Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 21 (8.10.1909)
- Date
- 1909-10-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 National-.!üdisdie durch ihr Todschweigen im Keime zu ersticken glaubte, das hinterlistige Denunziantentum der Moschkos und Beschwichtigungs-Hofräte, die eine Störung ihrer Geschafts-Politik befürchten, das ganze Treiben dieses erbärmlichen Konglomerats, das sich selbst lebenslang gemästet hat, ohne an das Wohl und Wehe des Volkes zu denken oder sich ihm nur zu nähern, sind ein Beweis, daß die Frage des jüdischen Wahlkatasters in der Bukowina für das ganze jüdische Volk und seine politische Zukunft von epochaler Bedeutung ist. In prinzipiellen Fragen, wie die der nationalen Selbsterhaltung, gibt es kein Zurückweichen und keine Kompromisse. Da heißt es nur: siegen oder besiegt werden. Eine Nachgiebigkeit wäre Schwäche, sogar Feigheit, und würde der jüdischen Volkssache mehr schaden als eine ehrenvolle Niederlage. Wenn die Regierung über die politischen Rechte der Juden nach dem Diktnte des Herrn Gomperz, eines alten Bücherwurms, der sein ganzes Leben im Staube der Archive zugebracht hat, oder des Herrn Kuranda, der sich nie außerhalb des Eisenbahnfaches bewegt hat, oder des Herrn Dr. Löwen st ein, der sein Mandat durch Vergewaltigungen und Bestechungen der Wähler er— worben hat, entscheiden will, dann wird es noch Mittel geben, sich d.igegen aufzulehnen. Es wird der Regierung gezeigt werden, daß hinter jenen drei Feinden des jüdischen Wahlkatasters nur ein „Bruchstück" — um mit Herrn Gomperz zu sprechen — hinter Ihnen aber die überwältigende Majorität der österreichischen Judenschaft steht. Die jüdische Oeffentlichkeit wird sich die Namen jener Denunzianten merken, die sich auf Hintertreppen in die Vorzimmer der Minister geschlichen haben, um das jüdische Volk in der Bukowina im Interesse ihrer Mandate zu verkaufen. Sie aber dürfen trotz der feigen Maulwurfsarbeit nicht verzagen. Was heute im Judentum jung und opferfreudig ist, was nach Freiheit und Gleichheit ring^ das wartet auf Ihren Ruf, um Ihnen zu folgen. Selten hat es eine schönere und höhere Aufgabe gegeben als die, welche Ihnen bevorsteht. Indem Sie für das Recht der Juden Bukowinas wider die ungebetenen Ratgeber, denen die Verhältnisse des Landes ganz fremd sind, eintreten, vnteidigen Sie gleichzeitig das angeborene Recht des jüdisch n Volkes auf nationale Selbstbestimmung und freie Eutf dtung seiner geistigen Kräfte. Jeder Jude, der das Wohl seines Volkes im Auge hat, wird Ihnen dafür Dank wissen, wenn Sie sich mit der ganzen Macht Ihres Einflusses dagegen auflehnen, daß die Juden mit den Deutschen, ihren Erzfeinden, in eine Kurie zusammengepreßt werden, während alle anderen Nationen ihre selbständige Wahlkurie erhalten. Selbst der Köder der Doppelmandate, mit denen der unnatürliche Wechselbalg der jüdir-« Ii-deutschen Wahlkurie bedacht werden soll, vermag nicht die Erniedrigung der Juden und den Keim der Zerwürfnisse aufzuwiegen, der in dieser Kurie gelegen ist. Ich wollte Ihnen mit meinen obigen Ausführungen nichts Neues sagen, denn Sie wissen das alles besser. Seit zwölf Jahren stehen wir im politischen Gedankennustau>ch und es war mir stets Freude und Genugtuung, mich in allen jüdischen Fragen mit Ihnen eins zu wis-en. Ich hoffe, daß auch diesmal unsere Ansichten nicht auseinandergehen werden. Dr. S. R. Landau. Wirtschafts- und I^reditfragen der österreichischen Judenschaft. In den nächsten Tagen soll in Lemberg, der Hauptstadt Galiziens, eine vom gaüzischen