Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung" Seite 3 sprießen, zu erfüllen haben, das wollen wir uns vor Augen halten. Erweckung unseres Judentums aus dem Schlafe der Indolenz, in den es versunken ist, das ist die erste Forderung, die an uns her an I r i 11. Gleichgiltig zusehen, wie der Abfall immer mehr unsere Reihen dezimiert, wäre ein großer Fehler, dessen wir uns nicht schuldig machen wollen. Und, eine zweite Forderung tritt an uns heran, feie lautet: Verbreiten wir immer mehr die gründliche Kenntnis des Judentums, seiner Vergangenheit, seiner Geschichte. Die Rückschau, die wir hielten, ist nicht gerade imstande, uns große Freude zu bereiten. Unsere Ausschau in die Zukunft muß sich deshalb nicht pessimistisch gestalten. Es muß und wird Tag werden. Ein großer Fehler wäre es, an den Fortschritt der Menschheit zu zweifeln und sich der Verzweiflung hinzugeben. Darin liegt die Bedeutung d ieser ehr fu r chtge bietend e 11 Tage: Sie künden die Mcnschenverbrüderung, und, wie ein leises Flüstern, tönt es uns entgegen: „Zum Glück durch Leid, zur Ruh durch Qual". — Müdes Menschenkind, hoffe, aber verzweifle nicht. Sonne hatte wärmenden selztrn sich Moriz Frühling: Oberstleutnant JWauFiciu ßpocinen. Mauriciu B r o c i n c r entstammt einer alten, vornehmen galhischen F.tmilic, w lche in der traten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mich Rumänien einwanderte. Er wurde am 15. Juli 1855 in Jassy geboren, wo ihm im Elternhause der Elementarunterricht erteilt wurde. Angesichts der wenigen und mangelhaften Lehranstalten, über die das damalige Fürstentum Moldau verfüg!e, sahen sich Mauricius Eltern genötigt, ihren Sohn in die benachbarte österreichische Bukowina zu schicken, in deren Hauptstadt Czernowitz er das Staatsgymnasium beendete. Für den Kaufmannsstand bestimmt, ging Brociner nach Graz und Wien, wo er im Jahre 1874 als Abiturient die dorligen Handelsakademien besuchte. Er absolvierte dann sein Einjährig-Froiwilligen-Dienstjahr im königlich rumänischen Infanterie-Regimente Nr. 8, dessen Reihen er als Unteroffizier verließ. Nun betätigte er sich an den Geschäften seines inzwischen von Jassy nach Galatz übersiedelten Vaters. Das Schicksal hat dem jungen Brociner jedoch eine glänzendere, in Rumänien einzige Stellung bcschieden. Es kam der russisch-türkische Krieg und im September 1877 finden wir Brociner „treu den Gesetzen seines Landes" auf dem Kriegsschauplatze. Für den 12. war die Erstürmung der Festung Grivita geplant, dieses für die Eroberung von Plevna wichtigsten Punktes. Da ließ der Brigadekommandant, Oberst Ipatescu, den in¬ Oberstleutnant Mauriciu Brociner. zwischen zum Leutnant i. d. Reserve ernannten Brociner zu sich befehlen und stellte es ihm anheim, zu dem in Bukarest garnisonierenden Reservebataillon, welches nicht in Aktion kam, einzurücken. Brociner, welchem dadurch die Möglichkeit geboten war, in der Hauptstadt, in Verwandten- und Freundeskreisen ein beschauliches Leben zu führen und den Gefahren des Krieges zu entrinnen, lehnte dies ab und erhielt die Bewilligung, den Feldzug mitmachen zu dürfen. Ein feiner Sprühregen leitete den 12. September ein und dichter Nebel umhüllte den Kriegsschauplatz; das Donnergetöse von 256 Geschützen, welche das Bombardement von Grivita eröffneten, gab diesem Momente eine besondere Weihe. Gegen 2 Uhr — die den Nebel durchbrochen und sandte ihre Strahlen auf das weite Schlachtfeld — die rumänischen Truppen bei dem gewaltigen Feuer der Batterien gegen Grivita in Bewegung. Während einer kurzen Rast stellte der Bataillonskommandant, Hauptmann Walter Marazineanu, den Leutnant Brociner den Bataillons - Offizieren vor und richtete an ihn folgende Ansprache : „Brociner! Deine Ehre, die Ehre Deiner Familie, die Ehre Deines ganzen Stammes liegen jetzt in Deiner Hand; der Kampf beginnt, sei Du der erste auf der Redoute. Das Vaterland wird DeineAufführung lohnen, Deine Glaubensgenossen Dir Dank wissen." Wie mag da dem kaum 22jährigen Jüngling das Herz geblutet haben! Als ob es nicht selbstverständlich war, daß er ebensogut wie die Anderen kämpfen werde! „Seien Sie überzeugt, Herr Hauptmann", erwiderte er, „daß ich meine Pflicht gewissenhaft erfüllen und bemüht sein werde, stets an ihrer Seite zu kämpfen". Er hat treulich Wort gehalten. Die Truppen erklommen das Plateau zur feindlichen Redoute, indem sie, da der Boden durchweicht war, sich am Gestrüpp festklammern, oder auf die Bajonette stützen mußten. Da beginnt schon auch das Feuer türkischerseits zu spielen, die vordringenden Rumänen scharenweise niedermähend. Aber im heftigen Kugelregen geht es weiter, allen voran der Kommandant des Bataillons, ihm hart an der Seite Leutnant Brociner. Die Soldaten fallen in Unmassen und fast am Ziele der so heftig umkämpften Redoute fällt der Hauptmann. Brociner stürmt unter Hurrarufen mit seiner Mannschaft weiter. Da trifft ihn eine feindliche Kugel am rechten Oberarm; trotzdem erklimmt er mit seinen Braven die Anhöhe. Oben angelangt — eine furchtbare Ueberraschung! Da lag ja noch — was der famose russische Generalstab gar nicht wußte — eine zweite Redoute, die mit der unter so großen Opfern erreichten durch einen langen Graben verbunden war. An einen Rückzug durfte