Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 22 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE JÜDISCHE EHIQR/1TION. Versammlung der Wiener „lto". Wien. Am 18. d. M. fand im Sitzungssaale des Mariahilfer Bethausvereines eine von bürgerlichen Kreisen gut besuchte Versammlung des Zentralvereines der jüdisch-territorialistischen Organisation für Oesterreich statt. Nach Eröffnung und Begrüßung der Versammlung durch den Obmann, Herrn Dr. J. Samuel y, erstattete Herr M. Schmidt den Bericht über die im Juli d. .1. in London stattgehabte Konferenz des Internafionalrates der lto, an welcher Herr Schmidt als österreichischer Delegierter teilgenommen hatte. Dem Berichte ist zu entnehmen, daß die Londoner Konferenz über alle schwebenden Fragen der lto eingehend beraten hat. Was die territoriale Frage betrifft, hatte die Konferenz Gelegenheit, sich mit allen den Territorien, welche als Besiedlungsort durch die Juden in Betracht kommen können, eingehend zu befassen. Einen großen Raum in der Diskussion nahm naturgemäß M e s o p otamien ein, das jetzt im Vordergrund der Verhandlungen stehe. Es wurde einstimmig anerkannt, daß Mesopotamien als Territorium für konzentrierte Masseneinwanderung von allen diskutablen Projekten am geeignetsten sei, daß aber die Durchführung dieses Projektes nicht von einer einzigen Gruppe innerhalb des Judentums, sondern nur durch alle im Judentume vorhandenen wirtschaftlichen und sozialen Kräfte gemeinsam zur Durchführung gebracht werden könne. In der Londoner Konferenz wurden — besonders seitens des Professors S I o u s c h — Stimmen laut, daß das Cyr en a i c a - Projekt, das, wie bekannt, als Itoland fallen gelassen wurde, wieder aufgenommen werde. Professor Slousch mußte jedoch zugeben, daß C'yrenaica höchstens für 200.000 Personen eine Existenz bieten könnte. Dieses Zugeständnis hat denn auch genügt, um Cyrenaica wohl als eines der Einwanderungsländer, nicht aber als Itoland ins Arbeitsprogramm der lto aufzunehmen. Einen der wichtigsten Punkte der Tagesordnung der Londoner Konferenz bildete die Frage einer intensiven Tätigkeit auf dem Gebiete der Regulierung der Auswanderung mit besonderer Berücksichtigung des Texasgebietes via G a 1 v e s t o n. Z a n g w i 11 war in der Lage, mitzuteilen, daß in Amerika sich ein Komitee mit Jakob II. Schiff an der Spitze gebildet habe, welches die Galveston-lmmigration auf breiterer und sicher fundierter Grundlage systematisch organisiert. Ein Emigrationskongress in Wien. Nun geht Redner gleich auf den zweiten Punkt der Tagesordnung : „Stellungnahme zum E m i g r a t i o n s k o ng r e ß* über. Nach einer eingehenden Schilderung der unhaltbaren Zustände der Emigrationsverhältnisse berichtet Referent über die verschiedentlichen Besprechungen, welche im Frühjahre mit den verschiedenen Wiener Kreisen gepflogen Avurden. In diesen Konferenzen ist über die wesentlichen Punkte der Frage eine Einigung erzielt und beschlossen worden, vorerst bezüglich der Abhaltung der Referate und der Beteiligung der maßgebenden ausländischen Kreise im Wege einer unverbindlichen Rundfrage Informationen einzuholen. Referent schließt seinen mit Aufmerksamkeit und Beifall aufgenommenen Bericht mit dem Antrag, die nachfolgende Resolution anzunehmen : „Die am 18. Oktober 1909 vom Zentralverein der jüdischterritorialistischen Organisation für Oesterreich einberufene Versammlung begrüßt, mit großer Befriedigung die Einberufung eines allgemeinen jüdischen Emigrations-Kongresses nach Wien, und erklärt sich bereit, diesen Kongreß, von welchem sie die Schaffung einer einheitlich arbeitenden Weltorganisation zur Regulierung der jüdischen Auswanderung erwartet, nach jeder Richtung zu fördern." Nach dem Schlußworte des Obmannes, der nochmals auf die große Wichtigkeit der Regulierungsarbeit auf dem Gebiete der Emigrationsarbeit hinwies, und die Anwesenden zur Mitarbeit aufmunterte, wurde die Versammlung geschlossen. Für den Emigrationskongress in Wien. In der New-Yorker , F r o i o n A r b e i t e r s t i in in e" veröffentlicht der bekannte jüdische Sozialist Dr. F. Foriib e r g einen warmen Appell für die Einberufung eines E m i g r a t i >o n s - K o n g r e s s e s nach Wien. Er beklagt es. daß sich die jüdische öffentliche Meinung in Amerika bisher so wenig für die Auswanderungsfrage interessiert hat und fordert die amerikanischen Juden auf, diesen Kongreß zahlreich zu besuchen. Ihre Anwesenheit beim Kongreß soll dazu dienen, um die europäischen Juden über die amerikanischen Krwerbsverhältnisse zu belehren und auch über den Einfluß der Emigration auf die Lebensverhältnisse der amerikanischen Juden aufzuklären. s Die Warschauer Territorialisten für den Emigrationskongress. Der Vorstand der territorialistischen Organisation in Warschau hat zur Einberufung eines Emigrations-Jvongresses Stellung genommen und nachstehende Beschlüsse gefaßt: 1. Die Schaffung einer allgemeinen jüdischen Auswanderungs-Organisation ist im Interesse der Regulierung der jüdischen Auswanderung unbedingt nötig; 2. die territorialistische Organisation hat die Pflicht, an den hiezu notwendigen Vorarbeiten aktiven Anteil zu nehmen; 3. die Warschauer territorialistische Organisation wird zum Emigrations-Kougreß einige Delegierte entsenden. Die amerikanischen Arbeiter gegen die Einwanderung. Die organisierte amerikanische Arbeiterschaft verlangt eine Verschärfung der Immigrationsgesetze und stellt dabei folgende Forderungen auf: 1. Es sollen in Amerika nur solche Emigranten Einlaß finden, deren heimatliche Lebensbedingungen den amerikanischen entsprechen. 2. Jeder Neuankommende soll 10 Dollar — statt der jetzt vorgeschriebenen 4 Dollar — entrichten. 3. Jeder Immigrant, der nicht zur Kategorie der politisch Verfolgten gehört, muss 25 Dollar und eine Fahrkarte bis zum Reiseziel besitzen. 4. Jeder Einwanderer über 14 Jahre muß die amerikanische Konstitution in englischer oder seiner Heimatsspraehe lesen können. Es sei hervorgehoben, daß die Unzufriedenheit der amerikanischen Arbeiter mit dem wachsenden lmmigrationsstroin hauptsächlich durch jene Einwandererkategorien hervorgerufen wurden ist, in der die J u d e n y e r h ä 1 t n i smäßig wenig vertrete n s i n d. und die besonders viel Polen, Italiener. Magyaren und Slowaken umfaßt. Es ist jedoeh klar, daß eine Erfüllung der angeführten Arbeiterforderungen auch den jüdischen Emigra nt e n die Einwanderung in Amerika so gut wie unmöglich machen würde.