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Neue Nationalzeitung · 1909-10-08 · Heft 21 (8.10.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 21 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 21 Rußland. Ein russisch-jüdisches Wahlbild. Petersburg, 1. Oktober (Orig.-Korr.) Die Besetzung des Duma-Mandates in unserer Residenz gibt wieder den verschiedenen freisinnigen Parteien Gelegenheit, in Judenfreundliehkeit zu machen. Es wurde in Ihrem Blatte bereits wiederholt, einmal sogar aus der Feder des Dumamitgliedes Nisselo witsch geschildert, wie ängstlich sich die Kadetten und Sozialdemokraten in der Duma gegenüber der Judentrage benehmen, wie sie unter den nichtigsten Vorwänden einer Stellungnahme zu derselben aus dem Woge gehen — tout comme chez vous! Jetzt, da es sich um die Wahl eines Dumamitgliedes handelt, überfließen sie beide von Judenliebe. Davon hat man sich erst gestern in einer großen, jüdischen Wählerversammlung überzeugen können, die speziell behufs Vorstellung der Kandidaten einberufen wurde. Zuerst erschien auf der Tribüne der gewesene Minister K u 11 e r*) als Kandidat der Kadetten. Er versprach alles Mögliche: „Ich bin sehr gut mit allen Gesetzen vertraut", meinte er, „die sich auf den jüdischen Ansiedlungsrayon beziehen, und ich weiß, daß diese Einschränkungen nicht nur der jüdischen, sondern auch der christlichen Bevölkerung zum Nachteile gereichen. In nationalen und Giaubensfragen halte ich fest am Programme der Kadettenpartei, welche die Gleichberechtigung aller Staatsbürger fordett. Ich bin der Ansicht, daß wir nicht erst auf die Gelegenheit warten müssen, sondern wir sollen selbst die Gelegenheit schaffen, und jederzeit auf die Durchführung der Gleichberechtigung drängen". Als zweiter Kandidat erschien der Unparteiische, Prof. K u s m i n - K r a \v a j c w, gewesenes Mitglied der beiden ersten Dumas, welcher sich darüber mokierte, daß man den Juden alles Mögliche in die Schuhe schiebe, wie den Ausbruch der Revolution, die Niederlage im Kriege mit Japan, usw. „Sind wir denn eine Herde", fragte er, „daß wir uns von den Juden führen und bevojmunden lassen?'' Schließlich versprach der sozialdemokratische Advokat S o k o 1 o w, daß sich die Sozialdemokraten bei der ersten Gelegenheit bemühen werden, die Judenfrage in der Duma aufzurollen. Die Reden machten auf die Versammlung keinen besonderen Eindruck, da man bei uns in Rußland sehr gut weiß, was man von den Kadetten und Sozialdemokraten in jüdischen Fragen zu halten hat. Der Führer der Kadettenpartei Roditschew eilte daher seinem Parteifreunde zur Hilfe. Aber auch er gab nur schöne Phrasen zum besten. Er sagte u. a.: „Wir sind nicht aus Liebe zu Euch gekommen. Denn ihr braucht keine Liebe. Ihr braucht nur Gerechtigkeit. Wäre ich ein Jude, dann würde ich sogar für die Oktobristen stimmen, wenn sie mir nur die Gleichberechtigung in Aussicht stellen würden. Die Kadetten haben schon längst beschlossen, für die Juden die Gleichberechtigung durchzusetzen. Wir können aber nichts machen. Wir sind eben in der dritten Duma. ,Warum", fragt Roditschew, „beschimpfen uns denn unsere Feinde als Rothschildkneehte, als jüdische Söldlinge? Doch nur darum, weil wir bei jeder Gelegenheit die jüdischen Interessen schützen. (?) Daher ist es auch die Pflicht der Juden, für Kutler zu stimmen". Es folgte darauf eine Diskussion, bei der in erster Linie dem Unmut darüber Ausdruck gegeben wurde, dass die Kadettenpartei über die Kandidatur des jüdischen Rechtsanwalts Grusenberg hinweggegangen *i I>erscllie wurde am •">. d. .M. auch gewählt. 