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Neue Nationalzeitung · 1909-09-24 · Heft 20 (24.9.1909) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 20 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 DIE JÜDISCHE Dr. L. Sofer (Wien): "Wege und Ziele der jüdischen Emigration, i. Ich habe dem Herausgeber dieser Zeitschrift die Eröffnung dieser neuen Rubrik vorgeschlagen in der Empfindung, daß sie einem wirklichen Bedürfnisse des jüdi-chen Volkes entspricht. Denn so verschiedenartig die Gründe der Auswanderung sind und so sicher politische Faktoren hier eine wichtige Rolle spielen -•— wenn nicht die wichtigste — ebenso sicher wird die Wanderung selbst von wirtschaftlichen Gesetzen diktiert und beherrscht. Aber gerade gegen diesen Grundsatz wird bei der öffentlichen Behjndlung der Frage oft gefehlt. Die einzelnen Parteien innerhalb des Judentums übertragen ihre Parteitendenz auf diese wirtschaftliche Frage und nolens volens lassen sie sich daher von vorgefaßten Meinungen leiten. Es genügt, daß ein Zionist einen Weg vorschlägt, damit ein Antizionist ihn als verfehlt hinstellt; und es genügt'-, daß ein Nichtzionist in Palästina den Grundstein zur jüdischen Besiedelung des Lindes lrgte, damit ein Jahrzehnt lang dieser Grundstein von dem politischen Zionismus verächtlich bei Seile gestoßen wurde; Schlagwörter hüben und Schlagwort drüben! Die Frage der Wanderung von der Herrschaft der parteifroinmen Phrase u r e befreien, nichts mehr und nichts weniger soll der Zweck dieser Zeilen sein. Die Wege, die dabei betreten werden sollen, ergeben sich aus der Befolgung des Satzes: Das Bessere ist der Feind des Guten. Das Bessere wäre natürlich eine einheitliche, endgillige Lösung des ganzen Problems; es wäre besser, leichter und einschmeichelnder. Nur schade, daß dieses „Bessere" noch nicht gefunden ist und daß beim näheren Zusehen dieses Bessere sich wieder nur als (in Parteigötze entpuppt. Bleiben wir deshalb ruhig und ohne Voreingenommenheit bei dem verschiedenartigen Guten, wie wir es in den verschiedenen Lagern finden. Das eine tun und das andere nicht lassen, muß das Leitwort der jüdischen Arbeit sein. Vollständig kalt muß es uns daher lassen, wenn irgend ein Privatdozent sein geaichtes System als einziges Panacee für die jüdische Kolonisation darstellt und — gestützt auf ein ganz verunglücktes Experiment in Deutschland als einzigen praktischen Versuch — von der Annahme oder Nichtannahme dieser genossenschaftlichen Idee die ganze Zukunft der Kolonisation abhängig macht. Nicht einmal darüber sind die Akten geschlossen, ob das genossenschaftliche System — in der einen oder der anderen Form — das erfolgreichere gegenüber dem individualistischen wäre. Wenigstens lehrt uns die Geschichte der großen Kolonisationen, sei es der historischen, sei es der modernen, wie?ie sich z. ß. vor unseren Augen in Deutsch - Südwestafrika vollziehen, daß der dauernde Erfolg nur auf Seite der individualistischen Arbeit war, und daß alle Versuche auf genossenschaftlicher Basis, früher oder später, in die Brüche gingen. Allen denen also, die aus der Frage der jüdischen Kolonisation einen Tummelplatz ihrer Parleileidc nschaften oder ihrer wissenschaftlichen Liebhaberei machen wollen, EniQRdTION. sei ein kräftiges :Die Hände weg! zugerufen. Dagegen soll jedes Projekt, das gut gemeint ist, gleichgillig aus welchem Lager es stammt, unvoreingenommen geprüft werden. Ein gleiches Hands off müssen wir den Hoisten zurufen. Diese Partei hat es verstanden, in der kurzen Zeit ihrer Tätigkeit j'.des Vertrauen zu ihrer Tätigkeit gründlich zu untergraben. Sie hat es verstanden, mit all dem schlimmen theatralischen Apparat der Herzlschen Taktik über die innere Hohlheit ihrer Arbeit zu täuschen und ihr vollständiges Verschwinden aus der jüdischen Oeffentlichkeit würde von allen Feinden der Phrase nur herzlichst begrüßt werden. Wenn ich also betreffs der Lösung der jüdischen Emigralionsf'rage einem weitherzigen, aber nicht weichherzigen Eklektizismus huldige, so soll damit nicht der völligen Regellosigkeit das Wort geredet werden. Im allgemeinen gilt für die Judenfrage noch immer der Satz Achad-Haams: Für die ideelle Seite bedeutet der Zionismus, für die wirtschaftliche Seite Amerika die Lösung. Dieser Satz ist im allgemeinen richtig, im besonderen bedarf er einiger Ergänzungen. Der Zionismus erschöpft natürlich nicht die ideelle Seite; hieher gehört auch, um nur d.is Wichtigste zu nennen, die nationalpolitische Betätigung der Juden in den Ländern der Diaspora. Was die wirtschaftliche Seite betrifft, so muß man nicht nur Amerika nennen, worunter Achad-Haarn Nordamerika verstand, sondern es sind jetzt auch Kanada, Südamerika (Argentinien) bedeutend in den Vordergrund getreten. Dagegen stehe ich der Propaganda für V i r g i n i e n (den Südstaaten) sehr skeptisch gegenüber, da sie im Grunde doch nur darauf hinausläuft, daß die Juden Ersatz für die verlorene Sklavenarbeit schaffen sollen, nach der der Süden noch immer seufzt. Weiße Sklaverei! Die Frage der Emigration ist eine derart brennende geworden, daß die jüdische Presse Amerikas einen Emigrations kongreß fordert. Ich halte diese Forderung nicht für zweckentsprechend. Spricht aus nur die allgemeine Kongreßmüdigkeit, die neuerdings in Europa einreißt? Ich weiß es nicht. Aber jedenfalls ist bisher die Kongreßgeschichte nicht fruchtbar gewesen, speziell die jüdische. Immer sehen wir nur eine Vorstellung mit festgesetztem Programm, das die Arrangeure im voraus bestimmten. Wozu denn der kostspielige Apparat? Man hat nirgends den Eindruck, daß aus den Beratungen etwas neues hervorginge. Viel ersprießlicher wäre ein weiterer Ausbau der Auskunftserteilung für Auswanderungslustige, nach der Art, wie in Deutschland ein Bureaux besteht für diejenigen, die in einer deutschen Kolonie einwandein wollen. Recht merkwürdig ist e-, daß von gewisser Seile speziell Wien als Ort des projektierten Kongresses empfohlen wird. Man muß über die Kühnheit dieser „Idee" staunen, denn es ist eine Schande, was für verrottete Verhältnisse auf dem Gebiete des Aus» Wanderungswesens gerade in Wien herrschen. Da werden in jüdischen Kreisen allerlei hohle, überspannte Projekte ausgeheckt, die dem Fachmann nur ein Lächeln entlocken können, und währenddessen wird die vor den Augen der jüdischen Oeffentlichkeit betriebene krasseste Ausbeutung der armen Auswanderer ignoriert.

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