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Neue Nationalzeitung · 1909-10-08 · Heft 21 (8.10.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 21 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Seite 11 Allein: als ob man in die Wand hineinredet, der Abtrünnige bekennt sich nicht schuldig! Man holt die Person: Du Scheusal bekenne! Das Weib weint und fällt in Ohnmacht. Sie versteht überhaupt nicht, was man von ihr haben will. Jedes Wort ist vergebens. Dieses Satansweib will auch nichts bekennen Und derweil isl's bös — das Sterben will nicht enden. Die Wut hat sich bis zum Wahnsinn gesteigert, selbst einer der Gelehrten in der Klaus' wurde schlaf!', brach zusammen und starb — ein Greis, ein frommer Mann, der nur dem Ewigen gedient und ihm seine ganze Gesundheit durch regelmäßige Fastentage hingeopfert halte . . . O weh! o weh! jammerte die Gemeinde. Wenn solch ein Mann schon stirbt, dann geht's zu Ende mit der ganzen Welt, und keiner ist seines Lebens mehr sicher. — „Im liwjosson b'chakkoh haualoh: Wenn ein so starker Leviathan im Netz geblieben ist, mah jaassu d'gei hoik.ik: was sollen wir armselige Fischlein der Pfützen nueh-'n?* So klagte auf dem Schulhof'damals der Stadlprediger in seiner Trauerrede vordem Leichnam. Und die Gemeinde löste sich schier in Tränen auf. Dann legle man dem Leichnam einen Zettel in seinen Kittel — es war ein Gesuch zu Gott, trefflich auf Beschluß der Gemeinde und im Namen des ganzen Städtchens verfaßt vom Leiter des Lehrhauses in der Kommission des hohen Gerichtshofes. — Geh! sprach man zum Toten, und übergib unser Schreiben unserem Vater im Himmel und bemühe dich um uns vor dem Throne des Höchsten. Sei ein guter Fürsprecher, daß er sich unserer erbarme, jüdischer Kinder, und uns nicht so schwer zürne und sieh, daß er dem Todesengol gebiete: Laß genug sein. Leg dein Schwert in die Scheide zurück! Und flehe, daß er den Satan ernst auf ihre und all die Ankläger, damit sie endlich einhalten mit ihrer gefährlichen Rede. Von diesem Zettel soll hier nichts weiter gesagt wei den. Und ich meine, das reicht auch hin für solche Juden, die alles aufs Wort glauben und sich um des Himmelswillen nicht auf weitere Untersuchungen einlassen, ob es so ist oder nicht so ist oder im ganzen Lüge. Jenen aber, die nun einmal die Natur haben, überhaupt niemandem zu glauben, und wäre es selbst dem größten Juden, wenn sie nicht mit eigenen Augen schwarz auf weiß alles sehen, gebe ich diese Antwort: Geht nur. meine Lieben, und studiert höchst allein das Dalfaunifker Archiv, in dem die ganze Geschichte sich tindet, geschrieben und besiegelt mit unantastbaren Zeugnissen adliger Menschen, ehrbarer Leute. Und dann ist es ganz ausführlich nachgeschrieben worden in den Chroniken von dem dortigen Schreiber, der also schließt: „Jetzt frage ich Euch, Verehrte, was unterscheidet schließlich die Deputation eines Wirklich-Toten zum Schöpfer der Welt von einer Deputation lebendiger Leichname zu irgend einem großen Herrn?! Die Sache liegt eben so, jene Deputation zu Gott hat geholfen. Kurze Zeit darauf hat das Sterben aufgehört, und die Juden im Städtchen waren voller Freude und Lust. In der Tat haben im selbigen Jahre die Juden, wie die alten Leute erzählen, gar feine Laubhütten am Sukkoth gebaut, selbst in Paris kann man keine schöneren haben. An Material hat es seit dem Brande nicht gefehlt und man brauchte nicht wie sonst Nudelbretter, Schalentdeckel und ähnliche Bretter zu verwenden. An