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Neue Nationalzeitung · 1909-10-22 · Heft 22 (22.10.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 22 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 „Neue National-Zeitung"___ Seite 7 sehr notwendig sein, daß die Juden nicht aus falscher Scham je ein Mandat an ihre christlichen Mitbürger« abgeben. Es sieht auch noch nicht fest, daß alle Mandate in jüdiseh-nalionale Hände gelangen werden. Dazu ist noch viel Agitation und Organisation notwendig. Möge das kleine Bukowina wie mit dem Projekte der Wahlkurie auch naca dieser Richtung den Juden der anderen Länder mit dem Beispiele vorangehen. * * \ * \ Ein historisches Dokument. Nachdom der Minister H a e r d l I die jüdische Walkurie aus dem Entwürfe ausschaltete, hat sich der Permanenzausschuß an ihn im telegraphischen Wege mit der Anfrage gewendet, ob man nicht die N a m e n I o s i g - keit der Juden im Wahlgesetze aufheben und an deren Stel'e die selbstverständliche Bezeichnung »Juden« oder »jüdische Bevölkerung« aufnehmen könne. Darauf erwiederte der Minister mit dem nachfolgenden historischen Telegramme: »Jedwede Bezeichnung der Wahlbezirke, Wahlkörper oder Wahlkurien als jüdische oder als deutschjüdische ist im Sinne des h. o. Erlasses Z. 10259/M. J. absolut u n z u 1 ä s i g. Uebrigens dürfte eine Bezeichnung der Wahlkurien anders als mit Nummer n vollkommen überflüssig sein. Jede Charakterisierung der Bevölkerung durch jüdische oder deutsch-jüdische im Gesetzentwurfe oder Beilagen zu denselben wäre hintanzuh a I t e n«. * * * Die Versammlung am Salzgries. Wien, 11. Oktober Unter Ausschluß der Oeffentlichkeit »arbeitet« in Wien seil einigen Jahren ein politischer Verein, der sich den hochtrabenden Namen »Jüdischer Nationalverein in Oesterreich« beigelegt hat und dem es wohl gelungen sein dürfte, bis an 10 volljährige Männer unter seiner Fahne zu versammeln. Da gegenwärtig in Wien die ganze jüdisch - nationale Bewegung von Herrn Lucian B r u n n e r in Pacht genommen wurde, so darf es nicht wundern, wenn derselbe an die Spitze des jüdisch-nationalen Vereines sein Faktotum gestellt hat Auch sonst spielen zumeist in diesem Vereine solche Herren eine Bolle, die als Bedaktionsmilglieder der »Jüdischen Zeitung« bei Herrn Brunner in festem Gehalte stehen. Seitdem Herr Brunner in Gesellschaft dieser Leibgarde in Döbüng die Versammlung des Baron Hock zu sprengen versuchte und dadurch die Entrüstung selbst jüdischer Kreise hervorrief, hat man von dieser Gesellschaft fast gar nichts mehr in der Oeffentlichkeit gehört. Die sonderbare Haltung, die Abgeordneter Kuranda in der Frage der jüdischen Kurie eingenommen hat, scheint für Herrn Brunner als der richtige Moment aufgefaßt worden zu sein, um sich wieder dtr Oeffentlichkeit aufzudrängen. Zu diesem Zwecke wurde den 11. d. M. eine Wählerversammlung in das Cafe „Concordia" einberufen. Die Versammlung verdient es, näher geschildert zu werden. Nicht nur wegen ihrer Zusammensetzung, sondern wegen des Tones, der bei derselben herrschte, und der Taktik, die dort zum Ausbruche kam. Man sollte glauben, daß eine von einem jüdisch-nationalen Vereine einberufene Versammlung sich nicht bloß mit der Kritik eines mißliebigen Abgeordneten begnügen, sondern auch die Gelegenheit benutzen sollte, für das jüdisch-nationale Programm und die jüdische Wahlkurie Propaganda zu machen. Nun ist aber das Letzlere und Wichtigere nicht geschehen. Die Leitung der Versammlung und die offiziellen Redner waren vielmehr vom Bestreben geleitet, sich ausschließlich auf die „Abschlachlung" des Abgeordneten Kuranda zu beschränken. In der Versammlung waren drei Wähler des Dr. Kuranda, ca. zehn Wähler aus anderen Bezirken und einige Dutzend zionistischer