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Neue Nationalzeitung · 1909-10-08 · Heft 21 (8.10.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 21 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 21 „Neue National-Zeitiing'' ______ _ Seite 7_ Am Join Kippur hielt vor dem Minchagebet Herr Gemeinde-Rabbiner Dr. A b c 1 e s eine dem Festtage angemessene, eindrucksvolle Eschorte. Einen herzerfreuenden Eindruck machte es, wie es jedem Einzelnen zur Thora gerufenen als Auszeichnung galt, eine Aliah erhallen zu haben. Es wurden an beiden Neujahrslagen, wie auch nach Schluß des Versöhnungstages, nahezu 500 Mann seitens des Vorstandes der Kultusgemeinde verköstigt. * Die Agitation für den jüdischen Wahlkataster. Czernowitz, 4. Oktober (Orig.-Korr.) Der Knischluß der Regierung, aus der Wahlreform den jüdischen Wahlkataster auszuschalten, hat die jüdische Bevölkerung Bukowinas aufs höchste empört. Wohl ist es bekannt, daß diese Stellungnahme auf die Umtriebe einiger assimilatorischen Geschäftspolitiker zurückzuführen sind, die um ihre Mandate zittern, allein man staunt allgemein, wie wenig politische Voraussicht die Regierung hat, wenn sie nicht einsieht, daß durch die Ausschaltung des jüdischen Wahlkatasters die Reibflächen beibehalten werden, die nun bezüglich der anderen Nationen entfallen. Während die Juden in einer eigenen Kurie nur untereinander den Wahlkampf auszufechten hätten, werden sie gezwungen, mit den Deutschen zu kämpfen, wodurch der antisemitischen Hetze neuer Nährstoff zugeführt wird. Behufs Stellungnahme gegen diese Entscheidung der Regierung haben am 26. v. M. in den größeren Städten und Ortschaften der Bukowina einschließlich Czernowitz, etwa zwanzig große, massenhaft besuchte jüdische Volksversammlungen stattgefunden, in denen über die Landtagswahlreform verhandelt worden ist. Alle Versammlungen sprachen sich einmütig mit größter Energie für die Schaffung einer Wahlreform auf nationaler Grundlage und die Einführung des jüdischen Katasters aus. Es herrschte große Aufregung über die Haltung der Regierung, daß sie wohl den rumänischen, rulhenischen, polnischen und deutschen Kalasler, nicht aber den jüdischen Kataster bewilligen wolle. Große Erbitterung bemächtigte sich der Versammlungen, als sie erfuhren, daß die Abgegeordneten K u r a n d a und Dr. Löwenslein mit ihren deutschen und polnischen Genossen bei der Zentral-Regierung in Wien gegen die Einführung des jüdischen Katasters intervenierten und so die ablehnende Haltung der Regierung provoziert haben. In allen Versammlungen wurde unter sturmischer Zustimmung eine Resolution angenommen, in der es unter anderem heißt: „Wir fordern insbesonders auf dieser Basis für uns die gesetzliche Sicherung einer der Volkszahl, Steuerkraft, Intelligenz und wirtschaftlichen Stellung unseres Volkes in der Bukowina entsprechende Zahl von Volksmandaten, wodurch erst der jüdischen Bevölkerung die Möglichkeit eröffnet werden kann, ihren politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen Geltung zu verschaffen, lehnen ausdrücklich die Zuweisung von privilegierten Handelskammer- und Großgrundbesitzermandaten an Stelle von Volksmandaten ab und richten an unsere Abgeordneten im Landtage die Aufforderung, anderen Falles die Erlassung einer neuen Wahlreform mit allen Mitteln zu verhindern." Des Ferneren wurde eine weitere Resolution angenommen, in welcher den Abgeordneten Hofrat Kuranda und Dr. Löwenstein die Entrüstung ausgesprochen wurde; endlich sind auch Resolutionen angenommen worden, in denen die bestimmte Erwartung über die Treue unserer ruthenischen und deutschen Verbündeten im Landtage ausgesprochen wurde, daß