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Neue Nationalzeitung · 1909-11-19 · Heft 24 (19.11.1909) · p. Seite 9

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 24 (19.11.1909)
Date
1909-11-19
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 24 „Neue National-Zeitung" Seite 9 das Mandat Brodskys nicht annektiert hat, wird Brodsky über Antrag der Stadtväter von Odessa vor das Strafgericht gestellt. Hier soll er wegen Beilegung des falschen Vornamens Arkady Efimowicz statt Aron Efraimowicz verurteilt werden, damit dann zur Annullierung seines Mandates eine Handhabe geschaffen wird. Die Anklage stützt sich darauf, daß Brodsky im Geburtsscheine, im Maturilälszeugnis und im fJniversitäls-Diplom als Aron bezeichnet wird. Dem hält Brodsky entgegen, daß sein Advokaten-Diplom vom 24. Juni 1904 und der Polizeipaß vom 24. November 1904 auf „Arkadi Efimowicz" lauten. Für den Fall der Verurteilung droht Brodsky eine Geldstrafe bis 200 Rubel. Dr. Eugen Jacob Neisser, Professor der National- (Ökonomie an der Berliner Universität, ist in Kanada, wo er im Auftrage der deutschen Regierung zu Studienzwecken sich aufhielt, kaum 42 Jahre alt, an Fiebertyphus gestorben. Vor seinem Tode verlangte er, am jüdischen Friedhof bestattet zu werden. Wozu in die Ferne schweifen? Die „J. R." berichtet: „Berlin. Am Montag, den 29. November, werden die Reichsratsabgeordneten Dr. M a h 1 e r und Adolf Stand im Tiergartenhof (am Bahnhof Tiergarten) über ,Probleme im modernen Judentum' sprechen." Da drängt sich doch die Frage auf: Täten die Herren Dr. M a h l e r und Stand nicht doch besser, lieber in Galizien Vorträge zu halten, wo man ihre Belehrung eher bedarf als in — Berlin? Es kann doch schwerlich die Aufgabe des Jüdischen Klubs sein, für Hebung der Kultur und der Volksbildung der Juden in Berlin zu sorgen? . . . Was sind „Lozelach"? Mit der Erörterung dieser Frage hatte sieh jüngst der Strafrichter des Bezirksgerichtes Jnsofstadt. Bezirksrichtor Dr. L a u d a, aus Anlaß einer IJucirlioleidigiuigsklaiio zu befassen, die der Agent Bernhard lluschak geg^en den Advokaten Dr. Robert Gruber (Schwager des Herausgebors des ..Deutschen Volksblatt", Vergani) angestrengt hatte. Wie der Kläger in seiner Klage ausführte. wHinie er in dem viel erörterten Ehrenbeleidigungsprozesse des antisemitischen Gemeinderates Körber als Zeuge vernommen. Dr. Gruber als Vertreter des Klägers stellte nach der Einvernahme d>>s Zeugen an diesen mehrere Fragen und soll schließlich dessen Aussage im Gerichtssaale mit den Worten .1) a s s i n d j ii d i s c Ii eL o z e 1 a. e h" kritisiert haben. Durch diese Aeuüerung. erklärte der Kläger in seiner Klage, hat Dr. Umher die Grenzen der Kritik, die jedem Anwalt aufteilt», sicherlich weit überschritten und ihn dem öffentlichen Spotte ausgesetzt und aussetzen wollen. Das gesamte Auditorium, führt ferner der Kläger aus, habe über diese Bemerkung gelacht und es sei daher dem Gegner die beabsichtigte Verhöhnung der IVrsm und der Konfession des Klägers vollständig gelungen. Als Angeklagter verantwortete sich wieder Dr. (früher dahin, daß ihm der Kläger, in dem Prozesse des (Jemeindera tes Körbor als Zeuge vernommen, auf seine Fragen ahsnlut keine präzisen Antworten neben wollte und den Fragen stets auszuweichen suchte, so daß er in seiner Erregung dem Zeugen zurief: „Machen Sie hier keine L o z e 1 a c Ii. sondern geben Sie auf ineine Fragen Antwort." — Den Ausdruck „jüdische Lozelach", erklärte Dr (iruber, halte er bestimmt nicht gebraucht. — Auf die Frage des Richters, was unter dem Ausdrucke „Lozelach" zu verstehen sei, erklärte Dr. Gruber: Soweit ich von dem Ausdrucke Kenntnis habe, bedeutet er als jüdisches DLalektwort nichts anderes, als das deutsche Wort „Mätzchen". Der Klageanwalt erklärte., daß unter ..Lozelach,, nicht einfach ...Mätzchen", sondern E r f i n d u n g e n und Dichtungen zu verstehen seien. - Der Richter beschloß, die Verhandlung zu vertagen, um den Bezirksrichtor Dr. Bilek, der den Prozeß Körber geleitet hatte, als Zeugen, ferner einen S a c h v e r s t ä n d i g e n über die Bedeutung des Ausdruckes ..Lozelach" zu vernehmen. Als ■Sachverständiger wird der bekannte Komiker und Direktor des „Budapester" Orpheums", E i s e n b a c h, vorgeladen werden, Es fragt sich aber,oh der Komiker E i s e n b a c h, der wohl Lozelach machen kann, der geeignete Mann ist, um die etymologische Bedeutung des Wortes „Lozelach" zu erklären. 