Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1909-11-05 · Heft 23 (5.11.1909) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 23 (5.11.1909)
Date
1909-11-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2425679-2425773-2425797--1500-2427863
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 ,Neue National-Zeitung* Nr. 23 t)ie Gemeinde j4ohenems. Hohencms, Ende Oktober. In der einstigen Grafschaft Hohenenibs befindet sich seit vielen Jahren die einzige liberale Gemeindevertretung von Tirol und Vorarlberg. Die Zeit der segensreichen Kommunalvertretung ist nun zu Ende. Für den 15. November sind bereits die Neuwahlen ausgeschrieben. Die liberale Verwaltung war den Christlichsozialen und Klerikalen ein Dorn im Auge und es wird die ultramontane Agitation mit Hochdruck betrieben, um die liberale Gemeindeverwaltung zu beseitigen. Die Leistungen der liberalen Verwaltung waren für Hohenems geradezu außerordentlich. Das große, musterhafte Etisabelhspital mit dem separierlen Aerztehans, das vergrößerte Bürger-Altersversorgungshaus, ein neues Mädchenschulgebäude mit Luftheizung, die Hochquellenleitung in die Häuser, das Elektrizitätswerk und die elektrische Beleuchtung der Straßen, eine Badeanstalt, die Pflege der Straßen und Benennung derselben und schließlich das schöne praktisches Rathaus legen Zeugnis davon ab. Natürlich hat das Geld gekostet und die Gemeinde mußte Anleihen aufnehmen. Aber diese Gelder sind produktiv angelegt und ein Segen für jetzt und später. Nun hat die liberale Gemeindevertretung wirklich eine horrende Sünde begangen; sie benannte drei Straßen nach Juden! Die Straße um die Synagoge wurde zur Erinnerung an den berühmten Landsmann weil. Oberkantor Professor Salomon Sulzer S u 1 z e rgasse benannt; die Gemeinde kaufte ein Haus, läßt es demolieren, eine eiserne Brücke wird über den Emsbach hergestellt und die Sulzergasse erhält so die Verbindung mit der Graf Maximilian v. Embsstraße! Das Sulzerhaus in Hohenems wurde schon vor Jahren vom Wiener Männergesangverein, dessen erster Chormeister S. Sulzer war und zu dessen Schülern Dr. Olschbauer und Dumba gehörten, mit einer Gedenktafel „Sulzers Geburtshaus" und goldener Lyra verziert. Eine andere Straße heißt Brunnergasse zur Erinnerung an weil. Marco Brunner, den größten Banquier der Schweiz und Gutsbesitzer in Hohenems. Unser edler Kaiser Franz Josef, der immer mit der Kaiserin inkognito als Graf und Gräfin v. Hohenembs zu reisen pflegte, hat dem Elisubethspital in Hohenembs eine namhafte Spende anzuweisen geruht! Eine dritte Straße wurde Steinachstraße benannt. Die Aerzte Dr. Wilhelm S t e i n a c h und sein Sohn Dr. Simon S t e i n a c h waren die berühmtesten Aerzte im Lande Vorarlberg, im ganzen Bodenseegebiete und in den Kantonen Appenzell, Graubünden und St. Gallen! Als Dr. Wilhelm Steinach einst erkrankte, gingen die Juden in die Synagoge beten; gleichzeitig ertönten die Kirchenglocken und die Christen strömten in die Kirche, um für ihren Wohltäter zu beten. Als Dr. Simon Steinach Bürgermeister war, wollte er das Ghetto abschütteln und er prozessierte bis zum Verwaltungsgerichtshof; er gewann und die bis dahin politische Gemeinde wurde eine Kultusgemeinde. Der Sohn Dr Simon Steinachs ist der k. k. Universitätsprofessor Dr. Eugen Steinach in Prag, der heuer von der k. k Akademie