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Neue Nationalzeitung · 1909-12-03 · Heft 25 (3.12.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 25 (3.12.1909)
Date
1909-12-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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neüs (OONftL-ZBOING RSRAUS65B5R". DrS.R.LANDflU XI. JAHRGANG. WIEN, 3. DEZEMBER 1909. Nr. 25. Ein Ehrengrab — dem goldenen Kalb. Ein großer Finanzmann, den seine Freunde und Verehrer sogar ein Genie nannten, und der es zu den größten persönlichen und materiellen Erfolgen gebracht hat, ist gestorben. Er war als Jude geboren und hat sich — was man heutzutage als Verdienst bezeichnet — nicht taufen lassen. Da er an Ehrenstellt n seine Freude hatte, so ließ er sich auch, angeeifert vom Präsidenten Klinger, in den Kuitusvorstand wählen, wo er n cht fleißig sein Amt versah und stets mit klugen Ratschlägen bei der Hand war. Er hätte es wahrscheinlich mit der Zeit zum Präsidenten gebracht. Da nahm er an jener merkwürdigen Spekulation teil, die den historischen Namen „Pogrom-Anleihe" erhielt und sich daher mit der Würde und dem Amte eines Kultusvorstehers nicht in Einklang bringen ließ. Die jüdische Oeffentlichkeit war entrüstet und der Finanzmann mußte die Seitenstettengasse verlassen. Nun ist er tot! Wir hätten keinen Anlaß, uns mit diesem Manne, der wohl in der Geschichte der österreichischen Finanzwirtschaft eine hervorragende Rolle gespielt hat, aber in der Geschichte des Judentums nur in unrühmlicher Weise genannt werden wird, noch zu beschäftigen, wenn nicht wieder die Würde des Judentums im Spiele wäre. Und so gellen di■•; folgenden Zeilen nicht dem verstorbenen Finanzmann, sondern dem leitenden Regime in der Wiener Kullusgemeinde, das wieder einmal gezeigt hat, wie sehr es sich, unter Mißachtung der jüdischen Oeffentlichkeit, vor dem Großkapitale im Staube wälzt. Das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde hat dem verstorbenen Theodor von Taussig ein Ehren grab gewidmet. Wofür? Welche Verdie nste hat sich der Verstorbene um das Judentum, um die jüdische Bevölkerung, um die jüdische Wissenschaft, um die jüdische Wohltätigkeit erworben, daß er dieser Ehre würdig wäre? Hat der Verstorbene, der aus den bescheidensten Verhältnissen zu einem Vermögen von mindestens hundert Millionen gelangt ist, auch nur einen kleinen Bruchteil desselben dafür verwendet, um sich durch eine Stiftung seinen Namen in der Gemeinde zu sichern? Gibt es einen jüdischen Künstler oder Gelehrten, den dieser vielfache Millionär gefördert hätte? Besteht eine jüdische Institution die er ins Leben gerufen, oder in einer seinen Verhältnissen angemessenen Weise materiell unterstützt hätte? Ritter von Taussig hatte Zeit seines Lebens zugeknöpfte Taschen. Aber er war Direktor, später Gouverneur der Bodenkreditanstalt, zudem noch Präsident verschiedener Aktiengesellschaften und Eisenbahn-Unternehmungen. Man konnte al.co durch ihn Söhne, Neffen oder Schwiegersöhne in Stellungen unterbringen; er hatte Verwallungsrats- und Censors-Stellen zu vergeben. Dadurch hat er sich mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes persönlich verpflichtet. Kam es zu Kultuswahlen, dann gab er einige tausend Kronen für d< n Wahlfond her, um das jetzige Regime zu erhalten, das Regime seiner Vertrauensmänner Stern- Gutmann-Katzau, welches die Gemeinde einem Bankerotte zutreibt. Ueberdies erschien er an den hohen Feiert.igen im Tempel, wo er den Wohltätigkeitsveremen einige Brocken hinwarf. Dafür also das Ehrengrab! Brauchte es auch eines Beweises, daß Ritter von Taussig gar keine Verdienste hatte, die ihn einer solchen Auszeichnung würdig machen würden, dann hat ihn Präsident Dr. Stern erbracht. Er hat in seiner Grabrede wissentlichunwahreBehauptungen aufgestellt, um seinen „Ehrengrab" - Beschluß zu beschönigen. Er erzählte, daß Ritter von Taussig die Gemeinde vor einT Deroute „gerettet" hätte und daß ihm das „Emporblühen der Gemeinde" zu danken sei. Daß beides unrichtig ist, weiß Herr Dr. Stern selbst am besten. Denn die Deroute der Gemeinde ist noch nicht

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