Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 23 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 23 „Neue National-Zeitung" Seite 9 gefaßt und zu Boden geworfen und darauf von mehreren Polizisten in schrecklicher Weise mit Peitschen und Füssen geschlagen, während ihm der Prislaw fortwährend zurief: „Ruhig, nicht schreien!" Als Friedemann vor Schmerzen keinen Laut mehr hervorbringen konnte und völlig ohnmächtig wurde, kam sein Leidensgenosse an die Reihe, der ebenfalls blutig geschlagen wurde. Die Regierung hat es bisher nicht für nötig gehalten, diese grausamen Mißhandlungen seitens ihrer Polizeischergen zu untersuchen oder gar zu bestrafen. Es handelt sich ja bloß um Juden, die im „konstitutionellen Rußland" vogelfrei sind. Die Juden sind für Rußland offenbar nur dann Menschen, wenn sie als Bankdirektoren oder Börseaner seine Aktien kaufen. Dann bekommen sie sogar Orden. lieber die Juden in der Schweiz bringt die 162. Lieferung der „SchweizerischenStatistik" (1908), welche die wichtigeren Zählergebnisse der eidgenössischen Volkszählung vom 1. Dezember li)00 bebandelt, detaillierte Angaben. Die Zahl der Juden ist vom Jahre der vorletzten Volkszählung 1888, wo sie 8069 betrug, bis zum Jahre 1900 um 4195 gestiegen und beträgt demnach 12.264-. Die Zunahme betrifft beinahe alle Kantone. Von den Kantonen mit gegenteiliger Erscheinung fällt besonders A a r g a u auf, wo zwei eigene israelitische Bürgergemeinden (Neu-Lengnau und Neu-Endingen) bestehen. Im Bezirk Zurzach, zu welchem diese israelitischen Bürgerkorporationen gehören, betrug die Zahl der Israeliten im Jahre 1850 noch 1515, im Jahre 1900 bloß noch 589. 9259 Juden befanden sich am 1. Dezember 1900 in den 19 größeren Städten, also genau Dreiviertel der Gesamtzahl. Der außerordentliche Zuwachs in der jüngsten Zählperiode dürfte zu einem beträchtlichen Teil mit der Frequenz der Universitäten durch russische Staatsangehörige im Zusammenhang stehen. Eine jiddische Gratulation an den Grafen Aehrenthal. Die orthodoxen Juden der Bukowina haben dem Grafen Aehrenthal das nachfolgende in hebräischen und deutschen Buchstaben geschriebene Gedichtchen anläßlich seiner Erhebung in den Grafenstand gewidmet : Von dem hohen Himmel a Uruche1) Moire (ioft Aehrenthal groben, Kr soll Mühen in grol! 1 l.izluche*> Wie Kosen in der Pracht des Lebens Für seine ('hochme31 in Diplomatie Mit der bosnischen Anexie. * Seine (»egner bis letzten Moment, Haben wie höllisch teuer gebrennt, Aehrenthal will a liismark spielen V Soll Oesterreich Todesstöße fühlen? Uanz Knropn im Hlut ertränken V Man wird ihn haben zu gedenken! Ks wird ihn hüben zu gedenken : .Jeder österreichische I'ntertan Mit sein Seehel'i und dem Lenken In dem Jahre Neinizehuhutidertnau, Durch seine ('hochme in Diplomatie Kür die bosnische Anexie. * Seine (Jogner sind gefallen : Sein Vorhaben hat er durchgeführt. Freude des Friedens hört hkui schallen, Lud seine ( hochme hat die Krone, geziert. Hoch Franz Josef mit seiner Regierung! Hoch Aehrenthal zu der Entwirrung! Hoch Wilhelm mit seiner treuen Hand! Hoch Aehrenthal zum Grafenstand! Graf Aehrenthal hat durch seinen Präsidial" Sekretär dem Verfasser den Dank mitteilen lassen. 1) Segen. *j Glück. Weisheit. *) Vernunft. Juden im Dienste des Antisemitismus. AI-. Seiten stück zu der von uns veröffentlichten Korrespondenz zwischen Herrn Max Paul-Schiff und den Abg. Dr. Groß betreffend jüdische Beiträge als Baustein*,' für den deutschen — lies antisemitischen — Schulverein, i! öge liier folgender Brief veröffentlicht werden, den Hof- und (ierichtsadvokat Dr. Franz Ernst W e i s 1 au die „Selbstwehr"' gerichtet hat. Dr. Weisl schildert mit lapidaren, ti e-ffeiuleii Worten, bis zu welcher feigen Entwürdigung das Assi in ihm ten tum führt. In