der Wissenschaften in Wien für seine Publikationen den S t a a t s p r e i s erhielt! Die Schwarzen strecken auch nach dieser Gemeinde, die gleichzeitig die einzige Kultusgemeinde in Tirol und Vorarlberg ist, ihre Krallen aus, und wie wir fürchten — nicht vergeblich E. F. 5PRECHS/I/1L. „Der Jugendgottesdienst'1. (Eine Replik.) L ö b 1 i c h o R e d a. k t i o ii! Das Präsidium der Wiener Kultusgenioinde hat mehr Reklaniation über den Mangel eines Jugend Gottesdienstes einer amtlichen Erwiderung unterzogen, die s.ie ,.Richtigstellung" zu nennen beliebt. Die Kult.usgeme.inde behauptet e.s existiere ein Verein „Tefilas Ilaiieoriin", der Gottesdienst für die Schuljugend veransah et und daß dieser (Gottesdienst in verschiedenen ..Betstätten" abgehalten worden ist. Diese gottesdienstlichen Veranstaltungen sind bisher der Bevölkerung unbekannt geblieben, dieselben erscheinen auch nicht geeignet, der Hebung religiösen Gefühles zu dienen. Die Räumlichkeiten, welche ad hoc gewählt werden, die Artdes Zeremoniells setzen bei Kitern und der Jugend jenen Opfermut vi frans, welchen die Ahnen im alten Rom erfüllten, als sie in die Katakomben drangen, um ihren Gott zu federn, ihrer Religion zu dienen. Da.s jugendliche Gemüt braucht zur religiösen Weihe und Stimmung einen passenden Ort und leichter könnten die Erwachsenen in einen Balisa*!I zu einer religiösen Uebung geführt werden, als die Jugend i/. Betstätten. welche sich in der schmutzigsten Umgebung befinden, jedes Schmuckes entbehren und jeder modern gestalteten Gebetordnung, des Chors und der Orgel entraten. Da also, wie zugegeben wird, keine geeigneten Lokalo vorhanden sind, so mu!3 man sie schaffen. Wenn für die Mikwah 200.000 K ausgegeben werden, so muß man auch in der Lage sein, für den Jugendgottesdienst die notwendigen Räume herzustellen. Die Massentaufen in der jüdischen Bevölkerung Wiens sind ein trauriges Memento! Hochachtend Dr. F. K. £RE£SPCNDeNZtJN Oesterreich-Ungarn. Die Ausweisungen aus Rumänien. Wien, 1. November. Das brutale, allen Gesetzen der Zivilisation Hohn spre hende Vorgehen der rumänischen Regierung gegenüber den jüdischen Einwohnern dieses Landes hat bisher die sozi ddemokratische Partei ganz kalt gelassen. Es bedurfte erst der gewallsamen Ausweisung von Parteigenossen, um die Sozialdemokraten gegen die rumänischen Greuel zu mobilisieren. In der letzten Parlamentssitzung vom 29. Oktober hat der sozialdemokratische Verband in sehr energischer Weise die österreichische Gesamtregierung wegen der Ausweisung des Dr. Christe.i Racovski, des Führers der rumänischen Sozialdemokratie, interpelliert und dabei auch die Lage der dorligen Juden gestreift. Die Interpellation beginnt mit folgenden Worten: ..Die österreichische Regierung wurde seinerzeit sowohl im Abgeordnotonhause als auch in den Delegationen auf gewisse Vorgänge in Rumänien aufmerksam gemacht, die wegen ihrer Eigenart vom österreichischen Staat nicht unberücksichtigt gelassen werden sollten. Es sind dies die Massenausweisungen angeblicher Fremden aus Rumänien. In dein Zeitraum von) 15. März bis zum 15. Juni des Jahres 19! 7 sind allein 880 sogenannte ausweislose Fremde durch rumänische Grenzbehörden zumeist auf österreichisch-ungarisches Territorium, oft mit List und Gewalt, gesetzt worden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.