'Anm. d. lied.) ist. Dann erhoben sich einzelne Stimmen für den Kadetten und andere für den Sozialdemokraten. Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften die Juden auch in entsprechender Weise am Wahltage stimmen. Rechtsanwalt B u 1 a z e 1, der Verteidiger im Herzenstein-Prozesse, der als Kanditdat der „Schwarzen" auftritt, hat gar keine (Ihanzen. GSMSiN&5=ünt> VSRGiNSNMftRiCTCW Wien. (.1 ü »1 i s »■ h o s M u so u m.i Die Wiedereröffnung dos Museums II..!'rat erst ratio i'S. findet Samstag, IH. Oktober d. ,1.. statt, liesuclis/eiten sind wie bisher jeden Samstag und Sonntag von 11 — 1 l'hr mittags. AUSN WELtttilEN Baurat R. v. Goldschmidt und Baumeister Donat Zitterer, die jüngst verstorben sind, gehörten zu den Säulen der israelitischen Gesellschaft in Wien. Sie hatten sich viel mit Wohltätigkeit befaßt und eine Anzahl von Mandaten in jüdischen Humanitätsanstalten bekleidet. Darum versammelte si<-h bei ihren Begräbnissen die Elite der Wiener Judenschaft; am Grabe des R. v. Gold^chmidt sprach sogar Bürgermeister Dr. Lueger einige Worte der Anerkennung, über die so mancher „Israelit" gleich in Verzückung geriet. Dem jüdischen Volkstum standen sie gleich fern und fremd gegenüber. Sie stammten beide aus jener Zeit, da man das Judentum förderte, indem man die „Glaubensgenossen" — unterstützte. WOZU ein Grossjude Geld hat! Der Großindustrielle Leopold von Lieben, Mitglied des Wiener Kullusvorstandes, hat dem österreichisch-ungarischen Kriegsministerium die nötige Summe zum Ankaufe eines Wright- Fliegers zur Verfügung gestellt. Ein Offizier ist bereit! abgegangen, um den Apparat zu übernehmen. Eine Verzögerung in der Uebernahme ist dadurch eingetreten, daß der Aviatiker Leföbvre, der von der Fabrik mit dem Ausprobieren des Apparates betraut wurde, bekanntlich bei einem Probefluge tödlich verunglückte. Will vielleicht Herr von Lieben jetzt »jüdisches« Herrenhaus-Mitglied werden? Der Wright-Flieger kann ihm jedenfalls leichter dazu verhelfen, als eine jüdische Stiftung. Und da behaupte noch Jemand, daß so ein Kultusvorsteher nichts für das Judentum tut! ... . 25jähr. Jubiläum der Kattowitzer Konferenz. Im November d. J. jährt sich zum 25. Male die Zeit, in welcher in Kattowitz die erste Beratung der jüdischen Kolonisationsvereine für die Besiedelung Palästinas stattgefunden hat. Diese Konferenz bildete bekanntlich den Ausgangspunkt für alle Bestrebungen zur Rückkehr der Juden in ihr altes Heimatsland. Aus Anlaß des Jubiläums wird der „Verband zionistischer Vereine in Oberschlesien " am 7. November eine Festversammlung in Kattowitz veranstalten. Auch soll eine Festschrift erscheinen. Näheres ist zu erfahren bei Herrn Arnold Wiener, Kattowitz, Karlstraße Nr. 1. Als Opfer der Taufseuche ist vorige Woche der greise Religionslehrer Leopold Buxbaum aus dem Leben geschieden. Er nahm sich die Taufe seines Sohnes, eines Arztes in Hütteldorf, derart zu Herzen, daß er sich entschloß, Sonntag den 26. September, früh morgens, freiwillig in den Tod zu gehen. In einem Schreiben, das unserem Blatte erst Montag zugekommen ist, führte der Verstorbene den oberwähnten Grund seines Ablebens an,

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