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Neue Nationalzeitung · 1909-09-10 · Heft 19 (10.9.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 19 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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„Neue National-Zeitung" Seite 11 Feiwisch! Ich soll Buße tun und beten, daß man mir die Sünden vom ganzen Jahre vergebe! — ,Verzeihe uns, denn wir haben viel gesündigt; vergib uns, unser König, denn unsere Sünden sind zahlreich!* — Man soll mir meine Sünden vergeben,. . . welche Sünden? .. Ich habe keine Sünden! Nein, ich habe keine Sünden! Ich quäle und plage mich mein ganzes Leben hindurch!" „Steh't auf zu Selichoth!" ruft Feiwisch, der Schames, fortwährend. „Nein, lieber Feiwisch," fuhr Welwel fort, „ich werde nicht zu Selichoth aufstehen. Gehe Feiwisch, geh' hin und wecke Chajkel, den Wucherer, zu Selichoth, meinen Wucherer, der mir die Haut schindet, wecke den Accispächter, der ein herrliches Leben führt, gehe zu diesen, die schwindeln, prellen, rauben, morden, fressen und saufen können, die sich nie danach fragen wollen, mit welchen Mitteln sie ihr Geld verdienen, gehe hin zu diesen, welche den Armen, die doch für sie arbeiten und nur durch sie frühzeitig sterben, kein Gehör schenken und sich um ihr Weinen und Jammern nicht kümmernAVeeke diese zu Selichoth, lieber Feiwisch, jedoch nicht mich! Ich habe keine Ursache zu beten: .Vergib, verzeihe uns!; . . Gott weiß, daß ich nicht eine einzige glückliche Minute gehabt habe, nur immer Plagen und Sorgen. Welcher Sünden wegen soll ich um Verzeihung beten V" Welwel warf abermals einen Blick seiner Frau zu: „Wie eine Tote sieht sie aus, sie, die einst so schön und rüstig war!" Da erwachte Scheindel aus dem Schlafe und fragte ihren Gatten : — ..Welwel, hat man schon geklopft zu Selichoth?" „Bereits dreimal!" antwortete er. — „Dreimal schon?" fragte Scheindel ganz erstaunt und setzte sich aufs Bett. „Warum sitzt du also? Warum bist du nicht zu Selichoth gegangen V* „Ich werde überhaupt nicht gehen, was habe ich denn dort zu tun? Du gehe auch nicht, schlafe weiter — ..Was heißt denn, daß du wirst, nicht gehen? Wir ptlegten jedes Jahr vom Dorfe in die Stadl zu Selichoth zu fahren und jetzt urplötzlich? . . „Ich habe keinen Grund hinzugehen, wir haben keine Sünden, weshalb sollen wir denn um Vergebung beten?u „Wehe mir! Welwel. was schwatzst du? Möchte uns nur Gott soviel verzeihen, wieviel wir gesündigt haben. Jetzt in einer solch schrecklichen Zeit willst du nicht einmal zu Selichoth gehen?" Welwel sprang vom Bette, deutete mit dem Finger auf die Kinder und schrie verzweifelt: „Wir sündigen? Schau' dir mal diese Unglücklichen an, schau' dich an und mich, wir sehen nicht wie Sünder aus, sondern wie Unglückliche. Nein, ich bete zu ihm nicht mehr, er hat kein Mitleid mit uns ... er hat uns zugrunde gerichtet . . . was fange ich jetzt an? Was werden unsere Kinder tun, die er erschallen, daß sie sich hier nur plagen? . . . Schlimmer kann es nicht mehr sein! . . Scheindel war ganz bestürzt und sagte unter Tränen: „Wehe, wehe mir! Was sprichst du, Welwel? Darf man denn Gott gegenüber so reden? Was ist aus dir geworden? Gott kann ja noch helfen, man muß nur zu ihm beten, daß er uns unsere Sünden vergebe, man muß beten und weinen, daß er uns ein recht glückliches Jahr und Gesundheit gebe, daß er uns unser tägliches Brot verdienen las-e, . . . es kommen jetzt