Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 19 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 10 rEClILLETON. M. Spektor: Steh't auf zu Selichoth! (Aus dem Jiddisch übersetzt von L. F.) I. Eine finstere Nachl. Auch in den Häusern ist es finster und aus keinem Fenster ist ein Schein von Licht zu seilen. Ueberall sind Tür' und Tor gesperrt. Es regnet und der kalte Wind saust und braust, peitscht die Regentropfen und reißt hie und da einen Dachsparren der alten mit Stroh, Schindeln oder Kacheln bedeckten Dächer hinaus. Von einem anderen Dache wird etwas Stroh fortgeschleppt und siegesbewußt trägt der sausende Wind seine Beute umher, wie wenn er Gott weiß wen besiegt oder welch riesigen Vorteil daraus gezogen hätte. Und doch hat er nicht mehr als noch ein Loch in ein armes jüdisches Häuschen gebohrt, noch einige Löcher und bald wird es ihm gelingen, in die Wohnungen derer zu dringen, die hinter diesen durchlöcherten Dächern wohnen . .. So reißt der Wind öfters von irgend einem Dache ein Stück weg. Die Beule fällt unter Geräusch zur Erde, aber niemand hört es, denn alle schlafen. So fest schlafen und nichts hören, können nur abstrapazierte Unglückliche. Morgen weckt sie die Not und der Hunger von Weib und Kindern aus ihrem Schlafe, den einzigen glücklichen Stunden. Morgen müssen sie wiederum wie Rasende umherrennen, um etwas zu verdienen, bloß das Stückchen Brot, um nicht verhungern zu müssen und das Leben erhalten zu können. Es ist schon ziemlich spät. Die Finsternis nimmt immer zu und der Regen wird immer heftiger. Da läßt sich in einem Fenster Licht sehen und bald ist das ganze Haus beleuchtet. Aus dem beleuchteten Hause tritt ein schlanker, magerer Jude mit grauem Bart. Den zerfetzten Pelzrock hat er mit einem Strick umgürtet und in der Hand trägt er einen langen, schweren Stock. Durch die Löcher seiner Kleider dringt der Wind. „Ach, was für grimmige Kälte" sagt Feiwisch der Schames1) „gut, daß ich meinen Pelz anhabe \* Vor dem ersten Haus bleibt er stehen und ruft mit heiserer Stimme und in wilden Tönen: „Steh't auf! . . Juden stehet auf zu Selichoth!*)" . . Dann schlägt er mehrmals mit dem Stock auf die Fensterladen. Hustend und seufzend geht Feiwisch weiter. Vor jedem Hause bleibt er stehen, ruft: „Steh't auf!" und klopft an die Laden. Der Wind und der Hegen akkompagnicren dem „Schulschames" in dieser finsteren Nacht. H. „Aha! . . Selichoth! . . rief Welwel3), der Melamed 4) als er erwachte und das Klopfen und Rufen des „Schames" vernahm. Infolge des unruhigen Schlafes hatte er Kopfschmerzen. Er legte seine Hand auf den Kopf und durchmusterte mit wilden Blicken das Zimmer. In einem Winkel desselben brannte eine kleine Lampe, denn im Hause ist ein Kind erkrankt. Welwei gegenüber auf einem zerbrochenen Bette seine Frau Scheindpi ') Bethausdiener. '2) Bußgebete, die in den letzten 8 Tagen vor dem Neujahrsfeste nach Mitternacht verrichtet werden. s) Wolf. *) Lehrer ~ Leiter einer jüdischen Schule, „Gheder" genannt. mit zwei Kindern, eines an der Brust und das zweite, ein Mädchen von etwa fünf Jahren, zu ihren Füßen. Sein Bett teilt ein achtjähriger Knabe. Auf dem Fußboden schlafen zwei ältere Kinder. Auf zwei aneinandergeschobenen Sesseln liegt ein krankes, dreijähriges Kind und atmet tief. Scheindel schläft wie eine Tote, eine Hand und einen halben Kopf läßt .sie über das Bett hinabhängen. Welwel betrachtet alles aufmerksam, dann wendet er der Scheindel seine Blicke zu. „Unglückliche!" begann er, mit sich selbst sprechend, als er das gelbe Gesicht und die magere Gestalt seiner Frau ansah. „Und wie soll sie auch besser aussehen? Muß s'<e doch ganz allein für das Hausgesinde arbeiten. Sie muß ja backen, kochen, die Kinder reinhalten, Wäsche und Kleider flicken, ihr letztes Stückchen Brot aus Mitleid den hungrigen Kindern weggeben und nebenbei das jüngste Kind stillen. Den Tag hindurch kann sie nicht einen Moment ruhen und des Nachts fällt sie dann matt und müde auf ihr Bett." Welwel richtete sich auf und stützte den Kopf in die Hand. Es bemächtigte sich seiner eine große Verzweiflung. „Ich halte es länger nicht aus," fuhr er fort, „ich kann nicht zusehen, wie meine Frau und meine Kinder leiden . . . arm, nackt und krank! . . . Und was wird daraus werden? Was wird später sein? Ein ganzes Halbjahr habe ich in meinem Gheder die Jungens unterrichtet, es kommen jetzt solche Feiertage, es beginnt der lange Winter, alle sind nackt und für morgen ist nicht einmal ein Stückchen Brot im Hause. Ghajkel, der Wucherer, läßt mir keine Ruhe und drängt, daß ich ihm die Wochenrate, den Rubel, zahle . . . Und wo sollen sie denn nehmen? Sie haben ja auch nichts, sie sind ja selber arm . . . Schicken sie mir denn ihre Kinder des Unterrichtes wegen? Sie schicken ihre Kinder doch nur deshalb, damit sie nicht zuhause bleiben... Und was können sie bei mir erlernen? . . . Verstehe ich es denn, Kinder zu unterrichten? Als ich vom Dorfe in die Stadt übersiedelte, und die letzten paar Rubel, meine Ersparnisse von früheren Geschäften, verzehrt waren, da sagte man mir: ,Wrnn du keinen Erwerb hast, so werde Melamed!' — sie schickten mir ihre Kinder und ich wurde Melamed. ..." „Ha, ha, ha, lachte Welwel bitter auf, „ich bin Melamed! Ich war Kaufmann, pachtete Landgüter und Mühlen, und jetzt bin ich Melamed . . . Bin ich denn für dieses Fach geeignet? Wenn ich in einem Buche oder in der Bibel zu lesen versiehe, kann ich denn darum auch Lehrer sein? Ich fahre aus der Haut, wenn ich bedenke, daß sie ihre Kinder in mein Gheder schicken. Es verstreichen einige Semester, die Kinder haben gar nichts erlernt und keiner von den Eltern wirft mir vor, ich wäre ein unfähiger Lehrer. Sie sind schon damit zufrieden, daß ihre Kinder nicht zuhause bleiben . . . und ich erhebe Ansprüche auf Belohnung!... Und wenn sie mir hie und da einen Rubel Lehrlohn schicken, gebührt mir denn der? Sie werfen ja den mühsam verdienten Rubel gleichsam in den Kot, und ich nehme dieses Geld an . . . ich ersticke nicht, wenn ich mich auf solche Weise ernähre. . . ein abscheuliches Leben ..." „Steh't auf, steh't auf zu Selichoth!" hört Welwel den Schames rufen. Welwel macht eine Bewegung mit der Hand und lacht ironisch: „Ha, ha, ha, zu Selichoth weckt mich