des XVI. Jahrhunderts fest, nämlich die Verlegung des Mittelpunktes der Weltwirtschaft aus dem südlichen und südwestlichen Europa nach den nördlichen und nordwestlichen Ländern. Italien, Spanien und Portugal mußten damals plötzlich ihre Vorherrschaft auf dem Weltmarkte an das kleine Holland abtreten. Sombart bringt diese Tatsache in ursächlichen Zusammenhang mit den in diese Zeit fallenden Judenvertreibung e n. Die aus Spanien und Portugal geflüchteten führenden Familien der Juden und Kryptojuden gingen zum größten Teil nach Holland. Der Handel mit Luxuswaren, der den eigentlichen Welthandel jener Zeit darstellt — der Massenartikel ist ein Produkt des modernen Wirtschaftsgetriebes — der Handel also mit Gold, Silber, Seide, Edelsteinen und dergleichen war ganz in jüdischen Händen. Recht eigenartig ist die Beleuchtung, in die Sombart die Entdeckung Amerikas rückt. Amerika sei so recht ein „Judenland", wie er sich ausdrückt. Nicht nur daß die Kosten der Expeditionen des Kolumbus von j ü d ischem Gelde bestritten wurden (die zweite Expedition aus dem Erlös der eingezogenen Vermögen der Vertriebenen), auch auf den Schiffen, mit denen Kolumbus die erste Fahrt machte, haben sich mehrere Juden befunden, und der erste Europäer, der das neuentdeckte Land betrat, war Jose de Torres, ein Jude. Launig schildert Sombart, wie die Juden mit die Hauptbeteiligten der Kolonisation Nordamerikas gewesen seien. Wenn zwanzig Menschen, so erzählte er, in den Urwald gingen, waren neunzehn davon mit Hacke und Spaten ausgerüstet, der zwanzigste hatte keine Werkzeuge mit. Dieser zwanzigste war ein Jude, er eröffnete den notwendigen Laden für die kleine Kolonie, aus dem Laden wurde später eine Pfandleihe, aus der Pfandleihe die Agrarbank. Das ganze moderne Staatskreditwesen, das auf unpersönlichen Börsenwerten beruht, ist rein jüdischen Ursprungs. Der erste große Theoretiker des Kredits, Pinto, war Jude, der erste große Praktiker Jobn Law (Lewy) war es vermutlich. Weiter haben die Juden den Geist des modernen Kapitalismus vor allen entwickelt; sie waren die Pioniere des entstehenden Kapitalismus. Damit tritt der Primat der Intelligenz in das Wirtschaftsleben ein. Gegenüber dem bis zum 18. Jahrhundert im Wirtschaftsleben geltenden bestimmten Kundenkreis, dem festgelegten Absatz und festgesetzten Preisaufschlag waren es die Juden, die zuerst das Au'f suchen des Kunden und das Unterbieten im Preise einführten : sie brachten auch die ersten Surrogate auf den Markt. Der von ihnen eingeführte Grundsatz im Wirtschaftsleben hieß: Der Preisaufschlag ist so niedrig wie möglich zu halten, aber der Absatz ist möglichst zu vergrößern. Großer Absatz, kleiner Nutzen. Damit sind die Juden die Väter des Freihandels und der freien Konkurrenz geworden. Der zweite Vortrag war der „Befähigung der Juden zum K a p i t a 1 i s m u s" gewidmet. Der Geldreichtuui der Juden — führt- Professor Sombart aus — sei eine Tatsache, die sich durch die Jahrtausende nahezu gleich bleibt. Man kann ihn, von den Schätzen Salomonis angefangen, durch das ganze Altertum, durch Arabien, Spanien, Holland bis nach Frankfurt, Hamburg und schließlich in die Gegenwart hinein verfolgen. Genaue Vermögensstatistiken beweisen, daß in dem Frankfurt und Hamburg des achtzehnten Jahrhunderts die J u den weitaus die reichsten sind. Die heutigen Zahlen sind freilich noch schlagender. So etwa die Tatsache, daß in Berlin der jüdische Bestandteil der Einwohner, das sind 4,8 Prozent der Gesamtheit, 30 Prozent der Staatseinkommensteuer aufbringt. Woher stammte dieser Geldreichtum V Seit dem Auszug aus dem Aegypterlande waren die Juden eigentlich immer durch äußere Verhältnisse gezwungen, ihr ganzes Vermögen „in der Tasche" bei sich zu tragen. Daher ihr ständiges Bemühen, bares Geld zu erhalten, daher auch eine Entwickelung, die ihnen bald geradezu ein Monopol im Geldleihgeschäfte sicherte. Und das war umso bedeutungsvoller, als «las Geldverleihen lange Zeit hindurch die einzig lukrative Art des Erwerbes bildete. Auf der anderen Seite fehlte den so Reichgewordenen gezwungenermaßen jede Gelegenheit zum Ausgeben. Sie konnten bis in die Neuzeit hinein eigentlich niemals standesgemäß leben; das Abtließen des (Ueldes in Grundbesitz und Industrie war ihnen durch ihre staatliche Minorität ebenfalls unterbunden. Es ist. klar, daß diese letzte Ursache sie auf die einzige Quelle, Macht zu erwerben, geradezu hinstieß. Die subjektive Veranlagung der Juden zum Kapitalismus, ihr eigentliches kapitalistisches Talent ist weniger leicht zu fassen. Im „kapitalistischen Wirtschaftssubjekt" wirken zwei Seelen, die ungleich der faustischen nie von einander streben: der Unternehmer und der Mann des Handels. Der erste ist der Erfinder ökonomischer Ideen, der wirtschaftliche Pionier, der zweite der „spekulative Kalkulator" — spekulativ, weil er aus der Marktlage jederzeit auf den gegebenen Fall zu schließen vermag, Kalkulator, weil er mit Sicherheit den Geldeswert eines Geschäftes sofort berechnet Wie verhält sich der jüdische Volkscharakter zu jenen kapitalistischen Anforderungen V Der tiefste Grundzug des Judentums ist ein starker Teleologismus; die Welt wird als eine Summe von Zwecken aufgefaßt, nud man hat es in der Hand, sich dieser Zweckordnung anzupassen und so sein Leben wohl einzurichten. Jüdische Religion, Poesie und Philosophie gipfeln in dieser Anschauung. Spinozas tiefste Ueberzeugung lautet: aller Tugend