Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 18 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 5 die an blutige Judenverfolgungen am Rhein und an der Donau erinnern, an die grausamen Schlächtereien der Kreuzzüge, da fromme Scharen auszogen, das heilige Grab wieder zu erobern, und nebenbei, auf dem Wege, en passant, Tausende Juden töteten, weil es, wie sie meinten, Gott so wollte, folgen die drei Wochen, welche uns von der Zerstörung der heiligen Stadt und Verbrennung des Tempels sirgen und sagen. Und es kommt dann die Trosteszeit, in die der Monat Elul fällt. Er kündet uns die Ankunft der „furchtbaren Tage" mit Schofarton, dem die Selichoth folgen, die Bußgebete aus längstverschollenen Zeiten. Diese thränenreichen Gebete, ebenso wie die Kinnoth, die Klagelaute des 9. Ab, wollen sieh nicht recht in den Rahmen einer modernen Zeit fügen. Während die Klage angestimmt wird in unseren Synagogen, befinden sich die meisten unserer Volksgenossen in den Bergen und zwischen alten Burgen, an der See und an blauen Seen, in grünen Wäldern und schlichten Weilern, tragen ihre, manchmal nur eingebildeten Schmerzen, zu den Gesundheit spendenden Jungbrunnen und reparieren die außer Rund und Band geratenen Nerven in stillen, manchmal auch geräuschvollen Kurorten. Von allen diesen Zerstreuungen, Vergnügungen an Luft- und anderen Kurorten, von der Kaltwasser- und heißen Luft-Heilmethode haben unsere Ahnen wenig oder gar nichts gewußt. Und sind dabei recht gesund und kräftig gewesen. Kam der Elul, bereiteten sie sich in ihrer Art zu der Feier der „Jomim Noroim" vor. Heiße Debatten gab es in den Gemeinden, wer am Morgen und wer zu Mussaph an diesen Tagen das Amt des Sendboten der Gemeinde versehen, wer Schofar blasen und wer „Kol-Nidre" vorbeten werde. Das waren ihre Sorgen, ihre Ehren und Würden. Eine andere Zeit in der Tat war es. Und schier zu verwundern ist's, wie schnell die Evolution im Judentum hereinbrach. So schnell folgte nicht einmal auf die Eisenbahn die Elektrische und auf diese das Automobil. Und schon droht alle diese Fahrzeuge das Luftschiff zu überflügeln. Nicht die Toten, nein, die Lebenden reiten schnell. Und am schnellsten sind wir Juden bereit, das Alte von uns zu schütteln und mit beiden Füßen in eine neue Zeit zu springen. Wer kümmert sich heute um den Schofar oder irgend eine Tephillah an den kommenden Feierzeiten! Die Leutchen in Ischl und in den Dolomiten, in Gastein und Marienbad haben wahrlich an etwas anderes zu denken und anderes zu tun. Höchstens, daß irgend eine Ankündigung in den Blättern für die ,.jüdischen Interessen* oder „das Interesse des Gesamtjudentums" uns an die kommenden ernsten Tage mahnt. Da werden die modernsten Glückwunschkarten zum neuen Jahre in deutscher, hebräischer oder einer anderen Sprache angepriesen. Ein Obeikantor bedarf, um seine Hörer in das höchste Entzücken oder in die tiefste Rührung zu versetzen, eines Tenoristen oder Bassisten, eines „geübten Blattlesers", wie die schöne Bezeichnung lautet (von „Blattlesern" — man lese um des Himmels willen nur nichts anderes — wußten unsere naiven Vorfahren auch nichts, so weit waren sie in der Kultur zurück). Prediger, Junge und Alh\ empfehlen ihre Reden zur Erbauung, Erschütterung, leider auch unbewußt zur Erheiterung ihrer nicht sehr andächtigen Zuhörer. Sitze für Betlokale aller Art wt rden feilgeboten, auch nicht zur höheren Ehre des Judentums und seiner Kultusvorstände. Gebetbücher, Ethrogim, Tallessim etc. werden zum Kaufe empfohlen und mancher schüchterne Vorbeter mit einer verlorenen Tenor- oder Bai} tonstimme