Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 19 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 19 der Schames, den messingenen Kronleuchter im Bethause an, hüllte sich in seinen zerfetzten Pelzrock, nahm den langen, schweren Stock und ging auf die Straße, um zu Selichoth zu wecken. Plötzlich wird er in »einer Arbeit unterbrochen und er hört eine wilde Stimme das „Steh't auf.. / rufen. Dann wrurde es ruhig und Feiwisch setzte seine Arbeit fort. Vor jedem Hause blieb er stehen und weckte. Da faßte ihn jemand am Arme und rief: „Hör auf, Feiwisch, lass' die Hungrigen und Unglücklichen schlafen!" „Schau, daß du weiter kommst, du Wahnsinniger!" antwortete Feiwisch, jagte den Wahnsinnigen davon und ging weiter, um die anderen Juden zu wecken. Welwel, der Melamed, machte sicli ebenfalls auf den Weg, um zu Selichoth zu wecken. Er blieb jedoch nicht vor jedem einzelnen Hause stehen, nicht jeden weckte er zu Selichoth . . . Klemens Junosza: Die Musikanten. (Fortsetzung.) Da war guter Rat teuer. Judka, David, Anschel und Chuna mit dem Tamburin kletterten auf den Wagen und fingen an, den unsterblichen „Polka-Marsch" zu spielen. Die Pferde stürmten auf dem kotigen Wege rasend dahin; die Melodie wurde oft unterbrochen, denn jede Senkung und Hebung des Bodenterrains zwang zu nicht programmäßigen Pausen. Anschel schlug sich einigemale mit der Trommel so empfindlich auf die Zähne, daß er vor Schmerz laut aufschrie und Brumbaß ließ das Tamburin in den Kot fallen; es wurde indessen glücklicherweise gefunden. Sadlowskis Hof war hell beleuchtet, aus der offenen Haustür drang ein Dunst wie aus einer Branntweinraffinerie. In den Stuben war es schwül und eng, gebratenes Fleisch und Spirituosen erfüllten die Luft mit ihrem Dunst. Als Sadlowski Musik vernahm, lief er mit den Gästen vor das Haus. „Ah Judka", rief er beim Anblick des Kapellmeisters, „Judka ist es. Kriech' vom Wagen schnell herunter, du wirst es nicht bereuen. Merk' dir, es ist nicht beim ersten Besten Hochzeit, sondern bei Sadlowski, du wirst dich satt spielen. . . . Unrecht wird dir nicht geschehen. Du wirst Geld sammeln wie Wasser, und wenn du dich gut aufführst, so werde ich Euch Erdäpfel und Kraut geben, sowiel Ihr tragen könnt." — „Aj, aj!", entschuldigte sich Judka, „der gnädige Herr tut wirklich wunderbar sprechen, der gnädige Herr befiehlt drei Tage zu spielen und ich soll morgen mittag mit der Musik zur Hochzeit des Boruch erscheinen." „Oh, eine große Sache! — Herr Sadlowski, das ist wirklich eine große Sache. . , . Boruch ist reich." Eh! Wer hat denn seinen Reichtum gezählt? Und dann bin ich auch kein Hund, sondern ein eingesessener Junker, mit Mist zahle ich nicht, sondern mit Geld — meine Ehre kenne ich und wenn ich heiter werde, so lass' ich was springen. ..." — „Nun ich sag' ja nichts, aber sehen Sie, gnädiger Herr, Boruch ist Boruch, das ist eine Person, ich darf ihn nicht sitzen lassen und wenn ich morgen spielen soll, so muß ich heute ein wenig schlafen. Sind sie nicht böse, gnädiger Herr, ich werde ihnen auch genugtun — ich werde spielen bis Mitternacht, meinetwegen sogar eine Stunde nach Mittemacht, dann wird uns, gnädiger Herr, erlauben, in der Scheune ein Schläfchen zu tun und uns zu Boruch weiter schicken. Ist denn beim gnädigen Herrn Mangel an Wagen oder Pferden? Ha! ha! Ich weiß, gnädiger Herr könnte auf sein Fuhrwerk ein halbes Dorf bringen. Was erst vier elende Jüdlein, nicht einmal vier, sondern dreieinhalb, denn den kleinen Chune kann man nurfür einen halben Menschen rechnen." Sadlowski war schon gut angeheitert, er liebte in solchen Fällen keinen Spaß und duldete keine Opposition. — „No", sagte er, „mein Judka, solange ich gut bin . . . nimm dein Pack zusammen und marsch in die Stube spielen — aber schön, kavaliermäßig!" „Aj, gnädiger Herr, lieber gnädiger Herr, gut. Ich werde spielen, ich werde spielen wie zu einer gräflichen, fürstlichen Hochzeit, wenn ich nur morgen. . ." — „Morgen wird sein, was Gott geben wird und jetzt marsch!" — „Gut, marsch, . . Polka marsch!" . . . kommandierte Judka. Die Musikanten setzten sich auf eine Bank hinter dem Ofen und fingen an, mit Wucht zu spielen, daß die Fenster klirrten . . . Brummbaß stürmte mit voller Kraft das Tamburin. — „Aus diesem kleinen Heiden, sagte der Junker, »wird einmal ein bedeutender Musikant, er hat eine gute Hand und eine gesunde Faust." „Gewiß hat er", bestätigte einer der Gäste, „das jüdische Volk ist leicht, aber in den Mitteln scharfsinnig. . ." — „Natürlich". . . Die Jugend wurde begeistert. . . Die Braut, wie eine Kirsche rot, trocknete die bei einem Hochzeitsfest unentbehrlichen Tränen und ließ sich in den Tanz gleiten . . . Ihr volles Gesicht, einer frischgebackenen Semmel ähnlich, strotzte vor Gesundheit, die stattlichen Formen konnten kaum im engen Rock Plitz finden. Auch die untersetzten Kranzeljungfern und die übrige Jugend, in den Blusen von altehrwürdigem Schnitt und mit grellen Shawls am Halse waren voll Begeisterung und Eifers zum Tanz. Judka wußte es nur zu gut, wem er zuspielt — und wählte die kostbarsten Perlen aus seinem Repertoire aus ... so, daß der alte Sadlowski ganz gerührt wurde. „Liebe Grete", sagte er zu seiner Frau, „gib den Musikanten ein ordentliches Nachtmahl . . . nach ihrem jüdischen Ritus; sie sollen sich selbst wählen, was ihnen schmeckt. Genießet, Juden, daß euch die Hochzeit bei Sadlowski unvergeßlich bleibt!" Die Musikanten bereiteten sich nach jüdischem Ritual ein Nachtmahl aus Heringen, Eiern, Beugeln, taten einen Schluck Branntwein, tranken Tee mit Rum, Bier — es wurde ihnen ganz wohl. Brummbaß war so zufrieden, daß er selbst Lust hatte, ein Tänzchen zu machen, denn er konnte sich nicht erinnern, daß er sich jemals, nicht einmal am größten Feiertage, so sattgegessen hätte, wie jetzt. Seine Wangen wurden rot, die Augen glänzten, wie die einer Katze. Er ergriff sein Tamburin, schlug darauf einigemal mit der ganzen Kraft und rief: „Ich werde euch meine Kunst zeigen!" David, welcher sich auch vertrefflich gestärkt hatte, sagte leise zu Judka: — „Mir scheint, wir sollten bis zum Morgengrauen spielen. Das Kleingeld von den Tänzern macht schon einige Rubel aus, Sadlowski selbst wird uns auch reichlich belohnen." (Schluß folgt.)