Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2__.___„Neue National-Zeitung"__________Nr. 20 dieses Jahres gewesen. Und da kommt ein Volksbcglücker mit dem Anträge, die Zahl der jüdischen Mittelschüler einzuschränken, das Zahlenverhältnis der jüdischen und christlichen Schüler mit den Bevölkerungsziffern in Uebereinstimmung zu bringen. Unwillkürlich werden wir an diesen Antrag, der glücklicherweise fiel, erinnert, wenn wir nun, Beginne des neuen Jahres, hören, daß an der Moskauer Universität, nach erfolgter Einschreibung, 60 jüdische Studenten ausgewiesen wurden. Die „Prozentnorm" spielt also nicht nur in Rußland, sondern auch in den Augen der „Jugendbildner" Oesterreichs eine Rolle in diesen Zeiten der Luftschiffe, der Eroberung des Nordpols, aber auch des Klassen- und Rassenhasses. Man begreift es demnach, daß man sich auch in Oesterreich aufraffte und erkannte, die Regelung der Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft, wie sie das Gesetz vom 21. März 1890 ausgesprochen, genüge in unseren Tagen nicht mehr, in denen die Sturmflut der christlichsozialen Agitation immer höhere Wogen schlägt und über unseren Häuptern sich emporhebt. Es nützt nichts, wenn der neue Statthalter von G a 1 i z i e n Dr. Bobrzynski, der bei ihm erschienenen Deputation der jüdischen Gemeinde Lembergs erklärte, die Rechte aller Bürger des Landes ohne Unterschied der Nationalität wahren zu wollen. Einen merkwürdigen Nachsatz knüpfte der Statthalter an diese seine Erklärung. Er verlangte von den Juden, sie mögen ihn darin unterstützen, die politische Strömung im Judentum, welche nach seiner Meinung diesem sowie dem Lande zum Schaden gereiche, auf die rechte Bahn zu lenken. Welche politische Strömung der Statthalter meint, ist jedem klar, der die Entwicklung der Verhältnisse in Oesterreich und besonders in Galizien, betrachtet. Es ist nicht die sozialdemokratische Richtung, sondern die zionistische, der sich unsere Jugend — wer kann sich der Erscheinung verschließen? — immer mehr zuneigt. Die Jugend fühlt es besonders stark, welches Unrecht noch immer in diesen Tagen sogenannter Aufklärung unserem Judentum geschieht, wie weit wir noch, trotz aller Emanzipationskämpfe, von der wahren Freiheit entfernt sind, wie die Anstellung einzelner, hoher und mächtiger Protektion sich erfreuenden Elemente, noch immer nicht die Gleichberechtigung bedeutet. Und die Jugend hat sich ein neues Ideal geschaffen, das ist der Nationalismus. Man kann aber nicht erwarten, daß jüdische oder nichtjüdische Persönlichkeiten, die in ganz anderer Umgebung aufgewachsen sind, eine andere Luft gleichsam atmen, die mächtige Bewegung verstehen, welche unser Judentum, wie wir hoffen, verjüngen soll. Gleichberechtigung, das ist der gewaltige Ruf, der mächtig in diesen Tagen erschallt. Ein neues Land hat Oesterreich in diesem Jahre erworben, ein Land, das ihm kulturell schon lange angehörte. 30 Jahre hat Oesterreich in Bosnien kulturelle Arbeit getan, und nun wurde dieses Land den Kronländern der alten Monarchie angegliedert. Aber auch dort wurden wir daran erinnert, daß wir Juden noch immer Staatsbürger zweiter Klasse seien; man will uns einen Abgeordneten und eine Kurie verweigern, die unsere Konfession vertreten sollen, wiewohl Katholiken und Mohammedaner eine solche Vertretung in dem neuen Landtage besitzen werden. Und doch haben die Juden, weichein diesem Lande seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wohnen, nicht am wenigsten zu seiner Kulturentwicklung beigetragen. Die Verweigerung eines jüdischen Vertreters für