Studenten anwesend. Der Referent Dr. K o h n kritisierte die Abgeordneten Ofner und Kuranda und forderte den letzteren namens der zahlreich versammelten Wählerschaft des I. Bezirkes (3 Wähler!) in einer Resolution auf. sein Mandat niederzulegen. Nach ihm kam zu Wort Herr Lucian B r u n n e r. Derselbe forderte seine Getreuen auf, mit Ohrfeigen zu kämpfen. Er meinte, daß, wenn Herr Kuranda nicht in die Versammlung gekommen sei, so mtiße man ihm überall in seine Versammlungen nachgehen. Redner pries die Sprengung der Hock'schen Versammlung als eine großartige Tat. Hierauf sprach Ingenieur Fried, der das deutschliberale System und die „Neue Freie Presse" angriff. Keiner der bisherigen Redner hatte für die jüdische Wahlkurie auch nur ein Wort verloren, von keinem wurden der schwierige Kampf der Juden in der Bukowina und die Verdienste des Dr. S t r a u c h e r auch nur gestreift. Der Vorsitzendegingnundaran, die Resolution zur Abstimmungzu bringen. Da verlangte der Herausgeber unseres Blattes, Dr. S. R. Landau, als einer der anwesenden drei Wähler des Kaiviertels, das Wort. Den alleinigen Pächtern des „National- Judentums" wurde es recht schwül. Den Bediensteten des Herrn Brunner wurde es mit einem Male klar, daß doch noch jemand da war, der ihnen auf die Finger klopfen konnte. Speziell ein Nordbahnbeamter, namens Abeles, der als Redakteur der „Jüdischen Zeitung" im Solde des Herrn Brunner steht, bemühte sich, durch fortwährende Zwischenrufe sich des Vertrauens seines Dienstherrn würdig zu zeigen. Die Ausführrungen des Dr. Landau waren kurz, sie ließen aber an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Dr. Landau erklärte, es könne nicht bloß die Aufgabe der Versammlung sein, den Abgeordneten Kuranda „abzuschlachten", ihre Pflicht sei vielmehr, zur jüdischen Kurie Stellung zu nehmen. In den heute eingelangten Czernowitzer Blättern sei die Nachricht enthalten, daß der Permanenzausschuß sich auf den vom Ministerium abgeänderten Wahlreform-Entwurf geeinigt habe und es sei daher notwendig, eine Enunziation für die jüdis» he Wahlkurie zu beschließen und sie dem Dr. Straucher bekannt zu geben. Während die besonnenen Elemente in der Versammlung diese Ausführungen mit großem Beifall aufnahmen, marschierten zwei Redakteure des Herrn Brunner auf, um Dr. Straucher gegen Dr. Landau „in Schutz" zu nehmen. Die jungen Herren mußten auf ihren „Chef" Rücksicht nehmen und unterzogen sich ihrer Aufgabe, indem sie gleichzeitig Dr. Straucher mit Vorwürfen überhäuften, daß er zwar die jüdische Kurie verlange, allein bei Schaffung von nationalen Schulen in Czernowitz es unterlassen habe, die Errichtung jüdischer Schulen vom Gemeinderate zu verlangen. Als Dr. Landau diese Ausführungen widerlegen wollte und sich das Wort erbat, wurde es ihm vom Vorsitzenden verweigert, wogegen Dr. Landau unter stillschweigender Billigung des Vorsitzenden von einem der Brunnergarde angehörigen Studenten angeflegelt wurde. Auch dem Bankier E r w i n, einem der drei anwesenden Wähler, der um das Wort bat, wurde dasselbe mit der Motivierung verweigert, er sei ein .,Landauist". Hierauf wurde die ,.jüdischnationale" Versammlung geschlossen und die Veranstalter der Versammlung hatten nichts Eiligeres zu tun, als ihren Triumph der klerikal-antisemitischen „Reichspost" mitzuteilen. Richtig war auch neben dem „Neuen Wiener Journal", in dem ein ehemaliger Kadimahner die Nachtredaktion führt, die „Reichspost" das einzige Morgenblatt, welches von den „Erfolgen" des Herrn Lucian Brunner und seines Vereines zu erzählen wußte. Nur noch einige solche „Erfolge" urd Herr Lucian Brunner wird die jüdisch-nationale Idee in Wien ebenso wie die demokratische diskreditiert haben.

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