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Neue Nationalzeitung · 1909-12-03 · Heft 25 (3.12.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 25 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 vorbei und die Aera des Emporblühens dürfte — zumindest solange Dr. Stern Präsident bleibt — auf sich warten lassen Im Jahre 1905, da Ritier von Taussig bereits d;is fünfte Jahr im Vorstande saß und die Früchte seines „organisatorischen Talents" — auch dieses wurde von Dr. Stern gerühmt — eingeheimst werden sollten, hatte die Gemeinde nicht nur im Präliminare des Budgets, sondern sogar im Ergebnis ein Defizit und zwar von 7&.021 K aufzuweisen. Was hat also dieser jüdische Dunajewski geleistet, wenn er die Gemeinde nicht sanieren konnte und ihr nicht einmal den Weg gezeigt hat, um aus dem chronischen Defizit, an dem sie noch immer laboriert, herauszukommen? Allerdings hat Herr Dr. Stern in seinem Vorstandsberichte vom Jahre 1906 dem abtretenden Taussig nur blos einen Fleißzettel auf „erfolgreiche Wirksamkeit* auszustellen gewußt. Soll dies vielleicht damit zusammenhängen, daß Herr Dr. Stern damals den unbequemen Rivalen, an dessen Beseitigung aus dem Vorstande, er — wie Eingeweihte behaupten — selbst mi(gearbeitet hat, nicht allzusehr herausstreichen wollte? Ein ganz besonderes Verdienst hatte allerdings der Verstorbene, dem die jüdische Kultusgemeinde ein Ehrengrab widmete: er hat sich mit den Antisemiten sehr gut verhalten und ihre Presse fütterte er. wo er nur konnte. Als vorigen Jahres seitens der antisemitischen Kommune Wien die Anleihe von 300 Millionen zu vergeben war, da beeilte sich Taussig, die Transaktion durchzufülir« n. Und was die Inserate betrifft, so dürfte noch folgender Dialog aus dem Ehrenbeleidigungsprozesse der deutschnationalen Antisemiten Wolf—Schalk im Jahre 1902 unvergessen sein: Angeklagter Dr. S <• Ii;i 1 k : ..Waren Sie auch bei T a u s s i g wegen eines Pauschales V" Zeuge Eduard < J e r s t g r a s s e r (früher ('hefredakteur der antisemitischen ,.() s r d e u t s c Ii e n R u n d s c h a u"): „Allerdings. Wir haben von unserem Inseratenagenten die Verständigung erhalten, daß ich in hiseratenangelegenheiten hingehen soll. Damit halle ich das Thema für erschöpft. Ich habe der jüdischen Oetfentlichkeit gezeigt, welche „Verdienste" der Mann hat, der von den Wiener Kahalführern ausersehen wird, in einem Ehrengrabe zukünftigen jüdischen Generationen als hi-toriseho Persönlichkeit voranzu leuchten. L. Präsident T)r. Stern und Theodor von Taussig. (W ar n m ist Ri 1t er von Ta u ss ig aus de m V o r s 1 n n d e a u s g e t r e 1 e n?) Wir erhalten von einem hervorragenden Mitgliede der Wiener Kultusgemeinde nachstehende Mitteilungen: Wer den Beschluß unseres Kultusvorstandes, den verstorbenen Gouverneur von Taussig in einem Ehrengrabe zu bestatten, sowie den „tiefempfundenen Nachruf" des Präsidenten Dr. Stern gelesen hat, der kann nicht genug darüber staunen, daß man diesen Mann aus dem Kultusvorstande scheiden ließ. Es heißt zwar, daß die „allgemeine Meinung" ihn wegen der Anteilnahme an der Russenanleihe „hinweggefegt" hat. Nun spielten sich aber die Dinge in Wirklichkeit ganz anders ab. Ritter von Taussig war kein Mann von Skrupeln und auch keine sensible Natur. Die öffentliche Meinung imponierte ihm sehr wenig und