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Neue Nationalzeitung · 1909-10-22 · Heft 22 (22.10.1909) · p. Seite 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 22 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 Seite 3 St. von Lewandowski ( Wien): biliens graphische Ausstellung. In dieser Zeit, wo man alles unschöne, unnatürliche, oft mit minimalem Talente, aber pfiffig bei den Haaren herbeigezogene als „moderne Richtung" in der Kunst bezeichnet, wird ein wirklich modern empfundener Künstler — zur RnriüU! Man betrachtet seine Arbeiten und bewundert seinen Fleiß oder seine Ehrlichkeit. Ich sage: man bewundert, d'-nn eigentlich denkt man sich dabei was andere?, nämlich, daß man ja jetzt ohne Fleiß und Ehrlichkeit, auch ohne viel Talent ein „Moderner" sein kann. Diese Gedanken haben sich mir in der Ausstellung des Malers E. M. Lilien aufgedrängt. Seine hier ausgestellten Werke sind zwar nur graphische, schwarzweiße Zeichnungen;__________ aber eben diese offenbaren uns schon die ganze Fülle der Empfindung und seelischen Begeisterung, sowie die ungemein große Phantasie seines Talentes. Es ist doch leichter, mit den Mitteln der Farbe das große Publikum zu interessieren, als mit einer weißen, schwarz gezeichneten Fläche. Durch Liliens Illustrationen zieht sich wie ein Schleier die starke glühende Phantasie des Ostens; in seiner Wiedergabe der verschiedenen Kompositionen fühlt man Seele unüVerständnis für den Inhalt eines modernen Gedichtes oder einer biblischen Ueberlieferung. Jede seiner Arbeiten macht den Eindruck des Monumentalen, nicht nur durch die großen Linien, mit denen sie auf die Fläche { hingeworfen sind, son- ( dem auch durch den Mystizismus eines gläubigen Gemütes, eines die Idee erhaben empfindenden Künstlers. Sehr oft wird Lilien dadurch pathetisch, aber doch in dem besten Sinne eines Pathos, mit dem er die Gestalten seiner biblischen Patriarchen und Helden wirklich in der heroischen Größe der Ueberlieferung vor unsere Augen tührt. Lilien hat uns in seinen Bibelillustrationen ein Kulturdokument der jüdischen Nation mit ihren eigenartigen Reizen gegeben. Er hat es zum erstenmal versucht, die Bibel im Sinne eines jüdischen Malers zu illustrieren. Dazu mußte er seine Vorbilder nicht in der italienischen Renaissance, sondern in den Strich-flächen der alten babylonischen, assyrischen und ägyptischen Reliefs suchen. Man ahnt nur, mit welchem Fleiß er diese tv* Aus DER JUNBE HOSE E.M.Lilien: Aus „Die Bücher der Bibel". Verla": von fieonreWestcnnan. studiert hat und man bewundert die sorgfältige historische Wahrheit jedes Gewandes, jedes Details. Durch das Studium der historisch-antiken Denkmäler ist es ihm auch gelungen, mit seltener Kühnheit der Konzeption und einer gewaltigen Linienführung die Illustrationen zu wirklicher Erhabenheit zu steigern. Aber nicht nur das Große, Erhabene wollen wir hier anführen, nein! Man betrachte alle Bände der Lilien-Zeichnungen, auch die innigen Szenen der glühenden Liebe oder die mühevollen Feld- und Hausarbeiten und alles, was die Vergangenheit des jüdischen Volkes charakterisiert, da werden wir erst die fesselnde neue Auffassung kennen und verstehen lernen. In der ornamentalen Seite der Illustration ist Lilien ebenso groß und ungemein erfinderisch. Mit bescheidenen Mitteln bringt er auch hier seine Symbolik und seinen Mystizismus der alttestamentarischen Sagenzur Geltung. Der landschaftliche Teil — man sieht, es ist alles treu nach der Natur in dem heiligen Lande aufgenommen — trägt das großartige, fremdländische Gepräge. Aber nicht nur die Bibel-Illustrationen haben mich interessiert. Da sieht man auch eine ganze Fülle von Kompositionen aus dem Leben der heutigen Juden. Man sieht wie der Jude, der arme, verlassene Jude lebt und wie er in anderen Linden, jenseits des Ozeans sein Glück? o nein! sein Fortkommen finden will! Man sieht bildlich dargestellt, was in Wirklichkeit in Rußland geschehen ist. Da peitscht man über die Grenze alte Väter und Mütter hinaus — zugleich steckt man aber die Jungen E. M. Lilien: Abel. .Die Bücher der Bibel". Verla«r von George Westerniann.

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