Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 23 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 23 Und daran sind zum großen Teil auch die Juden schuld. Sie wollen ihre Sache mit allzu viel Geräusch und Rede machen. Der Umstand, daß, wenn irgendwo zwei jüdische Familien sich niederlassen,?ie solches Aufsehen erregen und solchen Lärm machen, als wären sie ihrer hundert, ist auch ein Fehler der modernen, großen jüdischen Bewegung. Und es wäre doch besser, sie würden mehr tun und weniger schwätzen (moins bavarder, mais plus agir). Die großen Bewegungen können nicht mit großem Lärm gemacht werden. An dem Schaden und dem Erfolge der neuen großen türkischen Bewegung können auch die Juden sich belehren. Die Poesie ist bei großen Bewegungen eine wahrhaftige Gefahr. Das sage ich, der enragierte Revolutionär. So lange wir nur redeten, wurde der Despotismus mit uns fertig. Tausende büßten mit ihrem Leben, ihrer Freiheit für die Poesie der jungtürkischen Bewegung. Erst als wir das Geschwätz und die Poesie sein ließen und still, aber ausdauernd zu arbeiten begannen, gelangten wir ans Ziel. Auch die Juden müssen das Gleiche tun: wenig reden und viel arbeiten. Nicht mit Schlagworlen ein neues Vaterland erobern und dessen alle Bewohner erschrecken, sondern kommen, arbeiten und sich einsaugen, mit dem neuen Vaterlande sich befieunden, sich assimilieren, doch ihre alten Bräuche, ihren alten Glauben behalten, nützliche Bürger des neuen Vaterlandes werden; aber in Ruhe, ohne sonderlichen Lärm, ohne Affichierung. Es ist die große Stärke des Judentums, daß es sich überall aufs innigste den Verhältnissen anzuschmiegen versteht und doch auch seinen eigenen vieltausendjährigen Ueberlieferungen anzuhängen weiß. Sehe ich doch, daß der englische Jude ganz Engländerund in seiner Tradition doch religiös, in seinem Heim ganz Jude ist; sehe ich doch, wie deutsch der deutsche Jude, wie französisch der französische ist. Aber ich erkläre wiederholt: Die Juden müssen ihre Taktik ändern, weniger sprechen und lärmen, sondern mehr handeln. Und ich bin überzeugt, daß sie bei einer solchen geänderten Taktik, wenn sie nicht das Gespenstersehen der Eingeborenen und die Eifersucht der Fremden erregen werden, und wenn die Araber nicht vor ihnen für Jerusalem, die Europäer aber für Kleinasien fürchten werden, überall ihr Ziel auch erreichen werden. Wie schon Jahrhunderte hindurch, so wird sich auch in Hinkunft dieses wundersame Volk, das Gemisch des radikalsten Demokratismus und der verschlossensten Aristokratie, in das jungtürkische Reich gut einfügen. Nur muß mehr in dieser Richtung gehandelt werden und es darf weniger gesprochen werden. Ich sage wiederholt, sie mögen an unserem Beispiel, an dem Beispiel unseres Schadens und unserer Erfolge lernen. Der Zionismus darf kein Schlagwort, sondern eine Aktion sein. Und man darf sich gar nicht darum kümmern, was die Rothschilds über ihre Bewegung sagen und wie sich dieselben der Bewegung gegenüber benehmen. Die Rothschilds bleiben nun einmal dort, wo sie sind; ein neues Vaterland muß für die armen, arbeitenden Juden gesucht werden, und das muß klug gemacht werden, nicht, indem man untereinander streitet und die Rothschilds zu kapazilieren sucht. Und dieses arbeitsame jüdische Volk wird sich auch in großen Massen leicht mit den Türken und Mohammedanern befreunden, denn, sehen Sie, ich kenne nicht nur Philo und bewundere nicht nur die großen jüdischen Männer, sondern ich spreche auch gern ihr tägliches Gebet: „Baruch ata Adanaj elohenu melech hoolom" gern her. Ich halte mit diesem vernünftigen Zionismus..." Jules Huret*): Der Antisemitismus in Berlin. Wer ..Israel devant los Nation»*' von Anatole Leroy- Beauliou gelesen hat, kann kaum mehr länger