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Neue Nationalzeitung · 1909-10-08 · Heft 21 (8.10.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 21 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 21 _ „Neue National-Zeitung" Seite 3 außer der Steuerbehörde und dem staatlichen Revisor wohl wenige was wissen. Die Ursache, weshalb ein solches Institut, das unter Patronanz des Kulturvorstandes und mit Unterstützung eines Direktors einer bedeutenden Bank für den kleinen iMann nichts leistet, scheint daran zu liegen, daß ursprünglich ein pensionierter Hofrat der Statthalterei zum Direktionsobmann gewählt wuide, ein Mann, der im Brückenbau und anderen technischen Dingen gewiß Bescheid wußte, aber für wirtschaftliche Fragen kein Verständnis hatte. Aus Krankheitsgründen mußte dieser Mann vor zwei Jahren sein Mandat zurücklegen und an seine Stelle wurde ein Herr gewählt, der zwar durch sein Vermögen zu beweisen vermag, daß es doch noch in Oesterreich möglich ist, selbst ohne Mithilfe der Banken aus kleinen Anfängen emporzukommen, der aber dieses Geheimnis der Volkswirtschaft nur für sich behält. Diesem Herrn aber ist es weniger darum zu tun, daß das Institut sich entwickle, vielmehr will er, nachdem es ihm trotz aller möglichen Anstrengungen bis heute nicht gelang, in den Vorstand der Wiener Kultus- Gemeinde zu kommen, hieselbständig schalten und walten. Ks ist ihm dies umso leichter, als die übrigen Vorstandsmitglieder dieses Instituts infolge ihrer persönlichen Abhängigkeit sehr gefügig sind. Nicht also der Allgemeinheit, sondern seinen persönlichen Ehrgeiz zu befriedigen, dient dieses unter so großem Aufwände errichtete Institut. So sieht es mit der „Hilfe", die man dem kleinen Mann in Wien angedeihen läßt, aus, und nun erst in Galizien, in dem Lande mit der großen jüdischen Bevölkerung und mit dem unbeschreiblichen Elend derselben. Was ist bis heute geschehen, um diesen Massen zu helfen? Der galizische „Hilfsverein", der schon einige Jahre wirkt, ist nicht geeignet, etwas Großzügiges zu leisten. Dazu fehlen ihm die Mittel und außerdem tiägt seine Hilfe nur einen Wohltätigkeitscharakler. Mit bloßt-m Rachmunes — kann man aber große Volksschichten nicht wirtschaftlich heben. Die von dem Vereine eingeführte Haarnetzinduslrie kann man nur als Palliativmittel bezeichnen. Die moderne Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe fand zwar auch in Galizien rasch Anklang, aber die Kreditgenossenschaften sind zumeist Familiengründungen. Ein reicher Mann errichtet eine Genossenschaft, damit seine Söhne und Schwiegersöhne als Direktoren derselben ein sicheres Einkommen haben. Die Bedingungen, unter welchen der kleine Mann unter vielen Demütigungen einen Kredit bekommt, sind fast unerschwinglich. Wohl hat es die zionistische Partei erst nach langem Drängen durch die Gründung der „Kredit-Union" in Lemberg angeblich versucht, diesem Uebelstande abzuhelfen, ihre Praxis beweist aber, daß sie das Unternehmen einerseits als Parteierrungenschaft proklamiert, anderseits wieder, wie verlautet, Geschäfte entriert, die mit dem Prinzipe der Gründung nicht in Einklang zu bringen sind. Hat die Lemberger Enquete wirklich den Willen, etwas Positives für die Juden des Landes zu leisten und nicht nur, wie allgemein behauptet wird, eine politische Demonstration für die Hausjuden zu veranstalten, so muß sie ihr Hauptaugenmerk auf das Kreditwesen lenken. In einem Agrarlande, wie es Galizien ist, kann nicht von heute auf morgen eine groß entwickelte Industrie entstehen, es fehlt vorläufig an Kapital und geschulten Arbeitskräften. Dem Ackerbau kann sich das Gros galizischer Juden nicht widmen, denn nur ein sehr geringer Teil hat das Verständnis dafür. Uebrigens würden sich sowohl die Polen