solche Tage, die beiden Neujahrstage und der Versöhnungstag . . . Wir müssen andächtig beten. „Nein, weder am Neujahrstag, noch am Versöhnungs tag . . . Mehr bete ich zu ihm nicht . . . Schlimmer kann es ja nicht mehr sein, durch zweitausend Jahre beten wir schon und werden immer hart mitgenommen, man verbrennt und vernichtet uns . . . Spanien . . . Antisemiten . . . wir gehen zugrunde . . . schlimmer kann es ja nicht mehr sein . . . Was Schlimmeres kann er uns denn noch tun? . . Die letzten Worte hatte er unter großer Anstrengung hervorgestoßen. Er lief nackt im Zimmer herum und schlug sich mit den Fäusten auf die Brust, deren Knochen hervorstaken. Sein Gesicht war ganz blaß und die Augen funkelten. „Wehe mir, Welwel, was ist aus dir geworden? Was ist dir? Was für Worte sprichst du da? Was für ,zweitauusend Jahre'? Was für ,Spanien'? Was für Antisemiten1? Bist du toll? Scheindel weinte fürchterlich, öffnete die Türe und schrie mit einer jämmerlichen Stimme um Hilfe. Männer und Frauen, die zu Selichoth gingen, eilten herbei. Man brachte bald den Feldscher, der Welwel schröpfte, ihm Ader ließ und ihn ins Bett legte. Am nächsten Tage war es im ganzen Städtchen bekannt, daß Welwel, der Melamed, wahnsinnig wurde. Jeder war von diesem Vorfall gerührt und bedauerte Welwels Frau, Scheindel. Des Feldschers Aderlaß und Schröpfen hatten gar keine Wirkung. Am Neujahrs- und am Versöhnungstage und sämtlichen Feiertagen lief Welwel durch die Stadt und sprach mit sich selbst. Der Inhalt seines Geredes war jedoch niemandem verständlich. Am Thora-Freudentage lachte er die im Bethaus tanzenden Juden aus: „Weshalb frohlocket ihr, ihr Unglücklichen? Morgen müsset ihr ja vor Hunger und Kälte umkommen!" Als die Feiertage vorüber waren, veranstalteten einige fromme Weiber eine Kollekte und man führte den Wahnsinnigen zum Wunderrabbi und hernach zum „Tatar".1) Der Rabbi meinte, der Wahnsinn werde bald schwinden und der Tatar gab ihm verschiedene Kräuter. Sie werden TTatarlt heil;.mit, nach dem Volksstamm der Tataren. Das ganze Jahr hindurch hatten die Einwohner der Stadt mit dem Wahnsinnigen viel auszustehen. AVenn der Accispächter am Chanukah Gesellschaft hatte und mit den Freunden Karten spielte, pflegte sich Welwel vor dessen Fenster zu stellen und zu schreien : „Steh't auf, stehet auf zu Selichotli!" . . . In den kalten Winternächten des Monats Schebat pflegte er sich vor die Fenster der städtischen Antisemiten, denen er es zu verdanken hatte, daß er aus dem Dorfe gejagt wurde, hinzustellen und zu rufen: „Steh't auf, steh't auf zu Selichoth!" Und wenn Chajkel, der Wucherer, an den Pesachabenden mit seiner Familie um den langen Tisch saß, auf welchem die besten Weine und die schönsten Silber¬ und Goldgeschirre standen, da klopfte plötzlich Welwel, der Wahnsinnige, an das Femter und rief: „Steh't auf zu Selichoth!" So pflegte Welwel, der Wahnsinnige, das ganze Jahr über alle eigenen und fremden Judenfeinde zu Selichoth zu wecken. III. Es kam abermals der Monat Elul. In den Selichothtagen regnet es ebenso wie im vorigen Jahre. Die Nächte sind kühl und der Wind weht. Ueberall ist es finster, denn alles schläft. Spät in der Nacht zündete Feiwisch, ') In den kleinen Städten und Dörfern Rußlands und teilweise auch Galiziens trifft man häufig Bauern oder Hauerinnen, die angeblich durch Sprüche und Kräuter zu heilen verstehen.

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