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Neue Nationalzeitung · 1909-10-22 · Heft 22 (22.10.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 22 (22.10.1909)
Date
1909-10-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NEUE S/CiCS/L-CElCüNG XL JAHRGANG. WIEN, 22. OKTOBER 1909. Nr. 22. Die jüdisch-nationale Bewegung.*) Von Peter Fürst Krapotkin. Es hat den Anschein, als ob unter den jüdischrussischen Immigranten in Amerika die nationale Bewegung immer weiter platzgreife. Und man darf sich darüber auch gar nicht wundern! Nach den bestialischen grausamen Pogromen, nach den ewigen Judenverfolgungen der letzten Jahre ist diese Bewegung ein ganz natürlicher Vorgang, auf den man gefaßt sein mußte. Denn die gleichen Bewegungen beobachten wir jetzt unter allen jenen Völkern, die unter dem russisch-despotischen, eisernen Joch schmachten. So bei den Finnländern, Letten, Littauern, Polen, Grusiniern, Armeniern, Tartaren u. s. w. Die Zentralisten, d. h. jene „patriotischen" Russen, die der Ansicht sind, das Wesen des Staates bestehe darin, jede originelle Regung im Volke zu verwischen, jede eigene Individualitätseiner „geliebten* Untertanen zu unterdrücken, blicken mit haßerfüllten Augen auf jede nationale Bewegung. Denn ihr Ideal ist eben der „zentralistische Staat" und die russische Kirche . . . Der Staat besteht für diese Leute daher aus einer Menge von Menschen, die nichts untereinander verbinden darf — als eben nur der Gehorsam ihrem Idol gegenüber, der Macht des zentralistischen Staates. Daraus schließend, ist für sie eine private Vereinigung von Untertanen außerhalb des staatlichen Verbandes untereinander ein schänd licher und schädlicher Frevel, der in keinem Falle geduldet werden darf . .. Wir aber, die wir nicht auf die Macht eines staatlichen Jakobinismus schwören, können jede freie Volksbewegung nur aufs Freudigste begrüßen, denn sie führt die besonderen Teile der einzelnen Völker zur Schaffung neuer intellektueller und moralischer Werte. *) Das jiddische Anarchistenorgan in New-York „Freie Arbeiters timme" veröffentlicht anläßlich seines zehnjährigen Jubiläums obigen Artikel. In der Zeit, da „israelitische" Politiker und christliche Bureaukraten die nationale Existenz des jüdischen Volkes bestreiten, ist es jedenfalls lehrreich, die entgegengesetzte Ansicht des berühmten russischen Revolutionärs kennen zu lernen. Anm. d. Red. Eine wahrhaft erfolgreiche Vereinigung ist, wie wir wissen, nur dann möglich, wenn die bezügliche Gruppe ganz unabhängig ist, wenn sie sich nach ihren eigenen und natürlichen Kräften entwickelt, sei es in einer ökonomisch-politischen Organisation, sei es in einer anderen, die es auf die vollständige Entwicklung der Fähigkeiten des Einzelnen abgesehen hat. Die vollkommen freie Entwicklung welcher Nation immer bedeutet für uns einen notwendigen Schritt, der uns der „Internationalen Vereinigung der Arbeiter aller Länder" näher bringt. Hierin kommt nun der ganze Unterschied der Auffassung der Weltgeschichte zwischen uns und den Staatssozialisten voll und ganz zutage. In Deutschland verhalten sich die Deutschen dem Bestreben der Polen feindlich gegenüber, die ihre volle nationale Selbständigkeit erkämpfen wollen. Die gleiche Stellung haben die Ungarn den Kroaten gegenüber eingenommen u. s.w. Wir dagegen begrüßen freudig jede noch so kleine Nation und ihre Bestrebungen, sich vom zentralistischen oder bloß intellektuellen Joche der anderen Nation zu befreien. Denn ohne diese Selbständigkeit wird unser internationaler Verband unmöglich sein .. . Ein internationaler Verband zwischen Staatsregierungen — das ist eine traumhafte Illusion, die nie das Licht der Wirklichkeit erblicken wird, so lange Preußen die Polen, Ungarn die Kroaten unterdrückt und Rußland alle anderen großen rus-ischen Völkerschaften umklammert. Das Volksbewußlsein ist aber erwacht, auch wird es immer stärker. Darüber freue ich mich. Und jetzt sehen wir auch das jüdische Volk erwachen. Jede Nation hat ihre eigenen, ihr ausschließlich gehörigen Elemente. Sie sind sehr kostbar und wichtig, denn sie bringen in die allgemeine Entwicklung der Menschheit Abwechslung und neue Lebenskraft. Betrachten wir nur, wie viel die Kunst aus Griechenland, Rom und der mitteleuropäischem Architektur geschöpft hat. Die Kunst der Welt ist eben ein Konglomerat der Arbeit verschiedener

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