seine Kollegen im Vorstande duckten sieh vor ihm. Es bleibt nur unvergeßlich, in weicher Weise der Verstorbene in einer öffentlichen Sitzung seine Kollegen abkanzelte; er warf ihnen den Mangel an gutem Glauben vor, nannte ihre Kritik „vag", ihre Anregungen „wenig durchdacht", er hielt ihnen vor, daß sie zum Fenster hinaussprechen und die Vorstandssitzung zu einer öffentlichen Versammlung — degradieren. Die Betroffenen hatten sich nicht einmal gemuckst. Wenn also Ritter von Taussig im Zusammenhange mit der Anleihe dennoch sein Mandat niederlegte, so sah er sich hiezu lediglich durch die tntriguen des Präsidenten Dr. Stern veranlaßt, der sich seiner als eines gefährlichen Rivalen um die Präsidentenwürde entledigen wollte. Wie Ihnen erinnerlich, hat damals die „Union" in einer Resolution gegen Taussig Stellung genommen und seine Teilnahme an der Russenanleihe heftig kritisiert. Diese Resolution hat die „Oesterreichische Wochenschrift", das Organ und Amtsblatt des Wiener Kultusvorstandes vollinhaltlich an leitender Stelle abgedruckt, nachdem Präsident Dr. Ster n hiezu seine Einwilligung erteilt hatte. Man wird es vielleicht versuchen, zu bestreiten, daü Herr Dr. St ei n sich mit dieser Publikation einverstanden erklärt hat. Aber wer die materiellen Beziehungen der Wochenschrift zum Vorstande einerseits und die diktatorische Natur des Herrn Dr. Stern andererseits kennt, für den ist es klar, daß d;i£ offizielle Organ der Gemeinde einen Kultusvorsteher nicht ohne Zustimmung des Präsidenten angreifen würde. Auch Taussig hatte Beweise hiefür und daher hat er sein Mandat niedergelegt. Ich überlasse es Ihrem Ermessen, ob Sie von diesen Mitteilungen einen publizistischen Gebrauch machen wollen: ich glaube, daß sie dazu beilragen würden, der Wiener Judenschaft endlich die Augen zu offnen. Obewabbinei* odei* Geschäftsmann? Der Oberrabbiner von Wien. Herr Dr. Gfldemann, will den Abend seines Lebens im Gegensatze zu seinem verstorbenen Kollegen Dr. Adolf Jellinek, als ein gesetzesireuer, streng konservativer Mann abschließen. Diesem Umstände hat es der Verein ,.Schomre Schabbes" zu verdanken, daß Herr Dr. G ü d e in ann über seine Einludung am vorigen Dienstag in einem Vortrag die Bedeutung des Sabbath mit dem ganzen Aplomb der Beredsamkeit feierte. Er verstand es so gut die religiösen Heizen und Gemüter seiner Zuhörer zu gewinnen, als er ausrief: ,.Die grundsätzliche Aufhebung des Sabbat bedeutet die Selbstaufgebung des Judentums. Der Sabbatstube hat man ihren Platz in dem jüdischen Museum gewieseti, aus dem Leben schwindet sie mehr und mehr." An einer anderen Stelle desselben Vortrages sagte der Oberrabbiner: „Soviel ist gewiss: Bisher ist leider unser Sabbath durch die Kaufleute zu Grunde gegangen, daß aber jemals ein Kaufmann durch den Sabbat zu Grunde gegangen wäre, dürfte schwerlich nachzuweisen sein." Das waren schöne und beherzigenswerte Worte, die wir aus dem Munde eines modernen Rabbiners schon lange nicht gehört haben. Auch am Grabe Theodor von Taussigs belehrte der Herr Oberrabbiner die andächtigen Zuhörer: „Die Taufe ist tür den, der sie entrichtet und für den, der sie von ihm empfängt, gleich charakterlos". Allein es scheint, daß sich der Herr Oberrabbiner den Spruch eines seiner verstorbenen Kollegen zur

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