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Neue Nationalzeitung · 1909-09-24 · Heft 20 (24.9.1909) · p. Seite 13

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 20 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung'* Seite 13 FEUILLETON. Eine Schlappe des Todesengels. (Aus dem jüdischen Legendenschatz.) M.tgeieilt vou Ilonor. Es fand einmal ein lebhafter Disput über die Frauenemanzipation statt. Nach pathetischen Verteidigungen der Parteigänger dieser Bewegung und heftigen Ausfällen der Widersacher erwähnte ein<T der Anwesenden etwas über die Lage der Frauen bei den Völkern des Altertums. Es wurde daraufhin endlos über die Griechin und Römer debattiert, wobei der ganze „Orient" mit seichten Gemeinplätzen abgespeist wurde. „Ich bitte um Entschuldigung" — ließ sich einer der Anwesenden, ein bis dahin schweigender Mann von rein „orientalischem" Aussehen, den die Tracht überdies entschieden zu den „Altgläubigen" zählen ließ, vernehmen. — „Ich bitte um Entschuldigung, daß ich ihre Aufmerksamkeit noch auf eine Nation des Altertums, die uns besonders interessieren sollte, lenke. Denn all dies, was manche aus unserer Milte als eine Errungenschaft der neuzeitlichen Emanzipation anpreisen, befindet sich wie am genauesten im „Buch der Bücher" — in der Bibel". „Tatsächlich?" — fragte jemand mit ironischer Verwunderung. „Das versteht sich" — entgegnete der „Altgläubige" eifrig. — „Genoß Sara im Hause ihres Mannes, eines groß mächtigen Emirs, nicht Gleichberechtigung? Regierte nicht die Prophetin Debora, gleichgestellt mit den tüchtigsten Richtern, ganz Israel? Pflegten unsere Väter nicht zu sagen, daß ein tugendhaftes AVeib für den Mann ein kostbarerer Schatz sei, als die teuersten Kleinodien, daß sie eine Urne sei, in welcher sein Herz ruht!" „Aber" — unterbrach eine der Damen mit einem leichten Lächeln — „wir finden in der heiligen Schrift solch bissige Äußerungen über das Weib, auf welche gar kein Antisemit verfallen wäre. König Salonion, nach der Bibel der weiseste Mensch, sagt ausdrücklich, daß er das Weib schlimmer als den Tod betrachte". „König Salomon halte offenbar ein schlechtes Weib im Sinne" — erklärte ohne eine Spur von Verlegenheit der Verehrer der Bibel. „Und in dirs°m Falle kann man den königlichen Weisen nicht der Ueberlreibung bezichtigen, im Gegenteil eine gewisse alte Legende unseres Volkes illustriert drastisch jenen Auspruch". „Wir bitten um diese Legende, wir bitten!" — ließen sich zahlreiche Stimmen vernehmen. „Mit dem g ößten Vergnügen" —erklärte der „Allgläubige" sich hiezu bereit und erzählte : Eines schönen Morgens, als eine grassierende, furchtbare Epidemie in einer Nacht sehr viele Leute weggerafft hatte, begab sieh der Todesengel, von seiner blutigen Mission niedergedrückt, vor den Thron des Allerheilig=ten — Er sei gelobt — und sich in Tränen auflösend, bat er demütig, Gott möge in seiner Barmherzigkeit ihn für eine graume Zeit von der furchtbaren Beschäftigung entheben. „Bin i'h denn nicht ein himmlischer Engel?" — beklagte er sich — »und doch verwüns heu mich die Menschen und behandeln mich ärger als den schlimmsten Menschen! Ach, Allerbarmherzigster! Ich möchte auch die Süßigkeiten der menschlichen Liebe und Dankbarkeit empfinden!" Und Gott erhörte den Todesengel. Er gestattete ihm, das unerbittliche Schwert an den Nagel zu hänge.), die düsleren Schwingen abzulegen und eine Menschengestalt anzunehmen. In einen Jüngling vcrwandell, ließ sich der Todesengel auf die Erde gleiten, wo er in einer großen Stadt vor dem Hause eines vornehmen Juden Halt machte. Er betrat das Haus und da er sich als ein wandernder Tahiiudji'mger vorstellte, wurde er von» frommen Hausherrn überaus höflich aufgenommen. Nach einigen Tagen der Gastfreundschaft hatte der reiche Mann den jungen Gelehrten dergestalt liebgewonnen, daß er ihm die Hand seiner schönen und mitgiflreiehen Tochter mitsamt mehrjähriger, freier Kost und Wohnung anbot. Obwohl, der Wahrheit die Ehre, das Mädchen weniger gut als schön zu sein schien, bemerkte doch der gewesene Engel, daß sie ihn wohlwollenden Blickes anschaut — denn er war auch ein prächtiger junger Mann von einem überirdischen Zauber — und er ging mit Freuden auf den allseitig vorteilhaften Vorschlag seines Gönners ein. Die Trauung fand statt. Die Flitterwochen verliefen für beide Ehegatten so süß und wonniglich, wie dies gewöhnlich... in Legenden und Romanen geschildert wird. Kaum aber war ein Sohn zur Welt gekommen, gelangte die bisher unterdrückte Boshaftigkeit der Frau umso heftiger zum Ausbruch. Unaufhörlich brummte sie, bald über die „müßiggängerische" Lebensweise des Mannes, bald über seine Zuneigung für den einzigen Sohn, um dessenlwillen er sie quasi vernachlässigte; schließlich begann sie ihm Tag und Nacht so zuzusetzen, daß er sich wieder nach dem Himmel zurücksehnte. Das Zusammenleben mit der Xantippe wurde ihm eine solch'unerträgliche Hölle, daß seine Engelsgeduld es nicht weiter zu ertragen vermochte! Er beschloß also, die Flucht zu ergreifen. Obwohl das Endziel seines Erdenwallens noch in weiter Ferne lag, zog er es vor, auf die irdischen Genüsse zu verzichten. Er führte den geliebten Sohn in ein entlegenes Gemach und sagte mit Tränen in den Augen: „Teueres Kind, ich muß dich verlassen. Wis?e, daß ich ein Engel bin (hier seufzte er tief auf) ich kehre in den Himmel zurück. Ich werde aber nie aufhören, dich zu beschützen. Du bist jung und talentiert — trachle ein Arzt zu werden. Wenn du zu praktizieren beginnen wirst, werde ich dich stets auf deinen Krankenbesuchen begleiten, natürlich nur in einer für dich sichtbaren Gestalt. Wenn du mich also zu Füßen des Krankenbettes erblicken wirst, dann kannst du sicher sein, daß der Patient genesen wird; wenn ich aber zu Häupten stehen werde — wird der Kranke unwiderruflich sterben". Und den Sohn herzlich umarmend verschwand er. Und es geschah nach Wunsch des Todesengels. Sein Sohn absolvierte mit Auszeichnung die medizinische Fakultät und trotz seiner Jugend wurde er bald als ein beinahe nie fehlender Arzt berühmt. Es kam vor, daß in Fällen, die scheinbar unbedenklich waren, er sein gelehrtes Haupt unheilverkündend schüttelte, während er in Fällen, die augenscheinlich gefährlich waren, vielversprechend lächelte. Aber dank der Stellung seines Vaters beim Krankenbette, ging seine Voraussage immer in Erfüllung. Einst erkrankte eine Prinzessin, die einzige Tochter eines Monarchen, schwer. Die Professoren in- und ausländischer Universitäten wurden berufen, aber diese Kapazitäten stritten über die Art der Krankheit und des Heilverfahrens, nur darin übereinstimmend, daß für

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