Landesausschuß veranstaltete Enquete zum Zwecke der Beratung über die Ursachen der großen Judennot dieses Landes stattfinden. Aus diesem Anlasse erscheint es notwendig, die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse des jüdischen kleinen Mannes in Oesterreich im allgemeinen und des galizischen im besonderen Revue passieren zu lassen, respektive den maßgebenden Faktoren näher vor die Augen zu rücken. Der Handwerker und der kleine Kaufmann, beide beginnen, was ja begreiflich ist, mit sehr unbedeutenden -Mitteln sich selbständig zu machen, aus diesem Grunde sind sie gezwungen, gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit an die Beschaffung von Geldmitteln zur Fortführung ihres Geschäftes zu denken. Das wenige Kapital, das der eine als Gehilfe und der andere als Kommis sich erspart haben, und die unbeträchtliche Mitgift, die sie erhielten, reichen gerade aus, um den ein- oder halbjährigen Zins fürs Geschäftslokal und Wohnung zu bezahlen, dann um Werkzeuge — oder einen kleinen Warenvorrat anzuschaffen. Dieser kleine Mann denkt nun an die vielen Banken mit den Millionen Kapitalien, die in Oesterreich vorhanden sind, und versucht, da er noch unerfahren ist, bei einer dieser Banken sein Glück. Er macht aber bald die Wahrnehmung, daß beispielsweise die „Wiener Kreditanstalt'1, die ursprünglich für „Industrie, Handel und Gewerbe" gegründet wurde, nur dazu dient, alte industrielle Unternehmungen, die infolge der Unfähigkeit der jungen Herren Chefs oder aus anderen Gründen nicht mehr prosperieren können, zu übernehmen. Andere Institute wiederum, die eine Zeit lang mit nicht schlechten Erfahrungen kleineren Kaufleuten Kredite gewährt haben, wollen ihren Ruhm ins Ausland tragen und interessieren sich lieber für Serbische und Bulgarische Anleihen, weil ja dadurch die Direktoren und Verwaltungsräte auf Kosten der kleinen Spareinleger leichter zu Orden und Verdienst kommen können. So kommt dieser kleine Mann zur Ueberzeugung, daß all diese großen Geldinstitute mit ihren vielen Direktoren und Filialen für ihn nicht vorhanden sind. Er greift nun zu dem in den Tagesblättern mit fetten Lettern angekündigten Eskompte- Bureaus, »Billiges Geld für Kaufleute und Gewerbetreibende, Personalkredite in jeder Höhe.< Und dann ist er schon zumeist auf schiefer Bahn. In Wien hat ein kleiner Teil der Judenschaft über diese Erscheinung nachgedacht und den Entschluß gefaßt, hier mit dem Beispiel vorangehend, ein Kreditinstitut für den khinen Kaufmann und Gewerbetreibenden zu gründen, lieber Initiative des Herrn Richard Rappaport und unter dessen Führung wurde vor ungefähr zehn Jahren ein »Kredit-Institut für jüdische Gewerbetreibende und Beamte« ins Leben gerufen. Dieser Titel wurde deshalb gewählt, weil die antisemitischen Wogen damals sehr hoch gingen und der Jude noch überdies wirtschaftlich boykottiert wurde. Man nahm an, daß die jüdische Bevölkerung Wiens ein solches Institut unterstützen wird. Die Gründer haben sich in ihrer Annahme getäuscht, und da sie infolge dieses Titels lange Zeit kein Entgegenkommen bei den Banken finden konnten, sahen sie sich veranlaßt, den Namen zu ändern. Dieses Institut firmiert jetzt unter den Namen »Wiener Spar- und Kredit-Gesellschaft«. Die Banken sind seit dieser Zeit zugänglicher, allein die Wiener jüdische Hautefinanze ist vor und nach dieser Taufe dieselbe geblieben. Statt dieses bereits erfolgreich wirkendes Institut zu kräftigen, hat sie ein zweites, ein Konkurren z-Insti tu t vor ungefähr vier Jahren gegründet, von dessen Existenz