Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 22 (22.10.1909)
- Date
- 1909-10-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" E. M. Lilien: Kain. Aus „Die Bücher der Bibel". Verlagvon George Westermti in den Soldatenrock und schickt sie nach dem fernen Osten, damit sie das heilige Rußland gegen Japan verteidigen! Ich rate allen russischen Juden dieses Bild niemals zu vergessen! Und unendlich erscheint die Zahl der Blätter und Kompositionen in der Mappe Liliens! Famose Radierungen wie die seiner Frau und seines Kindes, des Abraham, des „Davids-Turm in Jerusalem", die ergreifende „Klagemauer", die „Wüstenwanderung", seine Ex- Libris, das sind alles Arbeiten voll Talent der Konzeption und Produkte einer ausgebildeten Technik. Zum Schluß möchte ich noch eines hervorheben. Ich habe mit besonderem Fleiße die Künstler jüdischer Nation studiert und über jeden eine gewisse Kontrolle ausgeübt. Und merkwürdig! Unter den Juden aller Länder ist der aus Polen stammende Lilien am meisten künstlerisch begabt. Er hat alles das, was ein wahrer Künster haben soll: Begeisterung, seelische Empfindung, rege Phantasie und ausgebildete Technik. Die jüdischen Künstler in Deutschland sind gewöhnlich trockene Porträtsmaler, mehr oder weniger gut; die aus Holland sind Genremaler, in Frankreich sind sie wie die Franzosen; mit einem Worte, sie sind als Künstler interna üonal, ohne irgend ein jüdisches Merkmal. Die jüdischen Künstler aus Polen erkennt man aber sofort an ihrer Weichheit, an dem seelischen Zusammenhang mit ihrer Nation und Ueberlieferung. Sie sind auch die besten, und obwohl sich einige — besonders hier in Wien — unbedingt als „Russen" (!) gerieren, so sind sie trotzdem nur aus'den polnischen Landen, allerdings unter der russischen Knute. Ich freue mich, daß ich diesen Artikel über einen großen jüdischen Künster geschrieben habe, einen Künstler, der doch mein Landsman ist, der ein Jude sein will, und seine Kunst dem jüdischen Volke ganz in der Ueberlieferung der Tradition opfert, ohne sich dabei seiner polnischen Abkunft zu schämen! Im Gegenteil: Lilien erzählt immer, daß er die Größe seiner Empfindungen und Konzeption der polnischen Scholle verdankt. Wien, im Oktober. Advokat A. Brodsky. Der jüdische Deputierte von Odessa. Petersburg, den 15. Oktober. Die Zahl der jüdischen Mitglieder in der russischen Duma ist um eines vermehrt worden und beträgt gegenwärtig drei. Nach schweren Kämpfen ist es der Unerschrockenheit und dem seltenen Mut der Judenschaft von Odessa gelungen, in dieser Stadt einen jüdischen Advokaten, Arkadi Aron Brodsky, zum Deputierten zu wählen. Dieser große Sieg wird um so höher bewertet werden, wenn man in Betracht zieht, daß nicht nur die schwarzen Hundertschaften, sondern auch der Generalgouverneur selbst den jüdischen Wählern mit Tod und Vernichtung drohte, wenn sie während der Wahlen nicht zuhause bleiben, und daß bei dieser Wahl weder in Versammlungen noch in den Zeitungen der Name dieses jüdischen Kandidaten auch nur genannt werden durfte, weswegen diese Wahlen auch als stumme Wahlen bezeichnet wurden. Trotz all dem ist Brodsky gewählt worden. Und wenn er auch als Kandidat der Kadettenpartei aufgetreten ist, so kann man dennoch nach allen seinen Aeußerungen mit Recht erwarten, daß er sich in er>ter Linie als jüdischer Deputierter betrachten wird. Der neugewählte Deputierte ist 47 Jahre alt und wurde in Jekaterinoslaw geboren. Im Alter von )6 Jahren bezog er die Universität in Odessa. Nach Absolvierung der Universität wurde er Konzipient in der Kanzlei des berühmten Metschnikow, wo er gleichzeilg mit dem jüngst verstorbenen Deputierten Pergament tätig war. Als Brodsky daran war, im Jahre 1890 die Advokatie zu erlangen, wurde jener antisemitische Justizministerialerlaß veröffentlicht, wonach Juden von der Erlangung der Advokatie ausgeschlossen waren. Dies hatte zur Folge, daß sich viele Advokatursgehilfen tauften. Brodzky wollte sich jedoch hiezu nicht entschließen und wartete noch 15 Jahre bis jener Erlaß außer Praxis gesetzt wurde. \ > Inzwischen wurde Brodsky jedoch nicht nur afä Verteidiger, sondern auch als mutiger Vertreter der jüdischen Interessen bekannt, und seiner Tätigkeit nach dieser letzteren Richtung hat er auch seine Wahl zu verdanken. Ueber seine Pläne in der Duma äußerte sich Brodsky einem Zeitungskorrespondenten gegenüber folgendermaßen : „Ich weiß, daß sich alle russischen Juden für den Ausgang der Odessaer Wahlen besonders interessieren, da es ja für sie von großer Wichtigkeit ist, einen dritten Abgeordneten in der Duma zu haben. Ich gehe daher mit Freude und dem Bewußtsein einer schweren Verantwortung in die Duma, entschlossen, meinem Volke zu dienen und ihm meine geistigen Kräfte zur Verfügung zu stellen. Denn ein jüdischer Deputierter kann nicht laut genug in der Duma gegen die unmenschliche Behandlung der Juden in Rußland protestieren. Meines Erachtens wäre es die erste Aufgabe eines jüdischen Deputierten in der Duma eine günstige Stimmung für die Judenfrage zu schaffen, dann aber auch in entschiedener Weise die immer heftiger wordenden Angriffe der Juden in der Duma zurückzuweisen. Allerdings muß ich Ihnen offen gestehen, daß ich mich jetzt, wo der Deputierte von Odessa als Deputierter der gesamten russischen Judenschaft betrachtet wird, dieser großen nationalen Ehre nicht genug würdig erachte. Das jüdische Volk hat viel angesehenere nationalgesinnte Männer. Für mich spricht nur der Umstand, daß ich mich stets als Jude fühlte und bereit bin, nach meinen Kräften die jüdischen Interessen zu verteidigen". Die schwarzen Hundertschaften haben gegen die Wahl Brodskys Protest eingelegt, da die Stimmzettel auf Arkadi lauteten, während er im Geburtsmatrikel Aron genannt wird. Es ist aber nicht anzunehmen, daß izwei Drittel der Duma diese Wahl annullieren werden.