Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Die Auswanderungsepidemie hat nämlich ein systematisch betriebenes Gewerbe gezeitigt, das sich an der Unerfahrenheit und Verzweiflung der armen Leute bereichert. Die Polizeikommissariate besonders jener Bezirke, in deren Rayons die Bahnh öfe liegen, haben nahezu täglich Gelegenheit, bei diesen Betrügereien zu intervenieren. Trotzdem blüht dieses Gewerbe. Ein typisches Beispiel ist folgendes: Ein Mann kommt mit der Karte einer Dampfschiffahrtsgesellschaft auf den Nordbahn h o f, um von hier weiterzufahren. Gemäß einem Verbot der Polizei werden von den hiesigen großen Gesellschaften keine Angestellten zu den Bahnhöfen gesendet, um die an sie gewiesenen Auswanderer in Empfang zu nehmen. Der Mann, der nun weit her aus Galizicn oder Rußland kommt, wird an seiner Unbeholfe.-iheit sofort von dem berufsmäßigen Auswjnderungsagenten erkannt. Dieser bietet dem Emigranton seine Hilfe an, stellt sich frech als Beamter einer der großen Gesellschaften, die, wie ich ausdrücklich belone, diesem Schwindel ganz ferne stehen, vor und läßt sich für eine Bahnkarte den doppelten Bitrag zahlen Der Auswnnderer kann von Glück sagen, wenn er nur um diesen Betrag geprellt wird und wenigstens auf die richtige Bahnlinie gebracht wird. Aber diese Hyänen, die auf dem Südbahnhofe ebei^o ihr Wesen treiben, sind schamlos genug, oft den Auswanderern direkt das Geld zu entlocken und dann einfach zu verschwinden, was ihnen bei der Lokalunkennlnis der Emigranten nicht schwer fällt. Diesen Schwindlern macht eine bestimmte Sorte von Auswanderungsbureaux, besonders im II. und IV. Bezirk, ei folgreich Konkurrenz. Diese Bureaux verfügen nicht über Dampfer, mit denen sie die akquirierten Auswanderer expedieren können. Da die größeren Schiffahrtsgesellschaften im Interesse ihres geschäftlichen Rufes es ablehnen, mit solchen Winkelbureaux zu arbeiten, sind sie genötigt, entweder an minderwertigere Scbiffahrtsgesellschaften oder an solche, die in Oesterreich nicht konzessionierte Linien befahren, heranzutreten. Ihre Agenten auf den Bahnhöfen nehmen die für die verschiedensten Linien bestimmten Passagiere in Empfang, führen sie in die Bureaux, wo ihnen unter falschen Angaben für schweres Geld eine Schiffskarte aufgedrungen wird. Der Erfolg ist nun, daß die armen Auswanderer nicht nur um ihr Geld betrogen werden, sie werden auch in Häfen ausgeschifft, von denen aus sie ihr Reiseziel gar nicht ereichen können. Das Reisegepäck und die Anzahlung, die sie bei jener Gesellschaft deponiert haben, von der sie ursprünglich expe liert zu werden wünschten, sehen sie natürlich nie oder selten wieder. Solche Zus'ände herrschen in Wien, in dem Orte, in dessen Mauel n ein Emigralionskongreß abgehalten worden soll. Oder will man Europa und Amerika ad oculos demonstrieren, wie groß die Apathie unserer berufenen Kreise ist und wie verlottert die Verhältnisse bei uns dahier sind? Dann allerdings gebührt Wien das Recht, der Schauplatz eines Emigrationskongresses zu sein. _ Emigrations - Nachrichten. Ein Interview mit dem Einwanderungskommissär Williams. Der New-Yorker Korrespondent der Petersburger Zeitschrift „Der jüdische Emigrant" halte jüngst mit dem Emigrationskommissär Williams eine interessante Unterredung, aus der hier das Wichtigste angeführt sei. Lassen wir dem Emigrationskommissär Williams das Wort: Willams: Mit Vergnügen will ich Ihnen alle jene Auskünfte geben, die Sie interessieren können. Mein Zirkular haben Sie doch gelesen? *) Darin habe ich meine Meinung *) Es ist damit ein i?i Frageform gedrucktes Zirkular gemeint, das die Emigration nach Amerika behandelt. Der'jüdische Kindergarten in Tarnow.