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Neue Nationalzeitung · 1909-10-22 · Heft 22 (22.10.1909) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 22 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Die Rede Dr. Strauchers. Aus der Debatte sei in erster Linie die dreistündige Rede Dr. Strauchers hervorgehoben, die an Schärfe und Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. Redner tritt zunächst für das aligemeine, gleiche Wahlrecht ein und übergeht hierauf zur Frage des Katasters, den er einzig und allein als die richtige Vertretung der Nationen ansieht. Dr. Straucher greift weiters die Regierung und den Minister des Innern H a e r d 11 an, weil er in falscher und verdächtiger Fürsorge den jüdischen Kataster verweigert hat. Die Juden sind im Entwurf namenlos und nur mit „Nummern" bezeichnet. Das sei die g r ö ß t e Schmach und Demütigung, welche sich eine selbstbewußte Landesvertretung nicht gefallen lassen darf. Der Landtag soll unbedingt beim nationalen Kataster bleiben, die Regierung wird ihn bewilligen müssen, gleichgiltig ob jetzt oder kurze Zeit später, denn Baron Haerdtl wird nicht ewig Minister des Innern bleiben. Das gleiche Schicksal hat auch die Lex Kolisko-Axmann gehabt. Man darf sich nicht wankelmütig zeigen, die Regierung wird unbedingt nachgeben müssen. Redner weist aus dem §19 der St.-G.-G. nach, daß dort der Begriff der jüdischen Nation existiere, trotzdem komme die Bezeichnung „Juden" im Entwürfe nicht vor, hingegen die Bezeichnung „Armeno-Polen", welche sonst in keinem Gesetze zu finden sei. Der Begriff Vorsanktion dürfte niemanden von seiner Haltung abschrecken;dieVorsanktion sei zwar für diesen Entwurf erlangt, im Gesetze existiere aber ein solcher Begriff nicht. Redner schließt sich bei Besprechung der Struktur des Gesetzes den Ausführungen des Abgeordneten Skedl bezüglich der schlechten Zusammenlegung der Wahlkreise an, meint, daß die Juden nach diesem Entwürfe, in welchem die nationale Autonomie angebahnt ist, durch das Reklamationsverfahren ausgesperrt bleiben könnten und warnt eindringlichst, die Deutschen und Juden zu vergewaltigen. Redner schildert hierauf in eingehender Werse die mächtige Entwicklung der jüdisch-nationalen Bewegung und greift die Abgeordneten Löwenstein, Kuranda, Hofrat G o m p e r z und die „Neue Freie Presse" (Abgeordneter Skedl: „Ja, die nützt niemandem") an, fährt nachher fort unter Berufung auf den seinerzeitigen Vortrag des Professors Ehrlich und eines polnischen Schriftstellers und stellt schließlich den Antrag, den Entwurf an den Permanenzausschuß zwecks Schaffung einer neuen Vorlage auf Grund des nationalen Katasters zurückzuleiten. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen) Abg. Wassilko und ein Wiener Millionär. Auch Abgeordneter v. Wassilko hat in seiner Rede namens der Ruthenen zur jüdischen Wahlkurie in prägnanter Weise Stellung genommen. Seine Erzählung von der Begegnung mit einem Wiener Millionär hat den Landtag erheitert. „Wir sind," sagte Wassilko, „meine Herren, auch für den jüdischen Kataster eingetreten, leider hat ihn aber die Regierung abgelehnt. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich auf die ruthenisch-jüdische Waffenbrüderschaft hier im Lande zu sprechen kommen. Ich möchte zunächst konstatieren, daß wir Ruthenen im Parlamente als eine unterdrückte Nation stets mit den Juden gehen. (Bravo!