Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 18 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 ,Neue National-Zeitung" geweihte behaupten — von Gulden, lächelt zu diesem Bekenntnisse der schönen Seele und meint, wenn man das ganze Jahr hindurch sich über das rituelle Speisen hinwegsetze, werde man auch im Monate Elul dem Herrgotte kein X für ein U vormachen. Ich gab dem Bankier und Besitzer der Million recht und mußte über die Eiul- Stimn ung nachdenken, die in mir seine bessere und korpulentere Hälfte erregt hatte ... Die Furcht, die bleiche Furcht ist's, die bei vielen religiöse Gefühle „auslöst". Man verzeihe, daß ich dieses neuartige, aber deshalb nicht gute Wort gebrauche, dessen sich „moderne" Redner, selbst auf der Kanzel, gerne bedienen. Würde man die religiösen Gefühle untersuchen und die Art, wie sie sich äußern, man käme zu dem Resultate, zu dem schon Feuerbach gelangte, welcher die Entstehung, das Wesen der Religion, aus der Furcht erklärte. Das ist aber die Elul-Stimmung nicht, die ich meine. Da schlage ich mich schon mehr auf die Seite der sentimentalen, älteren Frau, die, wenn der Eintritt des Monats Elul verkündet wird, weinen muß, wie sie behauptet. Dieses Gefühl der Rührung, der Wehmut, oder wie sie es nennt, der Pietät, ist sicherlich ein reineres, ein menschlicheres, als das der Furcht. Es beweist auch, daß die betreffende Person mehr Kenntnis von der Bedeutung der ernsten Zeit besitzt, die mit dem Elul beginnt. Freuen wir uns, daß diese Kenntnis noch nicht ganz ausgestorben ist in unserer Mitte. Elul, er sagt uns, daß die Herbsteszeit naht, die Zeit der Stürme und der entlaubten Bäume. Noch trägt die Natur ihren reichen Schmuck, noch freuen sich die Menschen der kurzen Muße und der Pracht der Natur, aber bald wird es auch mit diesen Eitelkeiten vorüber sein und wir werden zur ernsten Arbeit schreiten und zur Einkehr in uns. Wir werden die schneebedeckten Berge verlassen, die glänzenden Seen, die schattigen Wälder und die grünen Auen. Das alltägliche Einerlei wird uns wieder umgeben. Und so ziehen die Monde und Jahre dahin, es ändern sich die Zeiten, aber die Menschen überall, in der Heimat und in der Fremde, sie bleiben dieselben mit ihren Kümmernissen, Kleinlichkeiten, Torheiten und Jämmerlichkeiten. Ich denke, das ist die richtige Elulstimmung. Die Selichot haben einen Vers aus der Bibel aufgenommen, welcher das ganze Lebensi ätsel löst. „Rechne es uns nicht als Sünde an, was wir in unseres Herzens Torheit begangen haben." Torheit, darin liegt ja das ganze Tun und Treiben, das Gehaben, Handeln und Lassen der Menschen. — Darum wollen wir ihnen allen verzeihen, sei es, daß sie sich in Großmannsucht blähen, sei es, daß sie andere verkleinern. Vergeben und verzeihen wollen wir ihnen die Eitelkeit, den Neid und die Mißgunst. Es gibt nichts schöneres als verzeihen. Und so sind wir wohl auf den richtigen Weg gelangt, den uns die kommenden Tage weisen. Nicht in der Furcht, nicht im Aberglauben, nicht in der Form und Zeremonie ist das Wesen der Religion gelegen, nur in einem : das heißt „verzeihen". — Das ist das Gefühl, das unser Herz bewegt und in uns erregt, wenn er kommt, der Monat Elul. Am Neumondstage Elul 5669. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflicht ersucht. Die Administration. _____ ___ Nr. 18 Dr. Salomon Kassner (Czernowitz): i l 0: T)ie bandtagswahlreform in der Bukowina. Als der freisinnige Verband in den Bukowinaer Landtag einzog, schien für eine kurze Spanne Zeit, als ob die geeinten Nationen mit ihren Versprechungen eine Aera des Fortschrittes im Lande zu inaugurieren, wirklich Ernst machen wollten. Denn unter den vielen modernen Gesetzentwürfen, die von ihm ausgearbeitet wurden, befand sich sogar eine neue Landtagswahlordnung, mit geheimer und direkter Abstimmung und einer vierten Kurie, die durch nationale Abgrenzung der Wahlkreise alle Nationen des Landes, die Juden mitinbegriffen, relativ gleichmäßig berücksichtigen sollte. Es stellte sich aber bald heraus, daß in diesem Entwürfe bloß die Parität zwischen Rumänen und Ruthenen, und auch diese scheinbar, durchgeführt war, die anderen Nationen jedoch mit einer sogenannten Wahrung ihres Besitzstandes abgespeist wurden. Die Juden sollten fast ganz leer ausgehen. Der Rumäne Dr. Aurel v. Onciul, der Verfasser dieses Entwurfes, hat seinerzeit die Entstehungsgeschichte desselben verraten. Er setzte sich mit seinem damaligen Freunde, dem Ruthenen Dr. Stephan Smal-Stocki, an den grünen Tisch und sie einigten sich, daß Rumänen und Ruthenen bei der Reparation der Mandate in gleicher Weise dotiert werden. Dem Großgrundbesitz, der mit Rücksicht auf die notwendige Präsenz von drei Vierteln der Landtagsmitglieder eine Aenderung der Wahlordnung durch bloße Abwesenheit zu verhindern in der Lage ist, wurde auch eine beträchtliche Anzahl von Mandaten zugesichert, die wieder den Rumänen und den Armeno- Polen zugute kommen sollten. Hernach kam man zu den Deutschen und berücksichtigte ihre, das heißt, die Wünsche des Dr. Skedl; zuletzt erinnerte man sich auch der Juden. Da der ganze Entwurf angeblich auf Grundlage nationaler Abgrenzung und Wahrung des früheren Besitzstandes aufgebaut war, hat man in demselben auch den Juden einen Knochen hingeworfen, indem man sie auf die Handels- und Gewerbekammer, wo die Juden seit jeher die Majorität haben und einen christlichen Abgeordneten wählen, und auf die Städte, wo sie in kompakten Massen wohnen, verwies. Als Städte wurden aber jene Orte angesehen, welche ein Bezirksgericht schon haben oder in absehbarer Zeit erhalten würden. Daß dabei eine größere Anzahl kleinerer Dörfer zu Städten avancierten, für Bauern Vertreter direkt zugeschnitten, war jedem Einsichtigen sofort klar. Diese Augenauswischerei wurde durch entsprechende Zusammenlegung der Ortschaften fortgesetzt. Selbst in die scheinbar ausschließlich den Juden gewidmete Städtegruppe Storozynetz, Bojan, Gzudyn wurde anfangs der rumänische Ort Ober-Wikow hereinzuschieben versucht und erst später durch Sadagora ersetzt Zum Glücke ist dieser Wahlreformentwurf nicht Gesetz geworden und auch der vielversprechende freisinnige Verband ging wegen Unaufrichtigkeit seiner Mitglieeer bald in Brüche. Es weinte ihm niemand eine Träne nach. Speziell den Juden gegenüber hat der freisinnige Verband die größte Feindseligkeit an den Tag gelegt, die bei Schaffung der neuen Gemeindewahlordnung, welche die Bukowinaer Landjuden politisch und indirekt wirtschaftlich völlig nullifiziert, erst den Juden die Augen geöffnet hat. Nun soll bei geänderter Parteistellung im Landtage, in dem die ehemaligen Parteigenossen des freisinnigen Verbandes sich grimmig befehden, ein neuer