Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 19 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Kr. 19 Seite 3 unter den moralisch Schwachsinnigen zahlreich vertreten sind; hiebei überwiegt weitaus das männliche Geschlecht, das ziemlich frühzeitig mit dem Strafgesetz in Berührung kommt. Der Neigung zum Vagabundieren begegnet man selten; auch sexuelle Delikte sind nicht häufig; meist geben Vergehen gegen das Eigentum den ersten Anlaß zur Untersuchung auf den Gcisteszust.ind des jugendlichen Rechtsbrechers. Vereinzelt trifl't man auch Fälle, in denen zweckwidrige Handlungen bei relativ gut erhaltener Intelligenz begangen werden; es handelt sich meist um Degenerierte, die dem Einfluß einer fehlerhaften Erziehung ausgesetzt waren, die nur vorübergehend anstaltsbedürftig werden und sich noch bei einigermaßen günstigen äußeren Verhältnissen ein sicheres Fortkommen zu verschaffen wissen. Hysterie. Im Gegensatz zu den meisten Autoren, die den Juden eine besondere Disposition zur Hysterie zuschreiben, hält Binswanger1) es nicht für sicher, daß „speziell die Zahl der Hysterischen im Verhältnis zu der der übrigen Nervenkranken bei den Juden größer ist als bei den anderen Einwohnern desselben Landes." Demgegenüber neigen wir auf Grund unserer Beobachtungen in offenen und geschlossenen Anstalten mit anderen Untersuchern zu der Ansicht, daß die Juden ein recht hohes Kontingent zu den Hysterischen stellen, daß neben leichteren ganz besonders schwere Zustände vielfach unter ihnen vertreten sind. Irrenanstalten pflegen nur ausnahmsweise freiwillig von den Hysterischen aufgesucht zu werden; die meisten dieser Kranken bevorzugen den Aufenthalt in einer Privatanstalt, in welcher sie auf ein größeres Entgegenkommen für ihre Eigenart rechnen dürfen. Wenn gleichwohl die Zahl der in den Jahren 1906/07 in der Frankfurter Anstalt aufgenommenen jüdischen Kranken dieser Gruppe prozentual die ihrer andersgläubigen Leidensgenossen übertraf, so schließen wir mit Recht aus der notwendigen Internierung in diesen Fällen auf eine besonders schwere Form der Erkrankung. Es braucht nicht besonders betont zu werden, daß man bei der Variabilität der Erscheinungsformen auch bei den Juden den verschiedenartigsten Zukunftsbildern begegnet, von den leichtesten hypochondrischen Beschwerden, für welche trotz genauester Untersuchung ein objektiver Befund sich nicht eruieren läßt, bis zu den schwersten Anfällen und langwierigsten Dämmerzuständen. Merkwürdig oft fanden wir männliche Hysteriker im jugendlichen Alter von 10—20 Jahren, vereinzelt sogar noch im ersten Lebensdezenium. Sie stammten durchwegs aus belasteten Familien, bei denen mehrfach die gleiche Erkrankung in der Aszendenz nachgewiesen werden konnte. In neuester Zeit hat Oppenheim'2) auf die große Zahl der hysterischen Erkrankungen in Rußland aufmerksam gemacht, wo die fortgesetzten Verfolgungen und Bedrückungen bei den jüdischen Einwohnern eine krankhafte Ueberreizung des Nervensystems hervorgerufen haben, die für den Ausbruch der Erkrankung bekanntlich den günstigsten Nährboden bietet. Der genannte Autor hat insbesondere darauf hingewiesen, daß bei den russichen Juden organische Nervenkrankheiten nur ausnahmsweise in reiner typischer Form und Entwicklung vorkommen, daß sich mit ihnen vielmehr in der Regel hysterische Symptome und Symptomenkomplexe verbinden. In einzelnen russischen Städten soll die Hysterie bei ') Binswanger, Die Hysterie. Wien 1904. Alfred Hölder. a) H. Oppenheim. Zur Paychopathologie u. Nosologie der russisch-jüdischen Bevölkerung. Journal für Psychologie und Neurologie, Bd. XIII. Festschrift zu Forel's 60. Geburtstag. 