sie das Zustandekommen einer die vitalsten Rechte und Interessen der Bukowinaer Judenschaft interessierenden Landtagswahlreform vereiteln werden. Am 10. Oktober findet hier eine Versammlung jüdischer Vertrauensmänner aus dem ganzen Lande statt, welche gegenüber dem umgearbeiteten Entwurf Stellung nehmen wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird der Vorschlag einer jüdisch-deutschen Kurie mit Doppelmandaten nach galizischem Muster keine Zustimmung finden. Es wäre auch von jüdischnationaler Seite ein schwerer Fehler, vor dem nicht genug gewarnt werden kann, wenn dieser Voi schlag angenommen werden würde. Solche Doppelmandate wären nämlich eine Prämie für jüdische Volksvenäter, wie wir sie leider auch hier halten. Ich will dies an einem Beispiel beweisen. Bekanntlich haben die Juden in vielen Bezirken Bukowinas, wo sie Mandate erhalten sollen, keine Majorität, sondern bloß 30 bis 35 Prozent. Falls nun die gemischte Kurie akzeptiert wird, so werden gewiß auf jüdischer Seile ein Nationaler und ein Assimilant oder Sozialdemokrat auftreten. Nun kann sich ereignen, daß keiner 26 Prozent, die für den Minorilälskandidalen vorgeschrieben sind, erhält, sondern es entfallen auf den Nationalen 21 Prozent und auf seinen jüdischen Gegner 11 Prozent, resp. 6 Prozent jüdische Stimmen. Es kommt daher zur Stichwahl, in welcher nicht bloß die Juden, sondern alle Wähler stimmen. Da die deutschen Stimmen (65 bis 70°/0) auf den Assimilanten entfallen, so bleibt der nationale Jude, der innerhalh der jüdischen Wählerschaft die Majorität für sich hätte, in der Minorität und ein Assimilant, oft ein Verbündeter der Antisemiten, wird als „Jude* gewählt. Also Achtung! Heute sprach Reichsratsabgeordneter Dr. Straucher in einer großen Wählerversammlung in Sadagora. Er erstattete unter großem Beifall seinen Rechenschaftsbericht, worauf die bereits erwähnten Resolutionen angenommen wurden. Der Landtag soll am 11. d. M. zur Beratung des Entwurfes zusammentreten. Ob dieser Entwurf nicht doch am Judenpunkte scheitern wird, werden wir sehen. Wir würden uns darüber nicht kränken. * Die jüdische Wahlkurie für Bosnien. Sarajevo, den 3. Oktober. (Orig.-Korr.) Mit großer Genugtuung erfahren wir aus Wien, daß das in den nächsten Tagen zur Veröffentlichung gelangende bosnische Landesstatut neben der jüdischen Virilstimme auch eine jüdische W a h 1 k u r i e enthalten wird. Wir freuen uns darüber uuisomehr, als dadurch hoffentlich beiden Teilen der bosnischen Judenschaft und zwar sowohl den Sefardim als auch den Aschkenasim eine selbständige Vertretung im bosnischen Landtage ermöglicht wird. Wenn auch die Sefardim derzeit in Bosnien und der Herzegowina in der Majorität sind, so wollen wir dennoch holten, daß sie so viel Rechts- und Billigkeitsgefühl haben werden, nicht beide Mandate ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen. Als Virilist käme der spaniolische Chacham und als Kandidat der Aschkenasim für das Kurienmandat der Kultuspräsident Dr. Rothkopf in Betracht. Da sowohl die Advokatenkammer, als auch die Handelskammer je einen Juden wählen dürften, so können wir wohl auf vier jüdische Mandate im Landtage rechnen. Es war ein langer und mühsamer Kampf, der zur Erringung dieser jüdischen Wahlkurie geführt hat und wir betrachten sie als ein gutes Omen für die gesamte österreichische Judenschaft. Sie ist nicht bloß eine konfessionelle, sondern auch eine nationale Kurie im eminenten Sinne des Wortes. Denn selbst die verschrobensten Assimilanten werden sich wohl hüten, uns am Ende als Serben, Kroaten oder Bosniaken mosaischer Konfession hinzustellen.

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