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Neue Nationalzeitung · 1909-09-24 · Heft 20 (24.9.1909) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 20 (24.9.1909)
Date
1909-09-24
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 Seite 7 Brief aus öalizien. (Von unserem Korrespondenten.) Lemberg, 20. September. Der Landtag und die Juden. Der Beginn des Landtages steht in dem Zeichen der ruthenischen Obstruktion. Die Ruthenen, deren Politik im Parlamente vom Standpunkte der Opposition in taktischer Beziehung bisher viel zu wünschen übrig läßt, scheinen endlich zur Ueberzeugung gelangt zu sein, daß sie im Parlamente mit ihrer bisherigen schwankenden, unentschiedenen Haltung, die in den meisten Fällen i.ur in der Abstinenz, nie aber in einer energischen Opposition bestanden hat, nichts erreichen werden. Sie haben sich nun endlich entschlossen, mit einer Obstruktion einzusetzen. So steht denn der galizische Landtag im Zeichen der polnisch-rulhenischen Frage. Nur die jüdischen Abgeordneten, deren Zahl nach dem Tode Dr. Fruchtmanns lediglich fünf beträgt, verkriechen sich und schweigen, um auf den polnischen Bänken nur weiter geduldet zu werden. Und doch hätte ein jüdischer Abgeordneter, dem es nicht bloß um das Mandat und um die Befriedigung persönlichen Strebertums, sondern um die Interessen der jüdischen Bevölkerung zu tun wäre, die Pflicht, nach vielfacher Beziehung den Landtag aufzurütteln. Es wäre in erster Linie wichtig, einen Beschluß des Landtages in der Schänkerfrage zu provozieren. Mehr als 30.000 jüdische Schänkerfamilien sehen mit der größten Besorgnis ihrer Zukunft entgegen. Im nächsten Jahre erlischt das Propinationsgeselz. Damit verlieren auch die jüdischen Schanker jede Berechtigung zur Ausübung ihres Gewerbes und die neuen Schankkonzessionen, ohne die sie das Sehankgewerbe nicht werden ausüben dürfen, lassen noch immer auf sich warten. Wird es bei der Verleihung derselben nach Recht und Gesetz zugehen oder werden sich die hiefür kompetenten Bezirkshauptleute bloß von privaten Erwägungen, von Protektionen, Parteieinflüssen, Antisemitismus u. dgl. leiten lassen? Da wäre es an der Zeit, daß der Landtag nach dieser Richtung vom Statthalter eine Enunziation verlange. Denn es handelt sich um das Los von 150.000 jüdischen Seelen, die von der Unsicherheit ihres Loses gepeinigt werden. Die ,.jüdischen" Abgeordneten aber — schweigen . . . * Die politischen Verhältnisse im Krakauer Judenviertel. In Krakau gehen jetzt merkwürdige Dinge vor. Dr. Adolf Groß, der Reichsratsabgeordnete des jüdischen Viertels, der sich in der letzten Zeit für den unbestrittenen jüdischen Tribun gehalten hat, beginnt in auffallender Weise zu wanken. In jüngster Zeit hat eine große jüdische Versammlung stattgefunden, bei der er nicht einmal das Wort ergreifen durfte — tine für die Krakauer Verhältnisse sehr bezeichnende Tatsache. Es scheint, daß die unentschiedene, programmlose, stets lavierende Haltung der „Unabhängigen Juden" in den breiten Schichten der Krakauer jüdischen Bevölkerung endlich richtig gewürdigt wird. Die Bevölkerung kommt zu der Einsicht, daß ihr damit allein noch nicht geholfen ist, wenn in den Personen ihrer Abgeordneten und ihrer Gemeinderäte ein Wechsel eintritt, mit einem Worte: wenn von ihren Führern nur persönliche, abtr keine Volkspolitik gemacht wird. Es ist daher bezeichnend, daß sich die Sympathien der Bevölkerung nunmehr dem hinter Dr. Groß herstürmenden Sozialdemokraten