Antisemit sein. Im (.»egenteil, mit jeder Seite dieses prächtigen Buches wächst die Bewunderung, die Hochachtung für dieses tüchtige, begabte, und lebenszähe Volk der Hebräer. Mit immer regerem Interesse folgt mau den Wandlungen seiner tragischen (ieschichte und fühlt Mitleid mit seinem Geschick. Indes verhilft dieses Werk auch zu besserem Verständnis dem Antisemitismus gegenüber. Es legt zugleich die einstige Hoheit und Größe der jüdischen Hasse dar und die heutigen Fehler, die aus ihrer Vermischung, den Verfolgungen, die es zu dulden hatte, und aus ihrer wirtschaftlichen Lage entstanden sind, so daß man zugleich bedauern muß, daß es nicht mehr jener heldenmütigen großen Juden gibt, an denen die Vergangenheit Israels so reich ist und daß an ihrer Stelle so viele „kleine"' Juden mit ihrer Eitelkeit und Zudringlichkeit getreten sind, mit den vielen, im Laufe der Zeiten erworbenenen unangenehmen Eigenschaften. Ich für meinen Teil bringe den Nachkommen alter jüdischer Familien, die kultivierter, liebenswürdiger, intelligenter und urteilsfähiger sind als wir, große Sympathie entgegen und habe .solche in Frankreich, England, auch in Deutschland, vor allem aber in Kußland kennen gelernt. Sie scheinen, wie zugegeben werden muß, nicht die geringste Verwandtschaft mit jenen ungehobelten., habgierigen, gesehmack- und taklosen Mestizen zu haben, die die Antipathie und die Geringschätzung, unter welcher die ganze Kasse zu leiden hat, manchmal begreiflich und entschuldbar machen. In Deutschland besitzt der Antisemitismus nicht den Charakter des offenen, gesetzlichen Kampfes, der ihm in Rußland innewohnt; Gesetze gegen die Juden gibt es hier nicht, aber er ist doch vorhanden, nur hüllt sich die Feindseligkeit in passivere Formen. Au Stelle des aufgehobenen Ghettos sind moralische Schranken getreten, heimliche allerdings, und das ist immerhin ein Fortschritt. Diese Feindseligkeit äußert sich verschieden, je nach dem Wesen derer, die sie bekunden, und nach der Kategojrie der Juden, der sie gilt. Sehen wir zu, wie sie sich in dem sozialen Leben Deutschlands dokumentiert: Die Juden können nicht den Offiziersrang erwerben, nicht einmal :u der Stellung eines Unteroffiziers des aktiven Heeres zugelassen worden. Kein Regimentskommandeur würde wagen, einen Juden zum Korporal zu ernennen, denn er könnte sich nicht die genügende Autorität verschaffen. Ausnahmen kommen hier keine vor, dagegen steht ihnen in Bayern die Reserve offen, in Nürnberg zum Beispiel, wo sie sich, allen Hindernissen zum Trotz, vermöge ihres Geldes durchsetzen.**) *) Jules Huret, der geistreiche Redakteur des Pariser „Figaro", gilt als Entdecker des modernen Interviews. Zu den besten Leistungen auf diesem Gebiete gehören seine „Rundfragen über die soziale Frage". Nun ist Huret daran gegangen, Deutschland zu schildern, ro>p. durch seine Darstellung den Franzosen nähe:" zu bringen. Von diesem Werke ..In Deutschland" ist je.zt bei Albert Langen in München der dritte Teil; ucliiene.i und er betitelt sich „Berlin". Dieses Buch liest sich sehr angenehm und anregend. Es behandelt das politische und gesellschaftliche Leben und das Treiben der Menge: Aschinger. Apachen usw. Als schairfer Beobachter hat Huret auch die Rolle charakterisiert, die in Berlin die Juden und im Zusammenhange mit ihnen der Antisemitismus spielen. Dieses für unseren Leserkreis höchst interessante Kapitel haben wir (d;en teilweise abgedruckt. D i e R e d a k t i u n. **) Als Beispiel wurde mir der Fall eines Sohnes des bekannten jüdischen Bankiers Bleichröder, der mit Bismarck befreundet war, angeführt; er ließ seinen Sohn zum preußischen Reserveoffizier ernennen, dieser schied jedoch nach einiger Zeit wieder aus, da er zu wenig Entgegenkommen fand.