macht darauf aufmerksam, daß er bereit sei, für nicht allzuhohe Bezahlung, in irgend einem kleinen Minjan die nötige Andachtsstimmung durch den rührenden Vortrag des Unessane-Tokef hervorzubringen, während ein Kantor-Komponist — sie sind meist Komponisten — sein reiches, wohlassortiertes Warenlager an Vertonungen von Gebeten aller Art zum Selbstkostenpreise den bedürftigen Amiskollegen empfiehlt, um sie auf diese Weise von allen Sorgen und Nöten zu befreien. Das ist die Elulstimmung, welche ein flüchtiges Lesen des Annoncenteils der Organe für „die Gesamtinteressen des Judentums" in uns hervorbringt. Sie ist aber keine wehmutsvolle, keine sentimentale und Andacht erregende. Der eine möchte sich über diese reklamenhaften Anpreisungen und Selbstbespiegelungen ärgern, der andere wählt den besseren Teil und — lächelt darüber. Andere Zeiten, andere Sitten. Wenn es in unseren alten Gemeinden zu Kämpfen darüber kommen konnte, wer den Scholar blasen und wer Nei'lah beten soll, wer würdig befunden werde, das Gebet ,für den Regen" zu rezitieren oder am Simchat-Thorah stolz die Thorah-Rolle in den Händen zu tragen, warum sollte im Jahrhunderte der Luftschiffe und Handbomben, der großen Damenhüte, Maschinengewehre und Fußballturniere, ein Prediger nicht seine lehrreichen Reden, ein Kantor seine rührenden Kompositionen für die „heiligen Tage" ankündigen können? Man lasse jeder Zeit ihr Wesen, ihre Kunst, ihre Produkte literarischer, musikalischer und anderer Art. Nur so wird man würdig befunden werden, ein Kind der Zeit zu heißen. Der Elul bereitet uns zwar auf die kommende Zeit der ernsten Arbeit vor, findet uns aber meist noch draußen, außerhalb unserer gewohnten Tätigkeit, zerstreut nach allen Windrichtungen. Diese „Zerstreuung" ist in unseren Tagen zum Bedürfnisse geworden. Man fühlt, daß es zur Gesundheit gehört, für einige Wochen in einem anderen Milieu sich zu bewegen, andere Menschen zu schauen. Freilich, wenn man dann wieder zurückgekehrt ist zu den heimischen Penaten, sagt man sich: Die Menschen sind doch überall gleich mit ihren Narrheiten, ihrer Großmanns- und Verkleinerungssueht. Im österreichischen Parlamente saß vor Jahren ein sehr gewandter Redner, der trotz seines deutschen Namens, Hausner, ein Stockpole war. Der sagte von sich, er sei ein Statistiker. Und, wenn wir, mit dieser statistischen Kunst ausgestattet, den Menschen in der Fremde nähertreten, werden wir feststellen können, daß die meisten mit ihrem eigenen, allerwertesten „Ich*' uns zu behelligen beginnen. Gehen wir in der Statistik weiter, weiden wir konstatieren, daß die Mehrheit sich über das Essen beklagt, das ihnen in der Fremde „nicht diene". Unsere liebwerten Glaubens- oder Unglaubensgenossen klagen in der Regel über die koschere oder, wie ihre Damen sagen, rituelle Küche. Da wird vor allem viel Rühmens davon gemacht, „daß man koscher es.-e". Und nun wird über die Wirkungen des koscheren Essens auf die respektiven Magennerven des längeren und breiteren diskutiert und disputiert. Eine ziemlich korpulente Dame, die von der Not des Daseins nur vom Hörensagen zu erzählen weiß, versicherte mir, sie esse im Monate Elul, wenn die Neujahrstage und der Versöhnungstag in Sicht seien, „nur koscher". Sonst erlaube sie sich auch, sich von nichtrituellen Speisen zu nähren .. . Ist es nicht auch eine Elul-Stimmung, in die wir durch solche kulinarische Bemerkungen versetzt werden? Der Gatte der besagten korpulenten Dame, ein Herr mit stattlichem Embonpoint, in seinen Mußestunden Bankier, Besitzer einer stattlichen Million, und zwar — wie Ein-