Platz für die Laubhütten fehlte es auch nicht. Man hatte es nicht nötig, sie wie in früheren Jahren in irgend eine Ecke zu stellen, neben den Stall oder gar neben einen unreinen Ort. Heute konnte man sein Vergnügen haben, in der Laubhütte zu sitzen und zu schlafen wie in einer schönen Stube, tatsächlich in der rechten Weise und nicht nur bloß so. Und in Fröhlichkeit konnten die Juden die Festtage verleben, haben Gott gelobt und auf seinen lieben Namen mit Vertrauen gehofft. Und Gott — gelobt sei er — hat seine Dalfaunifker Getreuen nicht verlassen; alles Unglück wandte sich zum Segen. Und die schweren und bitteren Nöte öffneten schließlich einen Weg in ein neues Land; nach Wolhynicn, einem reichen Lande, voll Schönheit und Glück, den Juden annoch ganz unbekannt. Wolhynien entdeckt zu haben, dürfen sich die Abgesandten rühmen, welche Dalfaunifke nach dem Brande hinausgeschickt hat, um Geld zu sammeln. Um jedem Irrtum vorzubeugen, sage ich, man hat sie nicht etwa mit Gewalt ausgeschickt. Die Gemeinde hat sie vielmehr einstimmig gebeten: Tut uns den Gefallen und geht hinaus und sammelt Geld. Schrecklich, daß so etwas armen Juden passieren kann. Aber was hilfi's? Kurz, drei brave Leute, natürlich auch Arme, Mensch lein mit Weib und Kindern behafte t, leider ohne irgend einen Verdienst, wie es mal so ist, nahmen die Ehrenpflicht und die Mühe gutwillig auf sich, Abgesandte zu sein zum Nutzen ihrer jüdischen Brüder im Städtchen und zogen also in die Welt hinaus. Sie wurden mit Schriftstücken versorgt, die von allen den frommen Würdenträgern in der Gemeinde (den vornehmsten Leuten) unterschrieben waren. Und in diesen Schriftstücken wsr mit reichen biblischen Zitaten das Geschick geschildert, das die Stadt getroffen. Mit innigem Flehen wurden die Stammesbrüder gebeten, sich der armen Verbrannten anzunehmen und den Abgesandten Gaben zu reichen, jeder nach seinem Vermögen. Natürlich mußte man den Abgesandten bei ihrer Ausreise außer den Briefen auch Geld mitgeben für die nötigsten Ausgaben für sich und für ihre Frauen und Kinder. Im Grunde wars ja nicht viel — man mußte eben die Taxe für das Pfund Fleisch um eine Kopeke erhöhen. (Schlilli foljft.j LITERATUR UND KUNST, Scholem Aleichetn : Ein offener Brief an alle jüdischen Journalisten, ^Redakteure etc. in aller Herren bänder.*) (Aus dem Jiddisch ubersetzt von Moritz Hacke.) .luden! K:mft keine Kontrebande! Kauft keine \ erfälschte \V:iro! . . . Ks ist <far nicht so hm «je \\or. da konnte 111:111 einen Rrief von Mendele .Vorher S'foritn iesen. in dem sich der „Seide-**; seinen Freunden «rejrenüber bitter darüber beklagt, dal! 111:111 in *) Wiewohl in jüngster Zeit /.wischen Riililand und Nordamerika ein Vertrag zum Schutz des l'rheberrechtes abgeschlossen wurde, hat eine amerikanische Verlajrs-lJesellschaft die gesamten Werke des Nestors der .Jariron-Literatur, .1. S. A b r a 111 o w i t z («rennmit .Mendel .Vorher S'forim\ nachgedruckt, ohne den Verfasser auch nur zu fragen. Abramowitz. seinem Kerufe nach Talmud-Lehrer in Odessa, hat sich auf seiner jünjrsteii Heise durch die <rröl.iten Städte HuÜlands. die sich für ihn zu einem Triumphzu<re gestattete, hitter über den ihm zii^-efüjrfeii Schaden beklagt. In obi<rem Aufsatze unterzieht Scholem Aleichem den Fall der entsprechenden WünhV"n«r. (Anm. d. Red.) **i (JrolJvater. l'nter obiuoin Namen ist Heb Mendele in der jiddischen Literatur bekannt. (Anm. d. Red.;

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