der Xummer vom 15. d. M. Ihres geschätzten Blattes schreiben Sie. daß der Prager Advokat Dr. Friedrich K a u fiii a ii n als erster Jude einen Baustein für die deutsch- •i n t i s e in i t i s c h e Sehulvereinss «mmlung, genannt Ro seggert'nnds. gezeichnet hat. Sie irren. Meines Wissens w«r der erste .lüde, der solches getan, der auch von j ü d i- > c h e ii S t i in m e n gewählte Landtagsabgeordnete Doktor Alfred F i s c h I in Brünn. Dies ist mir daher bekanut, daß im August 1. J. in Madonna di Canipiglio Ebengenannter im Verein mit dem Historiker Dr. Fried jung in Wien, ebenfalls einem Juden, unter Hinweis darauf, daß er. Dr. Fischl. selbst einen Baustein per 2000 Kronen für den liosegLfcrfouds gezeichnet habe, zwei jüdische Industrielle aus Hölimen gleichfalls zur Zeichnung veranlassen wollte. Diese Herren, bekannt durch ihren Wohltätigkeitssinn, mit dem sie ohne Ausehen der Konfession oder Nationalität zu hellen stets bereit sind, lehnten jedoch die Aufforderung des Dr. Fischl mit dem Bemerken ab, daß sie es mit ihrem MaTinesstolze unvereinbarlieh finden, einem Vereine, über d e s s e n j u d e n f e i n d 1 i c h e Tendenz seine Funktionäre, wie Dr. Groß und Professor Schmidt, keinen Zweifel lassen. Geldmittel zuzuführen. Einer der Herren Industriellen wollte mich als Schiedsrichter anrufen und so ejfuliT ich von der Sache. Ich erklärte mich für inkompetent, da ich als X a t i o n a 1 j u d e jede Beteiligung eines Juden au einem Kampf- oder auch nur Verteidigungsvereine gegenüber einer anderen Nationalität, als welcher der Deutsche Schulverein von seinen Herren bezeichnet wird, mißbillige. Gewohnt, gesellschaftliche Rücksichten zu üben, habe ich es unterlassen, in (»egenwart der Herren weitere Kritik zu üben. Als ich jedoch tagsdarauf Herrn Dr. Fischl allein antraf, erklärte ich, daß meines Erachteiis laute, wo das Elend in (■alizien so groß ist. daß selbst der antisemitische polnische Eandesausscliuß eine Enquete über das galizische Judenelend abhalten läßt und das Wort „Luftmensch" eigens für den galizischon Juden geprägt wurde, e;; Pflicht eines Juden, was er, Dr. Fischl. trotz der Taufe seines Sohnes, doch noch selbst ist. sei, seinen Wohltätigkeitssinn zunächst nach der Richtung der Milderung des Judenelends zu betätigen. Herr Dr. Fischl erwiderte darauf, daß ihm ein Deutscher e he n u ä h e r s e i a 1 s e i n J u d e. Nach dieser Erklärung mußte ich anerkennen, daß Herr Dr. Fischl bei Zeichnung des Bausteines für den Roseggerfonds sich konsequent geblieben. Auch ich blieb mir konsequent, indem ich mich mri meiner Frau empfahl und mit Herrn Dr. Fischl keine Rückst Krache mehr pflegte. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Ernst Franz Weis 1." Naftali Herz Imber ist nach kurzem Leiden im Aliec von 53 Jahren in XTew-Vork verschieden. Der Veratorbene w ar der Dichter des jüdischen Nationalliedes .,H a t i k w a h' (..Die Hoffnung"), das in allen Ländern bei jeder nationaljüdischen Veranstaltung erklingt. Imber wurde in Zloczöw (Galizion) geboren. Als Jüngling wanderte er in Europa und Asien umher, wobei er auch einigemale Palästina besuchte; er kam vor etwa 23 Jahren nach Amerika. Außer dem genannten Liede hat er noch eine Anzahl Gedichte verfaßt, die zu einem Bande unter dem Titel „Barkoji" vereinigt wurden. Der Verstorbene, den Za.ngwill in einer Skizze „Malki Zedek" geschildert hat, war in Denken uiv« Lebensführung eine äußerst originelle und interessante Persönlichkeit. Eine Konferenz zur Bekämpfung der jüdischen Wanderbettelei wurde vom Deutsch-Israelitischen G e m e i n d e b u n d für den 5. Dezember d. J. nach Berlin einberufen. Rüben Brainin, der bekannte hebräische Schriftsteller, hat sich zum Zwecke einer VortragstOÜm6e nach Newyork begeben.