Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 23 (5.11.1909)
- Date
- 1909-11-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 ____„Neue National-Zeitung"__________Nr^23 des jüdischen Volkslebens von Staatspensionisten oder Salonjuristen ausgetiftelt wurden, polemisieren würden. Die jüdische Nationalität, respektive das jüdische Volksbewußtsein ist stärker als das papierene Urteil des Reichsgerichtes und sie wurzeln zu tief in den Massen, als daß der Unwilltn des Herrn Präsidenten Dr. Unger und seines Richterkollegiums sie auch nur ins Wanken bringen könnten. Das obig.} Urteil stützt sich hauptsächlich darauf, daß im bürgerlichen Gesetzbuche besondere Bestimmungen über die Judenehen enthalten sind und ein besonderes Gesetz über die Kultusgemeinden bt steht. Ich will nun dem Reichsgerichte zu Hilfe kommen. Ich staune, daß diese hohe Gerichtsinstanz nicht selbst darauf verfallen ist. Es bestehen bereits d r e i Hofdekrete, welche die hebräische und jüdische Schrift in Acht und Bann legen und unter Ausnahmsgesetze stellen, wiewohl Hunderttausende sich ihrer bedienen. In Oesterreich kann man eine Urkunde in welcher exotischen Sprache immer niederschreiben: chinesisch, siamesisch, koreanisch, selbst hottentottisch. Eine solche Urkunde ist giltig Aber eine Urkunde, die in hebräi-chcr oder jüdischer Sprache niedergeschrieben wurde, ist „ungiltig und nichtig". Die Hofkanzleidekrete aus der guten alten, absolutistischen Zeit, die trotz Staatsgrundgesetze und trotz der neuen Zivilprozeßordnung als »materielles Recht" in Geltung blieben, haben folgenden Wortlaut : „Namensferligungen in jüdischer oder hebräischer Schrift, welche auf einer in landesüblicher Sprache im Inlande ausgestellten Privaturkunde vorkommen, sind bloß als Handzeichen anzusehen." (Hofdekret vom 20. Dezember 1842, Nr. 663 und vom 19. Februar 1846, Nr. 938, J. G. S.) „In hebräischer Sprache oder mit hebräischen oder jüdischen Buchstaben geschriebene Instrumente sollen für ungiltig und nichtig angesehen werden." (Hofkandeidekret vom 22. Oktober 1814, Nr. 1106, J. G. S.) Damit werden selbst tausende Juden, die sich im Wege der hebräischen oder jiddischen Sprache europäisches Wissen erworben haben, auf eine Stufe gestellt mit Analphabeten. Das krasse Unrecht, welches dadurch dem jüdischen Volksrochtc erwächst, wird nur durch eines überboten: durch die Schamlosigkeit, mit welcher sich die jüdisch-antisemitischen Ignoranten der „Arbeiter- Zeitung" über die Beschwerde des Dr. Diamant lustig machen. Wissen denn diese Herren mebt, daB Häckel, Marx, Lasalle. Kautsky ins Jiddische übersetzt wurden, und daß jüdische Genossen ganze Ballen dieser Broschüren über die Grenze nach Rußland schmuggeln, um dort unter der Arbeiterschaft, die nur jiddisch versteht, aufaufklärend zu wirken? Es ist kein Zufall, daß der liberale Dr. Unger und die „Arbeiter-Zeitung" bezüglich der jiddischen Sprache in ihrem Urteile einig sind. Wie einst die Liberalen, so wollen heute die pseudojüdischen Führer der österreichischen Sozialdemokratie den jüdischen Volksgeist erdrosseln, um Massenfutter für ihren Heerbann zu schaffen. Und darum werden diese Phrasenhelden stumm, wenn die jüdischen Volksrechte durch Ausnahmsgesetze niedergedrückt werden. L. Die Kolonisation der Juden in Palästina. (Ein Interview mit Dr. Tewfik Riza Bey.) Dr. Tewfik Riza Bey, der jungtürkische Parlamentarier und Führer der türkischen Deputation hat vor einigen Tagen gegenüber einem Redakteur des „Pester Lloyd" seine Sympatien für die jüdische Kolonisation in den Ländern des oltomanischen Reiches ausgedrückt. Er äußerte sich hierüber folgendermaßen: „Ich halte die Einwanderung der Juden in die türkischen Provinzen für eine Frage von höchster Wichtigkeit. Indes wissen Sie wohl auch, daß hierüber unter den Juden selbst die verschiedensten Auffassungen herrschen. Die Zionisten halten Palästina und dessen Hauptstadt Jerusalem für das Ziel der Einwanderung, und die jungen Leute möchten geraden Weges Jerusalem in Besitz nehmen. Die Territorialisten legen kein besonderes Gewicht auf das Heilige Land; sie würden wo immer gern für einwanderungsbereite Juden entsprechenden Besitz ankaufen. Und es gibt Juden, die überhaupt jede Bewegung perhorreszieren, wie zum Beispiel die A 11 i a n c e selbst, die einen entschieden antizionistischen Standpunkt einnimmt. Reinach will nicht einmal davon hören. Warum? Weil Reinach zu den Juden gehört, die die westliche Zivilisation so liebgewonnen, mit den Quellen der christlichen Zivilisation, dem Lateinischen und dem Griechischen sich bereits dermaßen befreundet haben, daß sie schon gar keinen Sinn für die Quellen des Judentums, für die hebräische Sprache und den Orient besitzen; anderseits ist es Tatsache, daß ein Teil des Judentums neuer Ansiedlungsorte bedarf, weil sie auf dem alten Gebiete nicht existieren können, da sie dort zu Tausenden ermordet werden. Hier muß ich bemerken, daß die Juden im türkischen Reiche nie verfolgt wurden. Wohl kam es vor, daß der eine oder der andere eine Unannehmlichkeit, daß hie und da ein Jude oder auch mehrere von ihnen ermordet wurden, von einer Massenverfolgung war jedoch nie etwas zu hören. Eine politische Verfolgung hatten die Juden in der Türkei nie zu erdulden, schon aus dem Grunde nicht, weil auch sie sich nie in die Politik mengten. Sie rissen den Handel an sich, begnügten sich aber damit und blieben im ungestörten Besitz ihrer Religion und ihrer Sprache. Heute nehmen sie wohl an der Politik ebenfalls teil, doch befinden sie sich dabei in der Gesellschaft der türkischen Intellektuellen, was die Sympathie derselben erweckt. Dcch nicht bei jedem Türken. Auch an mich stellten schon viele die Frage, warum ich ein so großer Zionist bin und die Einwanderung der Juden wünsche? Natürlich sagte man auch, ich sei deshalb ein so großer Freund der Judent weil sie mich bestochen haben, während ich sie, wie bereits erwähnt, d( shalb so sehr schätze, weil ich unter ihnen gelebt habe und einen Teil meiner Erziehung, und zwar den allerersten, ihnen und ihren ausgezeichneten Schulen verdanke. Ich muß jedoch gestehen, daß die Judenfrage auch für das türkische Reich viele Facetten hat und je nachdem, durch welche sie betrachtet wird, anders erscheint. Gewiß ist, daß in Konstantinopel weder in Regierungskreisen noch bei der Bevölkerung eine Antipathie gegen die Juden besteht. Der Antisemitismus ist hier unmöglich. Auf dem flachen Lande aber verhält es sich nicht mehr so. Die Masseneinwanderung der Juden kann hier leicht Schreckbilder — epouvantail — hervorufen.