1908. den Männern ebenso hüulig sein wie bei den Frauen. Die jüdische Bevölkerung von Warschau allein bildet nach Reymond die unerschöpfliche Quelle für das Krankenmaterial des ganzen Kontinents an männlichen Hysterikern. Auch wir konnten uns von der Häufigkeit der Hysterie bei den aus dem russischen Reiche eingewanderten oder aus diesem Lande stammenden Juden überzeugen. Oft war gerade bei diesen Kranken das klinische Bild so eigenartig, daß wir differential diagnotisch die Dementia praecox in Erwägung zogen. Hysterische Züge trafen wir kombiniert mit allen anderen psychischen Krankheitsbildern, mit Vorliebe auch beim manisch-depressiven Irresein. Die Prognose schien uns bei allen jüdischen Kranken ungünstig; sie wandern, namentlich wenn sie den bemittelten Klassen angehören, von einem Arzt zum andern, suchen alle möglichen Sanatorien auf, konsultieren die sensationellsten Zelebritäten, um durch ihren Furor consultativus immer deutlicher den hysterischen Charakter ihres Leidens zu erkennen zu geben. Epilepsie. Alle Beobachter stimmen darin überein, daß die Epilepsie eine bei den Juden selten vorkommende Erkrankung ist. Hoppe z. B. erinnert sich nicht, während seiner 13 jährigen Tätigkeit an preußischen öffentlichen Irrenanstalten auch nur einen einzigen jüdischen Epileptiker gesehen zu haben. Nach Hoppe hat Gharcot in der Salpetriere in 34 Jahren nur 39 jüdische Epileptiker beobachtet. Auch P i 1 c z und Os e r haben für die Juden Wiens ein seltenes Vorkommen dieser Erkrankung konstatiert. Unter 267 Epileptikern zählten wir in der Frankfurter Irrenanstalt nur 10 Juden. Unter 1262 Reinepileptischen der Berliner städtischen Anstalt Wuhlgarten fand Bratz1) 28 (= 2ya Prozent) Juden, während in der Stadt Berlin, aus der ausschließlich diese Kranken stammten, die jüdische Bevölkerung 10 Prozent beträgt. Diese 28 epileptischen Juden zeigten durchwegs neuropathische Belastung; in keinem Falle fehlte die Belastung oder lag Alkoholismus des Vaters vor, während bei den nichtjüdischen Kranken in fast i/i der Fälle Belastung durch Alkoholismus der Erzeuger vorlag. Bratz schließt aus diesen Tatsachen auf einen ursächlichen Zusammenhang der Epilepsie mit der Vergiftung der Generationsorgane der Erzeuger. Aus dem Umstand, daß die Juden trotz ihrer stärkeren neuropathischen Veranlagung gerade in Bezug auf Alkoholismus und Epilepsie ein Minus darbieten, scheint ihm hervorzugehen, daß" das Minus an Epilepsie bei den Juden durch das Minus von Alkoholvergiftung der Erzeuger bedingt ist. Auch Pilcz ist der Meinung, daß die Juden ihre geringe Beteiligung an der Epilepsie dem Fehlen des Alkoholismus als ätiologischen Faktor verdanken. Während der Wiener Untersucher hinsichtlich der Verteilung der Geschlechter keine Zahlenunterschiede fand, konnten wir bei den jüdischen Frauen Epilepsie nur ganz vereinzelt beobachten. Unsere Kranken stammten vorwiegend aus den östlichen Ländern und gehörten fast durchwegs den unteren Schichten der Bevölkerung an. Klinisch fielen uns auch bei dieser Krankheit mehrfach Bilder von eigenartigem Gepräge auf. Alkoholismus. In mehreren Arbeiten hat Hoppe2) sich eingehend mit der Stellung der Juden zur Alkoholfrage beschäftigt. Die größere Widerstandsfähigkeit der Juden gegen eine *) Bratz, Zur Ätiologie der Epilepsie. Neurolog. Zentralhlatt 1908, Nr. 22, S, 1003. ') Hoppe. Die Kriminalität der Juden und der Alkohol. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. III. Jahrg. 1907.