Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 14____„Neue National-Zeitung" ______Nr. 20 die Prinzessin keine Hilfe sei. Die Situation war eine verzweifelte. Da w^gte die alte Hofmeisterin den Rat (sie war eine Aristokratin und glaubte in geheimen an den Hokuspokus der Quacksalber), daß es sich verlohne, die Meinung „dieses jungen Juden" einzuholen. Da die „Kapazitäten" nachsichtsvoll damit einverstanden waren, wurde der Sohn des Todesengeis ins Haus des Herrschers zitiert. Der junge Arzt betrat nicht ohne gewisse Verlegenheit das Gemach der hohen Patientin. Aber was für ein Entsetzen erfaßte ihn — zu Häupten des vergoldeten Bettes stand st in Vater in eigener Person! „Teuerer Vater", flehte der Sohn mit bebender Stimme, „du siehst doch, daß es sich da nicht bloß um das Leben der Prinzessin, sondern auch um die Zukunft deines Sohnes handelt: verlasse gleich den Pfuhl." „Ich kann nicht", erwiderte der Engel traurig, die Augen zu Boden senkend. Da kam dem Sohne jäh ein Gedanke. „Vater", sngte er drohend, „wenn du nicht fortgehst, ... werde ich die Mutter rufen!;t... Und der Todesengel verduftete im Moment. So erwies sich ein böses Weib stärker als der Tod. Die Fürstin genas natürlich — schloß der „Altgläubige" — und der junge Arzt wurde mit einem Orden beehrt, und wenn er kein Jude wäre, hätte er sicherlich die Prinzessin gc ehelicht. Klemens Junosza: Die Musikanten. (Schluß.) „Nun, und was wird mit Boruch geschehen?" — »Wir werden bei Boruch morgen spielen. Sind wir denn keine Musikanten, ist es denn für uns was Neues nicht zu schlafen?" ... Judka war froher Laune, er fühlte in sich eine merkwürdige Kraft, es schien ihm, daß er nicht nur eine, sondern zehn Nächte hintereinander spielen könnte — trotz seiner grauen Haare, trotz seiner 60 Lebensjahre. — „Spiel!", rief er, „Anschel spiel! Chuna spiel! . . . eine Schüttel-Polka!" Es erklangen die Töne der Schüttel-Polka, die Jugend raste ... die Kavaliere warfen den Musikanten Gulden und Zehner hin, die Fräulein baten um neue Tänze. »Man kann nicht sagen", sprach Sadlowski, „würdige Juden, sie wissen ein bedeutendes Haus zu schätzen, sie wissen, was zu spielen". „Und sie spielen schön." Bewundernd fugte eine alte, dicke Junkersfrau hinzu, daß bei einer solchen Musikkapelle die Füße sich von selbst bewegen. „Ah, wenn so", rief Sadlowski, dann bitte, bitte..." Und der dicke Junker ergriff das stattliche Weib und hüpfte mit ihm regelrecht vom Ofen an. Er schlug mit den nagelbeschlagenen Stiefeln, daß vorn Fußboden Spähne flogen. . . „Uff", rief er, nach Atem ringend und fiel auf eine Bank „würdige Juden, herrliche Juden! Ich werde euch Ungläubige mit Erdäpfeln uud Erbsen vollstopfen, daß ihr bis Neujahr zu fressen haben werdet . . . Wie die Arbeit, so der Lohn . . . Die Hunde mögen euch auffressen — eine fürstliche Kapelle, spielet noch, und ihr Jungfern steht nicht wie Hafersäcke an der Wand ... bewegt euch! . . . daß ihr der Hochzeit bei Sadlowski gedenket! Grete, laß doch für die Musikanten Krupnik in einem neuen Topf aufkochen. Höret, Juden, wahrhaftig in einem neuen Topf . . . nichts von, Trefe' darin." Die Hausfrau tummelte sich rüstig. Krupnik ist ein Höllentrank aus Spiritus, Honig und Gewürz. Er wird heiß getrunken und besitzt die Eigenschaft, den festesten Mann schnell aus dem Gleichgewicht zu bringen. Als die Musikanten sich mit diesem Getränk gelabt hatten — ablehnen durften sie nicht, da Sadlowski bat und mit den Fäusten drohte — da graute schon der Morgen durchs Fenster. Der Bogen entfiel Judkas Hand... dann rollte das Tamburin lärmend zu Boden und ihm folgte seiner ganzen Länge nach Chuna Brummbaß . . . David und Anschel schliefen wie Tote. Man trug sie in die Scheune aufs Stroh — der müde und schlaftrunkene Wirt blieb unweit liegen. Es war schon Abend, als Judka von der Scheune hinausblickte. Da er in den Fenstern Licht sah, trat er in die Stube. „Herr Sadlowski", sagt er zum Gutsherrn, welcher schon zum zehntenmale den Gästen mit Krupnik zutrank, — „mir scheint, daß bald Tag sein wird ..." — „Der Tag wird sein", entgegnete der Junker, „sobald die Nacht vorüber ist" . . . „Nu, sie wild ja bald vorüber siin. Lassen sie uns zum Boruch führen." — „Was hast du, Judka! Ermanne dich" .. . „Wieso? Ich gedenke wohl, heule mittag wird bei Boruch Hochzeit gefeiert." — »Aha! so suche die heutige Mittagsstunde, wenn jetzt schon Nacht ist, es wird gewiß acht Uhr sein . . . Boruchs Tochter hat man schon längst das Kopihaar abgeschnitten." - „Aj ... aj .. . was werde ich machen! Herr Sadlowski, was werde ich machen! Boruch ist. reich, Boruch Avird an mir Bache üben." — »Aha ... er wird dir soviel machen, wie der vorjährige Frost. Es ist kein Mangel an Juden auf der Welt, du wirst noch genug auf Hochzeiten spielen." — „Aber BoriK-h! Boruch ... so ein reicher Mann!" — „Stich mir nicht in die Augen mit seinem Reichtum. Vielleicht könnte ich fünf solche Boruclis kaufen und würde noch im Kasten den Boden nicht bemerken. Was ist denn Boruch!" „So eine Hochzeit, so eine Hochzeit, ohne Musik . . . aj gnädiger Herr, gnädiger Herr, was werde ich bekommen?" — „Du wirst bekommen, was ich dir geben werde . .. Und jetzt wecke deine Juden und spiel', denn die Gäste langweilen sich . . . Hast gehört, wie mau sagt: ,Spiel' nur ein bißchen Jud'1. — ,Es ist Schabbes, Herr'. — ,Stock her gegen den Juden.1 — ,Gleich, Herr... lacheium, eiacheium, bim, bam, bum! Wenn dr Herr heißt, so spiele ich". — „Bei Sadlowski dauert eine Hochzeit drei Tage und drei Nächte, daß du d;is weißt und es deinen Enkeln erzählst." Judka trug sein Los mit Gleichmut, er weckte seine Genossen und sie spielten noch durch weitere zwei Tage, aßen, tranken Krupnik — und spielten wieder . .. Brummbaß flehte zu Gott, daß diese Hochzeit ein Jahr dauern möchte. Auf einer mit Proviant beladenen Fuhre kehrten sie heim, sie hatten mehr als zehn Rubel verdient. Aber gleich bei der Einfahrt in die Stadt begegneten ihnen Vorwürfe und Flüche. „Ah, Lumpen! Das Fieber soll euch über die Knochen spielen ... ist es recht so?" „Zigeuner seid ihr, ekelhafte Kerle!"