- Rufe.) Ich hatte vor einigen Tagen Gelegenheit, ein Blatt zu lesen, in dem es hieß, Wassilko sei ein Antisemit geworden. Meine Herren! Ich erkläre Ihnen, daß wir gegen die jüdischen Pilze noch zu einer Zeit aufgetreten sind, als beispielsweise Herr Wiedmann noch gar nicht hier im Hause saß. Aber, meine Herren, wir generalisieren nicht! Jüdische Wucherer sind noch nicht das jüdische Volk. (Lebhafter Beifall.) Wir kämpfen nicht allein gegen die jüdische Korruption, sondern gegen die gesamte Korruption. Ich kann Ihnen, meine Herren, das Geheimnis verraten, daß mir bei meiner Wahl in den Reichsrat viele jüdische Stimmen gefehlt haben, ein Umstand, der mich keineswegs veranlaßt«, gegen die Juden im Allgemeinen aufzutreten." (Dr. Straucher: Sehr richtig!) Abgeordneter Nik. v. Wassilko: „Hoher Landtag! Wir müssen es uns zugestehen, daß der Kataster auch für die Juden eine Lebensfrage war, und wenn gerade der jüdische Kataster von der Regierung abgelehnt wurde, so möchte ich darauf verweisen, daß die Juden dabei doch nicht schlecht davonkommen." (Dr. Strauch er: „Oho!") Abgeordneter v. Wassilko: „Pardon, Straucher, ich werde Dir das gleich beweisen! (Dr. Strauch er: „Ich bin sehr neugierig!*') Abgeordneter v. W a s s i 1 k o: „Ich ging vor drei Tagen in Wien durch die Ringstraße, als mir ein jüdischer Millionär begegnete und mir zurief: Herr von Wassilko. Sie sind ja ein Antisemit! Sie haben ja für den jüdischen Kataster gestimmt." (Dr. Straucher: „Hat denn ein Millionär ein Anrecht darauf, Verstand zu haben?'' Heiterkeit!) Nik. v. Wassilko: „Pardon", warf ich ein, „Dr. Straucher, der berufene Vertreter der Juden in der Bukowina, ist doch auch für den jüdischen Kataster eingetreten. Ist denn Dr. Straucher, fragte ich verwundert, am Ende auch ein Antisemit?" Was die Handelskammermandate betrifft, seien dieselben nach Ansicht des Redners jüdischer Besitzstand. (Dr. Aurel v. Onciul: Wir könnten sie den Juden auch notariell zuerkennen.) Abgeordneter v. Wassilko erklärt, daß den Deutschen kein Unrecht widerfahren sei, zumal auf 7000 Deutsche ein Mandat falle, während auf 11.000 Juden ebenfalls bloß ein Vertreter falle. Redner erklärt, daß Dr. Straucher der einzige Abgeordnete im Permanenzausschusse war, der gegen den Entwurf aufgetreten sei. Die Deutschen, meint Redner, müssen Farbe bekennen. Sie dürfen nicht im Geheimen antisemitein und öffentlich als Judenfreunde sich gerieren. Die Rede Dr. von Wolczynskis. Der rumänische Abgeordnete Dr. v. Wo Ic z y n s k i erklärt vielleicht zum erstenmale vollinhaltlich mit Herrn Nikolaj v. Wassilko übereinzustimmen. Redner reagiert auf die Ausführungen des Rektors Dr. Adler und meint, die Rumänen und Ruthenen hätten sich längst gegen die vermittelnde Rolle der Deulschen und Juden gewehrt. Im Uebrigen billige er vollkommen den Standpunkt der Juden, welche die dritte Nation im Lande seien und ein Recht haben auf Anerkennung ihrer Nationalität. Auch die Interpretation des Abgeordneten Halban und die Scheidung zwischen politischen und juristischen Gesetzen leuchte dem Redner nicht ein. Die politischen Gesetze sollen abgeleitet werden von den bestehenden Verhältnissen und nach diesen tue man den Juden großes Unrecht, wenn man ihnen die eigenen Kataster vorenthalte. Selbst Hofrat Dr. Skedl, der von jüdischen Wählern entsendete deutsehe Abgeordnete, kritisierte die Streichung des jüdischen Katasters und nannte die Zusammenlegung der Juden mit den Deutschen »eine Ehe, in welche die Regierung Deutsche und Juden widerwillig hineinzwängt«. Aber alles half nichts. Der Landtag konnte und wollte gegen den Eigensinn des Herrn v. Haerdtl nicht aufkommen. Die Juden, richtiger die »Namenlosen«, in der Bukowina erhalten 9 Mandate: 2 in der Handelskammer, 2 im Großgrundbesilze, o städtische (Zensur-) Mandate und 2 Mandate in der allgemeinen Wählerklasse. Damit ist noch nicht gesagt, daß die Juden alle neun hiben müssen. Denn es wird speziell in der Handelskammer und im Großgrundbesitz

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