Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 21 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitttng" Nr. 21 Religionslehror, welcher einen entsprechenden Studiengang nachweist, d. h. seine Studien an inländischen Gymnasien und Universitäten vollendet hat, Unterrichtserfolge . aufweisen kann, sich auch als Exhortant bewährt, literarisch tätig ist, jedem anderen Lehrer vollkommen gleichgestellt und es ihm ermöglicht wird, eine Stelle in der Residenz zu erlangen.. Wir denken, dies sei keine unbillige Forderung und erwarten-zuversichtlich, man werde von Seite der hohen Unterrichtsverwaltung dieser Frage das Augenmerk zuwenden und sie zu einer für die Betreffenden erfolgreichen und erwünschten Lösung bringen. Es wird dadurch wohl auch bewirkt werden, daß gewissen Mitteln, zu einer Stelle in Wien zu gelangen, Tür und Riegel vorgeschoben wird. Soviel über die Frage der Systemisierung von Stellen. Noch manches andere hätten wir auf dem Herzen. Dazu gehört die oft jeder Pädagogik und Didaktik widersprechende Zusammenziehung von Klassen zu Abteilungen im Unterrichte. Schüler verschiedener Altersstufen werden gemeinsam unterrichtet. Wie ist hier ein Erfolg zu erzielen? Wir sehen dabei von dem großen Nachteile ab, der daraus erwächst, wenn erwachsene Jünglinge, deren Sitten ott nicht ganz entsprechende genannt werden können, mit jüngeren sittlich unverdorbenen Elementen zusammenkommen, woraus sich Unzukömmlichkeiten aller Art ergeben, die gewiß nicht zum Vorteile des Unterrichtes und der sittlichen Haltung der Schüler gereichen. Die Frage eines allgemeinen Lehrplanes, einer Maximal- und Minimalforderung für den jüdischen Religionsunterricht ist eine viel ventilierte, aber noch nicht entschiedene. Hier kommt wieder eine andere Frage in Betracht, der man nicht wird ausweichen können. Wir meinen die des Hebräisch-Untemchtes. Was kann auf diesem Gebiete in zwei Stunden, die doch auch auf andere Disziplinen des Religionsunterrichtes verwendet werden müssen, geleistet werden? Soll man das Hauptaugenmerk dem Gebetbuche oder der Bibel zuwenden? Soll, und das ist eine weitere Frage, nur in Geschichte oder auch in der Religionslehre unterrichtet werden? Mit der Frage des Lehrplanes steht die der guten Lehrbücher im innigen Zusammenhange. Der gute Lehrer freilich ersetzt das beste Lehrbuch, aber die Schüler können oft dem Vortrage des Lehrers nicht ganz folgen, sie müssen gute Lehrtexte in die Hand bekommen, und an denen mangelt es uns. Zum Schlüsse möchten wir auf die Wichtigkeit des Schülergottesdienstes hinweisen. Verständnis für unseren Gottesdienst muß der Religionslehrer, der ein tüchtiger Exhortant sein soll, erwecken. Er soll Geist und Gemüt seiner Schüler anregen und sie mit Begeisterung für die Wahrheiten unseres Judentums erfüllen. Man sieht, groß ist die Aufgabe, welche an den jüdischen Religionslehrer gestellt wird. Wir wollen hoffen, daß sich jeder dieser Lehrer der Größe seiner Aufgabe bewußt wird. Andererseits aber ergeht unsere Aufforderung an die vorgesetzten Behörden und an die Eltern, den jüdischen Religionslehrer in seinem ernsten Streben und seiner schwierigen Tätigkeit zu unterstützen. Schule und Haus mögen zusammenwirken zum Wohle der Jugend, zum Heile für unser Judentum. Am Beginn des Jahres 5670. SPRECHS/ldL. Die Seeschlange uml die „koscheren" Würste. (ieelirtc 