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Neue Nationalzeitung · 1909-10-22 · Heft 22 (22.10.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 22 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 22 Nationen. Und da darf keine einzige von ihnen unterdrückt werden. Alle dürfen sich in ihrer Volksart und ihren Eigenschaften frei entwickeln. In der Kunst darf dies also geschehen. Viel notwendiger ist es aber, die Schöpferkraft des Volkes zu dein Zwecke zu erwecken, um seine eigenen Formen gesellschaftlicher Organisation herauszuarbeiten. Es ist eine schöne Erscheinung des aufwachenden Volksbcwußt Seins, da ss es die Intellektuellen zwingt, zu ihrem Volke zurückzukehren, zurückzukehren zu sich s e 1 bs t und ihrem Volke, mit ihm zu leben, seine Leiden der Welt kund zu tun, seine Ideale in goldene Worte zu fassen. Und am nöligslen ist dies bei der jüdischen Intelligenz, die aus Bankiers, Doktoren, Männern der Wissenschaft und Kunst zusammengesetzt ist. Ihre Geschäfte und ihre Herzen verbinden sie mit der Bourgeoisie von England, Frankreich, den Vereinigt'n Staaten, Transvaal u. s. w. Und so zerschneiden sie jede Verbindung mit dem jüdischen Volke. Einige seiner Intellektuellen findet man auch auf Seite der Staats-Sozialisten und damit auf Seite jener, die ihre eigenen Völker bedrücken. Von diesem Gesichtspunkte aus müssen wir uns über das in der jüdischen Jugend gewaltig emporkeimende Nationalgefühl freuen, doch müssen wir uns dabei fragen : Welchen Charakter wird diese Bewegung annehmen?" Wird sie vielleicht in die Fußstapfen der Slavophilen treten oder dem Beispiele der Narodniki- Revolutionäre der letzten fünfzig Jahre folgen? Schon kommen beide Richtungen innerhalb der jüdischen Intelligenz zum Vorschein: die erstere im Zionismus und die andere im anarchistischen Kommunismus. Die Slavophilen haben sich als erste für die Besserung des Schicksales der bäuerlichen Dorfgemeinden und die Institution der „Wietsche" eingesetzt. Von dem „Wietsch" kann man sich ungefähr einen Begriff machen, wenn man sich die jetzigen russischen Territorien in kleine Republiken aufgeteilt vorstellt, die von einem „Wietsch", d. h. einer Versammlung des ganzen Volkes regiert wird. Ferner haben die Slavophilen oder vielmehr ihre Dichter, als erste durch ihre dichterischen Werke — epische Poeme, Lieder u. s. w. — langsam die westliche Zivilisation auf die russische Kirche und das russisch-türkische Regierungssystem zu übertragen versucht, auf jene orthodoxe Kirche mit ihrer knechtischen Unterwürfigkeit dem Zaren gegenüber, auf jenes Regierungssystem, welches das Volk in der tiefsten Finsternis stecken lassen will, jeden freien Gedanken unterdrückt und dem tollsten Aberglaubensschwindel huldigt. Die Autokratie, vielmehr die Despotie, ist Trumpf. Sie raubt dem Volke die kleinsten Freiheiten, und sein Schicksal lenken jeno Männer in den Palästen. Mit einem Worte: der westeuropäische Einfluß wird vollständig unterdrückt, weit weggewiesen, und Rußland kehrt zu den gesegneten Idealen des Mittelalters zurück. Jede persön liehe Freiheit, freie wissenschaftliche Forschung, ja, sogar freies künstlerisches Schaffen ist — eine Sünde. Deshalb frage ich jetzt die Jüdisch-Nationalen, welchen Weg sie einschlagen werden auf den Pfaden der jü<lis< h-nationaleu Bewegung. Weiden :de den reaktionären Weg der Slavophilen, oder den Weg der Narodniki gehen, der Männer, die für die zwangslose Entwicklung des Volksgeistes eintreten? Der erste Weg führt zum Zionismus, der zweite — zum staatlichen Sozialismus. Die erstge^childerte Richtung benötigt vor allem für das Volk ein Land. Sie erfordert einen geheiligten Tempel in Jerusalem und den blinden Glauben der Väter. Die zweite Richtung verzichtet auf alle diese DesiderienT sie braucht nur die Volksmassen, wo immer sie auch zerstreut leben mögen. Für die Schönheit der Poesie in den Liedern und Legenden des jüdischen Volke?:, für alles, was zur Vereinigut g, zur Verbindung der Menschen in ihrem alltäglichen Leben hinwirken kann, soll im Volke das Gefühl geweckt und gestärkt werden. Dann soll ein neues System, eine neue gesellschaftliche Ordnung geschaffen werden, die auf dem Boden der Arbeit stehend, die Gleichheit und Freiheit allen Arbeitenden gewährleistet. Dann brauchen wir nicht in Jerusalem die neue Gesellschaftsordnung aufzubauen Das alte Jerusalem hat sie genau so unterdrückt wie Konstantinopel da« russische Volk. Dann werden nicht mehr Menschen nach Asien hinübergeschickt werden, die in der asiatischen Trockenheit und Dürre unteigehen. Sie werden bei ihrem Volke leben, dort, wohin die Geschihte die Massen ihres Volkes mit Elementargewalt geschleudert hat. Die westlichen russischen Städte sind ein gerade so gutes oder sehlechtes Heim für einen großen Teil des jüdischen Volkes, wie die Mittelstädte in Rußland das Heim des großrussischen Volkes sind. Die Juden sollten keine Volksauswunderung aus Rußland unternehmen. Sie finden dort überall hinlänglich Arbeit. Nur wenn sie mit Liebe den Gedanken der nationalen Wiedererweckung hegen, wird sich ihr Volk immer weiter und weiter entwickeln auf dem Wege der Gleichheit, Freiheit und kommunistischer Brüderlichkeit. Die Arbeit wird vom Joche des Kapitals und des Staates befreit werden und die Persönlichkeit des Einzelnen wird, vom Drucke des Althergebrachten und von der von Altersschimmei durchsetzten Tradition befreit, erleichtert aufatmen. Dann werden sie die' gebleichten Gebeine Konstantinopels und Jerusalems zur ewigen Ruhe fahren lassen .... Die Lebenden aber wollen den Weg des Lebens gehen zum Leben und nicht zum toten Altertum.

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