als auch die Ruthenen der Zuführung jüdischer Massen zum Ackerbau entgegenstemmen; die polnische Presse hat sich wiederholt feindselig zu diesen Bestrebungen gestellt. Es bleibt momentan nichts anderes übrig, als den galizischen Juden auf seinem Hauptgebiete, nämlich den des Handels, zu unterstützen. Eine solche Unterstützung kann nur durch billigen und bequemen Kredit geschehen. Zu diesem Zwecke müßten von den autonomen Behörden neue Kreditgenossenschaften für die Juden gegründet werden. Es genügt in jeder Stadt nur eine; dieselbe muß einen öffentlichen Charakter haben. Jede politische Tendenz müßte aber dem Institute selbst fremd sein. Die Geschäfte und die Gebarung der Genossenschaft müssen von fachmännischen Landesbeamten stets genau kontrolliert werden. Das Kapital, das die Genossenschaften brauchen werden, müßte ihnen einerseits von den städtischen Sparkassen zur Verfügung gestellt werden, andererseits müßte die Oesterr.-ungar. Bank, ähnlich wie in Ungarn, die Rimesse der Genossenschaften eskomptieren. Die Vertreter Galiziens im Reichsparlamente hätten die Aufgabe, für solche Genossenschaften, die nichts anderes vorhaben, als den gesunden kleinen Kaufmann zu unterstützen, auf die Regierung einwirken, daß sie bei der Reichsbank für diese Institute interveniere. Sehr wichtig wäre es auch, der heranwachsenden Jugend gründlichen kommerziellen Unterricht zu erteilen. Auf diesem Gebiete ist bis jetzt fast gar nichts geschehen. Außer zwei Handelsschulen (Krakau und Lemberg) existieren gar keine öffentlichen Handelsschulen. Der galizische Kaufmann besitzt daher eine mangelhafte kommerzielle Bildung und er leidet darunter wirtschaftlich. In jeder größeren Stadt müßte daher unbedingt eine Handels- und Gewerbeschule errichtet werden. Wenn die Landesmittel dazu nicht hinreichen, so müßten die Handelskammern und die größeren kaufmännischen Korporationen herangezogen werden. Für unbemittelte Schüler soll der Unterricht unentgeltlich erteilt werden. Abendkurse für Handelslehrlinge wären ebenfalls besonders empfehlenswert. Der Aufschwung der Industrie und des Wohlstandes in anderen Ländern unserer Monarchie ist nicht zum geringen Teil auf die kommerzielle Bildung des Kaufmannsstandes dieser Länder zurückzuführen. Durch die Hebung des kulturellen Niveaus des galizischen Kaufmannes würde auch sein Ansehen in den Augen des weslösterreichischen Fabrikanten steigen. Er wird bei den letzteren mehr Vertrauen — genießen und nicht wie es bisher der Fall war, herablassend behandelt werden. Durch die Enquete in Lemberg kann sehr viel erreicht werden, wenn sie mit dem nötigen Ernst geleitet wird. Eine Zuschrift der L>emberger „Kredit-Union'4. Wien, im Oktober. Die Lemberger »Kredit-Union* hat auf die in beiden letzten Nummern unseres Blattes geschilderten Vorgänge bei der Eskomptierung von Rimessen, resp. Weitergebung derselben an eine Wiener Bank mit einer ausführlichen Zuschritt vom 26. September d. J. reagiert. In derselben wird zwar der von uns kritisierte Sachverhalt bestritten, zwischen den Zeilen gibt aber die Direktion selbst zu, daß sie von den Bankdirektionen gezwungen wird, größere Appoints vorzulegen, die sie sich jedoch mit Rücksicht auf ihren, dem kleinen Kaufmannstande angehörenden Kundenkreis schwer beschaffen kann. Diese Kritik an den jüdischen Direktoren der hiesigen Banken teilen wir vollkommen und wir verweisen diesbezüglich auf die Ausführungen des obigen Artikels. Es wäre übrigens sehr gut, wenn die Herren jüdischen Aktionäre sich in den Generalversammlungen nicht bloß über die Höhe der Dividende erkundigen, sondern auch ein wenig die Tätigkeit der Direktoren während des Bilanzjahres einer genauen Prüfung unterziehen würden.

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