1500 jüdische Metzgergehilfen haben in New-York zum Streik gegriffen, um ihre Lohnforderungen durchzusetzen. 800 ..koschere" Fleischer mußten infolgedessen ihre Läden sperren. Die Streikenden verlangen 8 bis 12 Dollars Wochenlohn, eine 13stündige Arbeitszeit und an Sonntagen einen halben Tag frei. Jüdische Soldaten in der Türkei. Im Sinne des kaiserlichen Finnans, wonach auch Nicht-Mohammedaner zum Militärdienste zugelassen werden, haben sich bereits in Konstautinopel einige hundert Juden einreihen lassen. Der ( hai ham-Baschi ist bemüht, für die jüdischen Soldaten die* rituelle Kost sow ie einen FeJdrabbiner zu erwirken. Zeitschriften-I^undschau. „Palästina11 gegen die Kolonialbank. Jrn letzten Hefte der Monatsschrift „Palästina" veröffentlicht Dr. Felix Theilhaber in einem Artikel „Die Agrarkreditbank" einen sehr scharfen Angriff gegen die Jüdische Kolonialbank. Wir lesen: „Wenn es nicht gelingen sollte, verschiedene große Organisationen für die Agrarkreditbank zu gewinnen, so ist es Aufgabe der zionistischen Bewegung, die Angelegenheit in großem Stile durchzuführen. Bisher ist ihr Palästinawerk einrecht dilettantenhaftes Pfuschen. Programm und Organisation liegt in ihrer Palästinarbeit nicht. Es fehlt am System. Die 6 Millionen der jüdischen Kolonialbank (der Name kommt wohl von lucus a non lucendo) liegen 10 Jahre schon tot in englischen Papieren und dergleichen angelegt. Nunmehr werden in langen Jahren Millionen finden Nationalfond gesammelt. Schade um das Geld, das so nutzlos in London und Köln aufgehoben wird. Und nun soll eine Bank mit 1 Million gegründet werden, bekannte Zionisten warnen sogar vor einer Gründung. Nein, es wird höchste Zeit, daß man totes Geld für eine lebensfrische Sache benutzt." » Der „Israelit" über den Wiener Kultusvorstand. Der Frankfurter „Israelit" beschäftigt sieh in einem ..Wiener Briefe" eingehend mit den Verhältnissen in der Wiener Kultusgeuieinde. Da der Wiener Kultuisvorstaud in seiner jetzigen Zusammensetzung Gewicht darauf legt, als k o n s e r v a t i v zu erscheinen, so dürfte es interessant sein, wie das Organ der konservativen Judenschaft in Deutschland die Wiener Verhältnisse beurteilt. Das Urteil ist keineswegs schmeichelhaft: ..Tiefbetrübend für uns Wiener Juden ist es, zu sehen, auf welch geistigem und kulturellem Tiefstand die so große jüdische Gemeinde, welche 180.000 Seelen zählt, angelangt Pst. Es wird viel vom Konservatismus, dor überall gepflegt wird, gefaselt; doch wie sieht dieseT in der Praxis aus? reberall krasse Unkenntnis der elementarsten Begriffe des Judentums, gepaart mit Indolenz, ja sogar mit Feindseligkeit gegen die kleine Minderheit der gesetzestreuen Juden. Die Folgen davon sind Mischehen und Massent a u f e n. und so ist das Ende gar nicht abzusehen. Spricht man über diese Situation mit den Herren vom Kultusvorstande, so bekommt man höchstens ein bedauerliches Achselzucken zur Antwort. Es ist übrigens zu glauben, daß diese Herren über die Ursachen der erwähnten Erscheinungen, u,m- -omehr über die Mittel, dieselben zu bannen, im Unklaren sind. Denn wie kann jemand, dem alles Gefühl und Verständnis für das praktische gesetzesausübende Judentum entschwunden ist, der sich mit einem Hohnlächeln über die „veralteten Zeremonien" und über die „kleinlichen Beschränkungen" hinwegsetzt, den Eifer und die Kraft aufbringen, sich für die von ihm selbst verachteten Institutionen einzusetzen? Ja. solange der Konservativismus dieser Herren darin besteht, einmal am Samstag den Tempel aufzusuchen und dem Rabbiner nach einer Predigt, in welcher so schön von Menschenliebe, von Solidarität aller Geschöpfe, von Wohl-

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