Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 23 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. Abraham Reisen: Mein erstes j4onorar. (Aus dem Jiddisch ubersetzt von Moritz Hacke.) Mein erstes Honorar war zwar nicht groß. Dafür war mir aber das Zwei-Kopekenstück umso sicherer. Denn das habe ich nicht von der Redaktion einer „großen" Zeitung bekommen, sondern von — meiner Großmutter. Ja, meine Großmutter hat gut gezahlt! Zwar war sie nicht — wie man vielleicht annehmen könnte, die Redakteurin irgend einer jüdischen Zeitung. O nein! Sie war eine einfache Krämersfrau, die mit Literatur nie in ihrem langen Leben etwas zu tun gehabt hat. Trotzdem war sie aber eine prächtige Frau und gute Jüdin. Gleichwohl hatte sie ein Faible für Reime, ... ja, Reime . . . Und so war sie die erste und einzige, die in meinen jugendlichen Jahren mein „Talent" anerkannt hat. Damals war ich ungefähr elf Jahre alt. Mein Vater durfte es nicht erfahren, daß ich — dichte. Denn erstens war er damals gegen den Jargon eingenommen und zweitens hätte er mir gesagt, es wäre für mich gescheiter, zu lernen. „Lieder", so sagte er, „sollen größere und ältere Menschen als du schreiben." Ja, das war seine Ansicht. Ich weiß aber wohl, warum er so dachte. Er ließ sich's nämlich nicht nehmen, gelegentlich selbst ein Liedchen zu machen. Und da dachte ich mir: Keine „Branche" wünscht Konkurrenz. Was ist da aber zu tun? Wenn der Vater es nicht will — geht's halt nicht. Aber . . . davon kann man niemand zurückhalten. Wenn der Vater mir sagen würde, ich solle nicht in den Wald gehen — würde ich da nicht gehen? Wenn mir der Vater im Winter verboten hätte, die angefrorenen Scheiben abzukratzen — würde ich sie nicht abkratzen? . . . Es gibt schon einen Ausweg. Ich sollte auf den Ofen klettern (das erlaubt der Vater) und meine Lieder singen. Man muß doch jemanden haben, dem man sie vorsingen kann. Es ist doch unmöglich, alles hei sich zu behalten. Denn ich glaube es jenen absolut nicht, die so selbstbewußt der Welt weiß machen wollen, sie sängen wie der Vogel in der Luft, um ihre eigene schöne Stimme zu hören — und die Welt ginge sie nichts an. Ja, wer's glaubt! Ein Mensch ist eben — kein Vogel. Das haben doch die Gelehrten schon längst bewiesen. Und wenn dor Mensch, das heißt der Dichter, eiti Lied dichtet, so muß er eben zwei Ohren haben, die sein Lied anhören. . . Wem hätte ich nun meine Gedichte vorlesen sollen? Dem Vater? Das war, wie ich schon früher begründete, unmöglich. Der Mutter? Sie ist aber eine geplagte Frau, wenn auch eine sehr gute Jüdin. Meiner älteren Schwester? Ja, sie versteht etwas von solchen Sachen, singt auch gar nicht schlecht. Sie wäre schon eher eine Zuhörerin für mich. Aber - ich bin im Jahre 860 Tage mit ihr böse Wir zanken uns nämlich bei jeder Gelegenheit .... Es bleibt mir also nur die Großmutter. Sie ist zwar schon eine sehr alte Frau, aber dafür um so welterfahrener. Sie ist immer bei guter Laune. Der große Beutel, den sie an einem Riemen um ihren Leib gebunden hatte, machte auf mich immer einen besonderen Eindruck. Bei seinem Anblick konnte man glauben, es befänden sich Reichtümer darin, und wenn die Alte hineingriff, hoffte man Schätze zu bekommen. Ihr trage ich des Abends, wenn sie vom Markt kommt, meine heuen Lieder vor. Sie wohnt im selben Hause wie ich, in einer Kammer bei ihrem Bruder, der ein großer Lehrer, aber ein sehr böser Mensch ist. Wenn ich zu ihr in die Kammer komme, sitzt sie an ihrem Tischchen und strickt Socken. Der Großvater, ein ernster, aber herzensguter Mann, sitzt beim Ofen und liest in einem Folianten. Ich gehe zur Großmutter hin, traue mich aber nicht, etwas von meinem neuen Gedicht zu reden, so lange sie mich nicht selbst darnach fragt. Da beginnt sie schon : „Nun, warum bist du so stumm? Sprich doch etwas!•' Das Herz klopft mir. Ich nehme aus der Tasche ein Stück Papier, das über und über mit Versen bekritzelt ist, halte es eine Zeitlang in der Hand, sammle Mut und beginne endlich : ,Ein Lied macht einer allein . . . ." „Sehr schön," lobt die Großmutter, bevor sie noch die ersten Worte gehört hat, „lies weiter!" Die Aufmunterung der Großmutter ermutigt mich und ich lese vor: „Für einen Groschen Geld Geht unter noch die Welt." Die Großmutter ist zufriedengestellt. Die zwei Zeilen gefallen ihr sehr gut. Sie wendet sich zum Großvater beim Ofen und fragt: „Hast du es gehört, Moische? Hörst du, was für ein Talent er ist?" Der Großvater ist aber nicht so entzückt wie die Großmutter und brummt etwas Unverständliches in den Bart. Ich höre bloß heraus: „Narreteien .... er soll lieber lernen . . . ." Diese Worte verfehlen nicht ihren Eindruck auf mich. Und meine Verse failen sogar bei mir selbst in ihrem Wert und ich sage mir heimlich selbst: „Wozu mache ich mich mit meinem Versekritzeln verrückt?« Da ermutigt mich wieder die Großmutter : „Hör' nicht auf ihn! Deine Verse sind sehr schön. Und es ist gut, wenn man etwas kann." Bei diesen Worten drückt sie mir eine Kopeke in die Hand und verspricht mir eine zweite für meine Sparbüchse, wenn ich ihr ein neues Gedicht bringen würde. Das soll ein Ansporn für mich sein. Ja, eine Kopeke war für mich damals ein Vermögen. Und so lege ich mich denn aufs Dichten. Mache ein Lied, noch ein Lied — drei Lieder auf einmal, so daß ich selbst über meine poetische Fruchtbarkeit staunen muß. Und ich überlege mir, daß ich in einem Jahr ein reicher Mann werden könnte, wenn ich täglich drei Lieder dichten würde. Dann sind ja die Lieder an und für sich schon etwas wert. Der Vater hält ja in der Tat nichts davon und er will auch nicht, daß ich Gedichte mache. Der Großvater ist damit auch nicht zufrieden und brummt, wenn ich sie der Großmutter vorlese. — Doch was gehen sie mich alle an! Ich habe doch meine Großmutter, die mir für jedes Lied eine Kopeke zahlt! . . . * Ich bin ein glücklicher Mensch. Ich habe ja schon ausgesorgt.....