'Reduktion! <Jestatten Sie einem armen Teufel, dem sein bescheidenes IWidgot kein anderes Nachtmahl bewilligt, als Würstchen, die ganz ersehene Frage: Werde ich es noch einmal erleben, wirklich koschere Würste zu essen V Sie glauben, ich scherze V Nein, es ist mein vollster Ernst. Dank der streng konservativen Gesinnung unseres Oberrabbiners und des Kultusvorsfandes ist es endlich gelungen, protokollarisch festzustellen, dali die von den Firmen Piowaty, Theumann etc. verkauften Würstchen keineswegs koscher sind. Mein Freund, ein Gemeindediener, hat mir dies unter strengster Diskretion mitgeteilt. Bei dieser Gelegenheit habe ich auch gehört, daß der Kultusvorstand im Beisein des Herrn Oberrabbiners den Beschluß gefaßt hat, an den Kau einer Sclchfabrik zu schreiten, welche Fabrik wieder den Firmen Piowaty, Theumann etc. in Betrieb übergeben werden soll. Seitdem hört die (»Öffentlichkeit von der Errichtung dieser Fabrik gar nichts, wiewohl schon ein Jahr verstrichen ist. Dezennien hat es gedauert, bis Oberrabbinat und Vorstand, besorgt um unser aller Seelenheil, endlich den Bau einer Fabrik beschlossen haben. Haben denn die Herren bei dieser großen Tat ihre ganze Energie schon aufgebraucht? Müssen da noch einmal dreißig Jahre vorübergehen, bis endlich die Firmen Piowaty, Theumann und Ehrlich die Würstchen statt in drei Fabriken noch in einer vierten herstellen werden?... Die „koscheren" Würste bekommen also immer mehr Aehnlichkeit zu jener Seeschlange, die nebst allen anderen Eigenschaften bekanntlich auch die hat, daß sie noch niemand sehen konnte. Und darum wiederhole ich meine Frage: -Werde ich in der Stadt mit dem konservativen Oberrabbiuat und Kultusvorstand es noch erleben, wirklich koschere Würstchen zu essen?" Ein frommer Jude. * S e h r g e e h r t cr He r r K e d a k t eu r! In der Feiertagsperiode öffnen sich die Schleusen des Predigerstuhls. Die versammelten Frommen werden an die Pflicht erinnert, ihre Jugend religiös zu erziehen und mit den Gebräuchen des Judentums vertraut zu machen. Aber vor den Toren der Bethäuser stehen die AVaehleute, welche die herankommenden Tempelbesucher am Eintritte ins Gotteshaus verhindern. Es ist eine Schmach der GroUgeineindc Wien und unseres Keligionsunterrichtes, dal! unserer Schuljugend kein Gottesdienst eröffnet ist, daß für i?(UMH> Schüler an den hohen Feiertagen kein Saal eröffnet ist, in dem eine abgekürzte Feier gehalten wird. Es wäre schon besser, die Kinder am Jom Kipur in die Schule zu schicken, als sie am Feiertage durch die Sfralien flanieren zu lassen, wo ihnen das Bewußtsein eines Bußtages vollständig verloren geht. Dr. F. K. Oesterreich-Ungarn. Der jüdische Militär-Gottesdienst. Wien, 1. Oktober. Mit Bewilligung des k. u. k. Korpskommandos in Wien fand heuer, wie alljährlich, auf Ansuchen des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, während der hohen Festtage in der Rossauer Kaserne für die jüdische Mannschaft unter Leitung des Oberof'fizials der israelitischen Kultusgemeinde, Herrn Jakob Stein, ein feierlicher Gottesdienst statt. Die Vorbeter Haimann Reich und ß r u n n e r versahen in würdiger, alttraditioneller Form die kantoralen Funktionen und inbrünstig beteten die Soldaten an diesen drei Tagen, die einzigen im Jahre, an welchen ihnen die Teilnahme am jüdischen Gottesdienste möglich wird..