Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 21 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10_________ „Neue National-Zeitung" Nr. 21 FEUILLETON. S. J. Abramowitz: (Memlole Moclior X'forim): Die Entdeckung Wolhyniens. Ein Jahr nach dein bekannten Brande brach in Littauen, wie die alten Chroniken melden, die große Hungersnot aus. Noch bis heut liegt jene schwere, bittere Zeit jüdischen Kindern in den Gliedern. Und den alten Leuten stellen sich, so oft sie von jener großen Not sprechen, die damals die Menschen betroffen hatte, noch heut die Haare zu Berge: hungernde, armselige Menschen, dürre und ausgetrocknete — nur Haut und Knochen — die Lippen schorfig, die Wangen eingefallen und die Augen gläsern, glotzend — so sind sie wie vergiftete Mäuse überall umhergewankt, sich kaum noch auf den Füßen haltend und alle Winkel nach etwas Eßbarem durchstöbernd. Damals stand sogar Gras schon hoch im Werte. Selbst vor all den Resten, die faulend im Miste lagen, haben sich die Aermsten nicht mehr geekelt. Ach ja! Hunger ist wohl das böseste Geschick — ein Schmerz, als ob man langsam und ohne Ende auf einem stillen Feuer brennte. Man kann sich kaum die ganze Größe des Elends vorstellen, das damals in dem littauischen Städtchen Dalfaunifke (Armenstadt) herrschte. So dicht wohnen die Juden dort! Und meistens, wie es so die Regel ist, lauter arme Leut'. Selbst in den besten Jahren konnten sich die Dalfaunifker Juden niemals recht satt essen: Ein Hering und ein bischen Lake dazu, daß man darin ein Stückchen Brod eintunke, — das hat ihnen in der Regel als Mittagsmahl gelten müssen. Ein Krupnik — so eine Art Graupensuppe in Wasser gekocht, die zum Scheine mit einem Löffel Milch weiß gemacht wurde — oder ein paar gekochte Kartoffel, das schien ihnen schon Inbegriff aller irdischen Genüsse, ein Mahl, wie es selbst König Salomo zu seiner Zeit wohl nicht besser gehabt hatte! Ist es da schwer sich vorzustellen, wie es während der Hungersnot um das Essen bestellt war, wenn man schon in den guten Jahren so erbärmlich lebte! Wahrlich! Ein echter Dalfaunifker Armer wurde — nicht nur, wie man es sonst so hinspricht, sondern in der Tat — aufgedunsen vor Hunger, aufgedunsen, wie man sich's nicht schlimmer denken kann. Wie war es da nur möglich zu leben? Lachhaft! Ein Wunder bei Juden! Bei Juden ist alles möglich. Auch solch ein Leben: Sie haben eben ihren Gott!. . . Zum Hunger kam noch eine fieberhafte Krankheit. — War's der Typhus? Wie die Fliegen fielen die Menschen. Und die kleinen Kinder starben dahin am Scharlach. (Daß wir doch davor behütet werden!) Durch die ganze Gemeinde hallte nur ein Schrei: Das ist die Strafe für unsere Sünden! . . . Anders haben die Leute sich's nicht erklären können, wie so eine schwere Krankheit plötzlich die Gemeinde Israels befallen konnte. Krankheiten kommen ja vor, und sie können diesen oder jenen treffen; aber fast alle? Wie ist das möglich? Einfach erklären, es rühre daher, daß in der Stadt kein Arzt ist, ist sicher doch quer. Denn wieso ist die Krankheit gerade damals ausgebrochen, zur Zeit des Hungers und nicht früher? Da gibt es eben nur eine Deutung: das ist die Strafe für unsere Sünden! ... Neue Fasttage wurden angesagt, für Klein und Groß. Selbst schwangere Frauen mußten fasten. Vom Psalmenbeten ganz zu schweigen! Man sagte Psalmen von früh bis in die Nacht..... Die Gemeinde kommt zusammen. Man wählt eine Kommission, um doch irgend etwas gegen die Sünden zu unternehmen. Und wegen ihrer Ausgaben erhöht man die Taxe für ein Pfund Fleisch um eine Kopeke. Die Kommission geht von Haus zu Haus, untersucht die M'susaus an den Türpfosten; und findet sie gar eine nicht ganz in Ordnung, so wird sie für unbrauchbar erklärt. Und sie untersuchen, wie bei den Eheleuten, wie bei den Nachbarn, die im selben Zimmer wohnen, die Betten stehen. Vielleicht steht eins dem andern zu nahe .. . Um Gotteswillen! . . . . Ueberhaupt! Die Kommission ist nicht faul. Man guckt, man rückt die Betten hierhin und dorthin. Aber alle Mühe ist vergebens — Das Sterben will nicht enden. Indes: man beruhigt sich nicht und sinnt auf neue Mittel. Die Frauen messen mit baumwollenen Fäden den Friedhof ab und nehmen diese Fäden als Docht für die Lichter, die sie der Synagoge schenken. Und die Frauen laufen auf den Friedhof und jammern und schreien, als wollten sie die Gräber aufreißen, damit die Toten ihnen doch helfen sollen. Und sie stürzen sich mit wildem Geschrei in die Betstuben und umklammern weinend die heilige Lade. Die Prediger hallen Strafreden zum Volke: Juden, geht in Euch! Bekennet Eure Sünden! Tut Buße, jüdische Kinder! . . . Doch alles will nicht helfen — das Sterben will nicht enden. Ist's so, dann muß man alle Kraft anwenden und prüfen, so sorgfällig man kann. Wieder wird die Taxe um eine Kopeke für's Pfund Fleisch erhöht. Und man zieht den berühmten Ghandrikewer Rabbi als obersten GerichUherrn ins Städtchen. Ihm zur Seite setzt man den Dalfaunifker Rabbi und die Beisitzer und noch ein paar wahrhaft fromme Juden. Und überall im Städtchen erlassen sie den Bannfluch wie einst Jehoschuah Ben Nun : jeder, der von irgend einer Sünde etwas weiß, — aber auch von jeder Sünde! — ganz gleich, wer sie begangen — muß dem frommen Gerichtshof Anzeige machen! Der Gerichtshof aber sitzt alle die Tage zur Entgegennahme der Sündenanzeigen und Bekenntnisse in der Gemeindestube. Er läßt die „Tuckerin" holen, die im Quellbad den Frauen mit frommen Ratschlägen zur Seite steht und sie in die geweihte Flut untertaucht. Und der Gerichtshof fragt sie prüfend nach all den Satzungen für die Frauen, und man preßt die alten, gut eingeweihten Frauen aus, ob sie nicht irgend etwas wissen von der und jener. Die ganze Stadt ist in Aufregung. Wie in einem Kessel summt und wallt es durcheinander. Ein Geflüster, ein Tuscheln überall. Man raunt sich etwas zu von irgend einem Witwer und von einer verheirateten Frau, von einer — Person. Das Gerücht dringt zu der Kommission der Rabbinen, dieser großen und werten Männer. Sie lassen den Witwer rufen und fahren ihn mit herbem Wort an: Bekenne! Und sie warnen ihn: Man wird dir, Abtrünniger, das Schlimmste antun! Aber mit ihrer Strenge erreichen sie nichts. So versuchen sie es mit Güte. Man bittet ihn inständigst: Erbarme dich doch der Gemeinde Israels, unserer jüdischen Gemeinde! Erbarm' dich! Was haben dir die unschuldigen Kinder getan?