Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 Vorteile — etwas verändert. Er ist nicht mehr Mitglied der Reformgemeinde, er hat sich — wie er sagt — zur „allgemeinen jüdischen Religion* bekannt. Die Ursache dieses bedeutsamen Schrittes will er mir nicht verhehlen : er hat eine für den Luftzug sehr empfindliche Glatze und das „Beten" ohne Kopfbedeckung bekommt ihm nicht gut. Man sollte gar nicht glauben, wie die Pflege der Gesundheit mit dem Glauben kommuniziert. Am Roschhaschonoh-Tage finde ich ihn im Kreise einer befreundeten Familie. An solchen Tagen freue ich mich seiner Existenz, er gewinnt für mich doppelte Bedeutung. Das ist der Tag, an dem in jedem Juden das Volksgefühl erklingt — nach eigener Art; das ist so eine Zeit, die lehren kann, wie viele Judentypen der Glaube unserer Epoche gezeitigt. Es ist weniger „der Tag des Herrn", wie der Tag der Herren; der Paradeaufzug der jüdischen Bourgeoisie ... Ich komme aus einem „Armenbethaus*, aus einem Lokale, in dem tagsvorher die liebe Jugend das Tanzbein schwang. Heute sitzen arme Juden da und beten — auf Freiplätzen. Unser Freund, der Herr Glaubensgenosse, kommt aus der „großen Synagoge" und „fühlt sich". Die anderen sah ich versunken in Andacht; er versinkt in Stimmungen. Denn er ist sentimental; es ist die Sentimentalität aller Haltlosen, Halben. Am Neujahrstag ist er gerührt, trägt das Gebetbuch mit Goldschnitt recht sichtbar und spricht viel von göttlichen Ideen. Und weiht ein frommes Gedenken seinem Ahnen, der ein guter Jude und hochverdientes Mitglied des Zentralvereins war .. . Nicht immer ist er solcher Art, unser Freund, der Glaubensgenosse. Oft ist er ärger. Immer aber erinnert er uns, wie schlecht es um unsere Sache bestellt ist; zeigt uns, wie wir diese Halben zu keinem Ganzen vereinen können. Er ist unser aller Freund. Er weiß es schon so einzurichten, daß ers ist. Unser Glaubensgenosse — das will viel sagen. Will sagen, daß diese es sind, die uns des frohen Glaubens berauben, daß wir fortschreiten im Bewußtsein der Freiheit. Unsere Freunde, die Glaubensgenossen, sie leben da und dort, sind in allen Kreisen zu finden. Fühlen sich überall quietschwohl und überschreien an jüdischen Festtagen den Vorbeter. Sie sind zumeist nur einmal im Jahre fromm — dann aber gründlich und in guter Toilette. Auf daß der Herr Wohlgefallen finde an ihnen . . . Und weil wir trotzalledem an ein alle Juden vereinendes Ideal glauben, müssen wir sie ertragen, die Freundschaft unserer Glaubensgenossen, die so selten Genossen unseres Glaubens werden ... Dr. Albert Wagner Hof- und Gerichtsadvokat. Von Univ. Professor Dr. S. Ehrmann. Mit Dr. Albert Wagner ist eine eigenartige Persönlichkeit dahingeschieden. Obzwar nichts weniger als orthodox, durchaus nicht der Beobachtung der Zeremonialgesetze hingegeben, war er doch eine durchaus religiöse Natur, ein Konfessionsjude durch und durch. Eine Erscheinung, die umso bemerkenswerter ist, wenn man seinen Werdegang betrachtet. Schon frühzeitig seiner Eltern beraubt, wurde er bei einem Großvater, der Rabbiner in Suczawa war, erzogen und frühzeitig dem Talmudstudium und dem Studium des übrigen jüdischen Schrifttums zugeführt; wie es dem Schreiber dieser Zeilen scheint, in einer von der gewöhnlichen Art abweichenden, der modernen wissenschaftlichen Methode viel näher stehenden Art. Denn sein Wissen hatte namentlich weite weltgeschichtliche, religions-philosophische, kulturhistorische und philologische Ausblicke. Dies ist wohl der Grund, warum er der im Osten üblichen landläufigen, rabbinischen Karriere sich nicht widmen mochte. Zunächst war er Erzieher in dem angesehenen und vornehmen Hause des Staatsrates Poljakow in Moskau, wo er zur Zeit Alexander II. nicht bloß mit den angesehensten jüdischen, sondern auch christlichen Persönlichkeiten in Berührung kam. Seine Erzählungen aus diesem Milieu waren von ungemeinem Interesse. Er wußte Land und Menschen mit unnachahmlicher Anschaulichkeit zu schildern, welche auf die russischen Verhältnisse auch der heutigen Tage manche bezeichnenden Lichter warf. Nachdem er seine juristischen Studien beendet hatte, widmete er sich zunächst der Gerichtspraxis beim Wiener Landesgerichte und dann der Advokatie. Als Hof- und Gerichtsadvokat in Wien fand er noch immer Zeit, sich mit hebräischen und talmudischen Studien zu beschäftigen. Was aber besonders hervorzuheben ist: er kannte die moderne Literatur der Bibelwissenschaft, welche namentlich von den deutsch-protestantischen und englischen Theologen gepflegt wird, so vollständig und besser als mancher Berufstheologe. Er kannte diese LHeratur nicht nur, sondern er war auch genau mit ihren Schwächen vertraut und es ist tief zu bedauern, daß er nicht Gelegenheit fand, auf diesem Gebiete aktiv hervorzutreten. Er wäre wohl ein Bibelforscher ersten Ranges geworden, wenn das Schicksal ihn wohlwollender behandelt hätte. Gar manchem Forscher war er eine Egeria in der Studierstube. So zählte er den verstorbenen katholischen Forscher, Professor B i k e 11 von der Wiener Universität zu seinen besten Freunden. B i k e 11 verdankt ihm manchen guten Rat, nicht bloß in wissenschaftlicher Beziehung, sondern auch im Leben. In der Kultusgemeinde war er als Vertrauensmann tätig. Es ist wohl nur zum Schaden der Gesamtheit, besonders unseres Unterrichtwesens, daß er kein Mandat im Kultusvorstand anzunehmen in die Lage kam, da seine Gesundheit schon seit Jahren eine schwächliche geworden war. Er verfolgte aber alle Vorgänge, namentlich die auf dem Gebiete des Unterrichts mit reger Aufmerksamkeit. Seit längerer Zeit an das Zimmer gefesselt und in aufopferndster Weise von seiner Gattin betraut, sah er nur wenige vertraute Freunde bei sich, mit denen er fast bis zur letzten Stunde über öffentliche wissenschaftliche Fragen sich unterhielt; ein Interesse, welches gerade bei denen, die vom Talmudstudium und der Theologie herstammen, wenn sie einmal diese Laufbahn verlassen haben, recht selten anzutreffen ist. Es zeigt dies von einem tiefen Einblick in das Wesen des Judentums und in seinen unzerstörbaren Kern und beweist eine tiefe wissenschaftliche Ueberzeugung von seinem unendlichen Werte für die Menschheit. Deshalb ist das Hinscheiden Dr. Albert Wagners ein tiefer Verlust nicht bloß für seine Freunde, zu denen der Schreiber dieser Zeilen sich mit Freude zählte, sondern auch für unsere Gemeinde, und es wäre nur zu wünschen, daß sie viele so edle, wissensreiche und uneigennützige Männer zu den ihrigen zählen möge, wie der Verblichene es war. Ehre seinem Andenken!