Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 20 (24.9.1909)
- Date
- 1909-09-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NftlS fWDONÄL-ZHCÜNG DrS.R.LNNÖlSU XI. JAHRGANG. WIEN, 24. SEPTEMBER 1909. Nr. 20. Rück- und Ausschau (5669—5670.) Von Professor, Dr. Max Grünfeld. Wie von der Höhe eines Aussichtsturmes blicken wir, wenn das Neujahrsfest kommt, zurück und nach vorwärts. Unter uns zieht der Zeitenstrom vorüber, Wellentäler und Wellenberge bildend. Die Worte eines uralten Volksliedchens kommen uns dabei in den Sinn, welche lauten: Wohin des Weges Müdes Menschenkind? Zum Glück durch Leid, Zur Ruh* durch Qual, Ueber Berg' und Tal, Weit ist die Welt. — Ist es nicht, als wären diese Worte für uns Juden geschrieben? Einfacher allerdings wird dies im Gebete der frommen Hama gesagt, das wir am ersten Rosch- Haschanahtage rezitieren: „Der Herr lötet uud belebt, macht elend und beglückt, erniedrigt und erhöht". — Durch Leid zum Glück — wann endlich wird sich dieser Satz an uns Juden erfüllen? Ich bin von dem Gedanken erfüllt, und mit mir fühlen es wohl alle Volksgenossen, daß wir der Leiden und Qualen genug durchgemacht haben, aber noch weit entfernt sind von der Rah' und dem Glücke. Freilich gibt es viele unter uns, die das corriger la forlune zu ihrem Handwerke erwählt haben. Sie durchhauen, sonst in nichts dem großen Alexander gleichend, den gordischen Knoten, als den sie das Judenlum bezeichnen, werfen es lustig von sich und springen mit beiden Füßen in eine neue Welt, die ihnen durch die Abschwörung eines alten Glaubensbekenntnisses erschlossen wird. So war denn das abgelaufene Jahr ein Jahr der Massentaufen in unserem Oesterreich. Das wird niemand leugnen. In diesem Jubiläumsjahre, in dem unser greiser Monarch der Huldigungsdeputation der israelitischen Kultusgomeinden versicherte, er schätze den Familiensinn der israeli tischen Bevölkerung und ihre Freude am Wohltun, haben gar viele „Israeliten" ihren Familiensinn dadurch bekundet, daß sie dem abschworen, wofür ihre Väter gekämpft und gerungen haben. „Gedenke uns des Bundes der Väter", diese innigen Worte, was bedeuten sie den Renegaten? Doch in diesen ernsten Zeiten ist kein Raum für Gefühlsausbrüche. Es gilt zu handeln und tätig zu sein. Schreien hilft nichts, Tatsachen beweisen. Unsere Führer oder diejenigen, die sich als solche bezeichnen, haben dies endlich, spät, aber doch, eingesehen. Es mußte etwas geschehen. Der österreichisch-israelitische Bundestag, der in Wien abgehalten wurde, war das Ergebnis zwingender Tatsachen. Er entsprang der Not, nicht dem eigenen Triebe. Wurde da eine Maus geboren, nachdem die Berge gekreist hatten? Die Zukunft wirds erweisen. Vorläufig bedeutet der Bundestag, diese geplante Gesamtorganisation des österreichischen Judentums, nicht viel, da ihr die „Orthodoxen" und die Juden Galiziens Urfehde geschworen. Das Erbübel, an dem wir kranken, die Verquickung religiöser oder sagen wir besser, ritueller und volkswirtschaftlicher Fragen, scheint die Sichel an diese „Gesamtorganisation" zu legen, ehe sie in die Halme schießt. Ein totgeborenes Kind wird sie bleiben, so lange Schächtungs-, Rabbiner-, Friedhofs-, Unterrichtsfragen, Debatten über Kantoren, rituelle Bäder, Tempelgesang und Ausscheidung von alten Gebeten nicht werden geschieden werden von der großen weltbewegenden sozialen und ökonomischen Frage, die mächtig an unsere Pforten pocht. Wir fühlen es alle: die chrMlich-soziale Partei ist an der Herrschaft und es gilt, sich ihrer Umklammerung zu erwehren. Friedensworte sprach der jubilierende Monarch zu den jüdischen Bürgern, die vor ihm erschienen. „Für das Kind", das sind die Losungsworte