den bosnischen Landtag wirft auch ein eigentümliches Licht auf den Freiheitssinn der magyarischen Machthaber, der Kossuth und Apponyi, denen die Juden Ungarns, diese strammen, magyarischen Nationalen, so gerne und willig Gefolgschaft leisteten. Man sieht, auch in Ungarn ist der Antisemitismus in mächtigem Vorwärtsschreiten begriffen, und man wird daraus zu verstehen vermögen, was von den schönen Bezeichungen Luegers und seiner Genossen, Judaeo-Magyaren und Judapest, zu halten ist. Und welches Staatswesen wäre ganz frei vom Antisemitismus? Im gesegneten Deutschland, mit seiner Zeppelinbegeisterung, wird das Verhältnis zwischen den „Staatsbürgern mosaischer Konfession" und des christlichen Bekenntnisses immer schlechter. Die Zurücksetzung der Juden im deutschen Heere beweist, daß Deutschland, speziell Preußen, seine jüdischen Staatsbürger nach dem Vorbilde Rußlands behandelt. Was sollen wir von R u s s 1 a n d sagen, dem Lande der Pogrome und der „schwarzen Banden"? Von den Judenhetzen in Kiew und Odessa! Den Ausweisungen aus dem Gouvernement Jekaterinoslaw, den Chikanierungen in Moskau? Von der Rechts- und Heimatslosigkeit der Juden Finnlands? Eine furchtbare Finstei nis ist noch immer über das weite Zarenreich gebreitet, die kein Sonnenstrahl der Freiheit zu erleuchten vermag. Aehnliche Zustände weist Rumänien auf. Man hört aber nichts davon, daß die Mächte, welche den Berliner Vertrag vor 31 Jahren schlössen, sich dazu aufraffen, Rumänien an seine Verpflichtungen zu mahnen, die es damals den Juden gegenüber übernommen hat. Der Jude ist und bleibt in Rumänien der Fremde. Und der gilt als der beste Patriot dieses Landes, der die Fremden am wütendsten haßt und verfolgt. Es kann uns wenig dafür entschädigen, daß Recht und Freiheit in Frankreich, Italien und England immer größere Fortschritte machen und auch gegen unsere jüdischen Brüder geübt werden. An der Milderung des furchtbaren Unglücks, welches Italien durch das große Erdbeben betroffen, haben auch Juden, wie es ziemt, werktätig mitgeholfen. Mit Recht gedachten sie auch dankbaren Sinn< s des 300. Geburtstages Gromwells, der, angeregt von Manasse ben Israel, sich zuerst für die Ansicdlung der Juden in England aussprach. Neues Leben, neuer Fortschritt bilden die Signatur unserer Zeit. Ihnen konnte sich auch die Türkei nicht verschließen. Sie hat sich in einen Verfassungsstaat verwandelt. Abdul Hamid denkt, ferne von Konstantinopel, darüber nach, was es heißt, die freiheitliche Entwickelung eines Volkes gewaltsam unterdrücken zu wollen. Kein Zweifel, dieser freiheitliche Aufschwung, kommt auch den Juden in der Türkei zugute, die ihnen schon vor 500 Jahren ein offenes Asyl darbot. Wie sich freilich die jungtürkische Regierungspartei dem Zionismus gegenüber stellen wird, das muß die Zukunft zeigen. Wir fürchten sehr, daß sie manche Enttäuschungen bringen wird. Groß ist die Auswanderung der Juden nach Amerika. Nahezu zwei Millionen zählt die jüdische Bevölkerung der Vereinigten Staaten. Und neue Massen sind unterwegs. Aber mit dem Eldorado in Nordamerika ist es vorbei. Onkel Sam sagt sich von jeder Gastfreundschaft los und mit plumper Hand mustert er die Reihe der verzweifelten Ankömmlinge. In kurzen Zügen bewegte sich unsere Rückschau. Und unsere Auschau in die Zukunft? Es wäre müßig, irgendwelche Betrachtungen darüber anzustellen, wie sich diese gestalten wird. Ueber die Geschichtsphilosophie Hegels sind wir lange hinaus. Aber welche Aufgaben wir in dieser neuen Zeit, da allüberall neue Keime dem Boden der Kultur und des Fortschritts ent-