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Neue Nationalzeitung · 1909-10-08 · Heft 21 (8.10.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 21 (8.10.1909)
Date
1909-10-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSU5 MaONAL-ZEiOJNG REiRAUSGBBER: DrS.R.LNNDAU XL JAHRGANG. WIEN, 8. OKTOBER 1909. Nr. 21 Wahlkataster oder „Wahl-Ghetto44? Offener Brief an den Reichsratsabgeordneten Dr. Benno Straucher. IJochverehrter Freund und Kollege! Ich habe in meinem Leben noch niemanden beneidet. Sie sind der erste Mann. Und ich beneide Sie nicht wegen ihrer Mandate, die Ihnen infolge Ihres Organisationstalentes und Ihrer Agitationskraft von selbst zufallen mußten, sondern wegen der historischen Aufgabe, die Sic zu erfüllen haben, und wegen der historischen Rolle, die Ihnen in der Geschichte des jüdischen Volkes nunmehr beschieden ist. Fünfundzwanzig Jahre werden es in den nächsten Tagen, da die Kattowitzer Konferenz mit ihren auf die Kolonisafion Palästinas hinzielenden Bestrebungen auch dem hinsiechenden nationalen Organismus der österreichischen Judenschaft neues Leben einflößte. Ein kleiner Kreis von Männern war es damals, der das nationale Banner ergriff, weil er es für erniedrigend hielt, nationale Komödie zu spielen und sich anderen Nationen aufzudrängen, von denen wir um den Preis der Duldung politisch ausgebeutet werden. Ihr Beginnen war ein Wagnis. Alles, was Rang, Ansehen, Vermögen und Einfluß in der Judenschaft hatte, war gegen sie. Sie wurden verhöhnt und gemieden, verfolgt und verleumdet. Die Leute, die mit ihrem „Judentum" Geschäfte machten und reichlichen Lohn dafür einheimsten, daß sie die jüdischen Massen in fremde Lager schleppten, sahen sich plötzlich in ihrer „Führerschaft" bedroht. Da haben sie das überlebte Wort „Ghetto" neu geprägt. Ihre feile Presse brachte es dann in Verkehr. Und mit diesem hohlen Schlagwort sollte allen jenen der Garaus gemacht werden, die aus reinstem Idealismus und nur aus Liebe zu ihrem Volke, aus Empörung über dessen Entwürdigung und aus Ekel vor seinen bisherigen „Führern", das nationale Selbstbewußtse in, das Vertrauen in die eigene Kraft im jüdischen Volke zu erwecken versuchten. Der Popanz des Ghettos hat trotzdem ver.-agt; die nationale Arbeit hat Früchte getragen Die Dutzende von jüdisch-nationalen Studentenvereinen beweisen, daß die jüdische Jugend zu ihrem Volke steht un ) wie an einen bö-ien Traum an jene Zeit zurückdenkt, da sie in „Korps" und „Landsmannschaften" fremden Idealen huldigte. Sie ist jüdisch in ihrem Denken und Streben; mutig und würdevoll trägt sie ihr Judentum zur Schau und durch ihr einmütigen Auftreten hat sie di - Anerkennung der jüdischen Nationalität an mehreren Universitäten errungen. Zehntausende von jüdischen Bürgern haben trotzend den Gefahren politischer Verfolgungen für jüdi-eh-n.ilionale Reichsratskandidaten gestimmt und Männer ihres Vertrauens gewählt. Auch sie verlangen die Anerkennung ihrer Nationalität und deren Gleichstellung mit allen anderen Nationalitäten. Sie halten es für unwürdig, nationale Ideale zu heucheln, die sie nicht empfinden, politische Robott für Nationen zu leisten, die ihnen Verachtung bezeugen und Fußtritte versetzen. Der Kampf um die xVnerkennung unserer jüdischen Nationalität, nicht bloß bei der Volkszählung, sondern auch vorwiegend im politischen Leben, ist unsere nächste und wichtigste Aufgabe. In diesem Kampfe sind Sie unser Fühler. Sie sind dazu prädestiniert, nicht bloß durch Ihre starke Willenskraft und Ihre langjährige parlamentarische Erfahrung, sondern hauptsächlich durch Ihn- Ix währte politische Klugheit. Ihrem Einflüsse und Ihrer Intervention gelang es durchzusetzen, daß der P< rmanenz- Ausschuß des Bukowinaer Landtages in den Wahlreform- Entwurf auch den jüdischen Wahlkataster aufgenommen hat, und schon damit haben Sie sich ein unslerbliches Verdienst erworben. Die Wut unserer Gegner, das Entsetzen jener korrupten Presse, die bisher alles

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