Dr. D r o h n e r zuwenden. Dieser Herr, seinem Berufe nach ein junger Advokat und Sozialdemokrat, scheint zur Ueberzeugung gelangt zu sein, daß man bei den Juden mit sozialdemokratischen Phrasen mehr erreichen kann, als bei den christlichen Arbeitern. Er hat nun das jüdische Viertel zu seiner Domäne erwählt, wo er dem Dr. Groß ziemlich unbequem wird. Die Konkurrenz beider Herren beschränkt sich vorläufig auf das Gebiet der Wohnungsteuerungen, indem einer den anderen durch seine Mieterfreundlichkeit überbietet. Untereinander beschimpfen sie sich rücksichtslos. Dr. Groß wirft bereits dem Dr. Drobner vor, daß er mit Erpressungen und Denunziationen arbeitet. Nun kommt die Komik in der ganzen Sache. Der Führer der sozialdemokratischen Partei, Herr von Daszynski, befindet sich in einem Dilemma. Auf der einer Seite steht sein offizieller Parteigenosse Dr. Drobner und auf der andern Dr. Groß, der sich offiziell als „unabhängiger Jude" geriert, im Geheimen aber hinter Daszynski steht und dessen „Naprzod" souteniert. Da Daszynski überdies sein Gemeinderatsmandat aus der Kurie der jüdischen Kleingewerbetreibenden erhalten und dies daher dem Dr. Groß zu verdanken hat, so dürfte man wohl mit Recht darauf gespannt sein, wie sich Herr Daszynski hier aus der Klemme ziehen wird. Einer Partei scheint es aber in Krakau sehr gut zu gehen und sie ist auch recht brav. Sie beunruhigt niemanden, sie macht niemandem Sorge, sie ist mit Herrn Dr. Groß zufrieden und ist auch Herrn Dr. Diobner nicht bös — sie schläft. Das sind die Z i o n i s t e n. Sie haben jedem Ehrgeiz entsagt, in der jüdischen Politik überhaupt noch eine Rolle zu spielen. Dafür sammeln sie sehr fleißig für den Nationalfonds und die diversen anderen Fonde. * Die „Kredit-Union" schweigt. Ihre Nachricht von den Geschäften der „Kredit-Union" hat in den weitesten Kreisen großes Aufsehen erregt. Man erwartete mit Spannung, daß Ihre Nachricht von den zionistischen Blättern, insbesondere aber vom „Tagblatt" dementiert werde. Das Dementi ist aber ausgeblieben, und man fragt sich allgemein mit Verwunderung, ob es denn geduldet werden darf, daß die zionistische „Kredit-Union", welche unter vielen Opfern von Parteigenossen und mit einem namhaften Beitrage der „Jüdischen Kolonialbank" gegründet wurde, einfach in den Dienst der Großeskompteure gestellt wird. Da hat jedenfalls die Wiener Bank, welche derartige Wechsel abgelehnt hat, mehr Charakter bewiesen, als die Leiter der „Kredit-Union". Im Interesse der beunruhigten jüdischen Oeffentlichkeit müssen wir von den Leitern der „Kredit-Union" eine entschiedene Aufklärung verlangen. Sollte diese Aufklärung aber doch nicht gegeben werden, sollten sich die Herren noch immer in Schweigen hüllen, dann werden die Oeffentlichkeit und die Mitglieder der „Kredit-Union«, insbesondere aber ihre Gründer wissen, in welchen Händen diese Kreditgenossenschaft liegt, und welcher Mißbrauch mit ihrem Oelde getrieben wird. Auch der jüdische kleine Mann wird um eine traurige Erfahrung reicher sein. Eine „zionistische Bank", die Akzepte von Bauern mit dem Giro jüdischer „Großeskompteure" annimmt und den Kredit einer Wiener Großbank für solche Rimessen statt für die Rimessen jüdischer Kaufleute aufbrauchen will, das ist eine Errungenschaft, auf die sich die Herren Stand und Gabel was einbilden dürfen .... Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht Die Administration.

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