Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 18 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung-' Nr. 18 haben, als zu jenen „Schwarzen Grenzmachern" und „Fremdenführern". . . . Die Kardinaluntugend dieser deutschen Kontrollstationen besteht nun darin, daß sie, wie schon oben erwähnt, sehr — vergeßlich sind. Sie vergessen es nämlich ganz, daß sie es mit Menschen zu tun haben, die sie auch wie Menschen behandeln müssen. Der Emigrant gilt ihnen aber leider Gottes gerade oder nicht einmal so viel wie ein Stück Fracht, Ware oder Transportvieh. Und so fehlt dem Emigranten in den Kontrollstationen das Primitivste und Notwendigste. Anscheinend erachtet man auch dies als überflüssig für — Emigranten. Der Raum der Kontrollstalionen ist sogar jetzt sehr beschränkt, obwohl eine Massenemigration, wie vor zwei Jahren, momentan nicht vor sich geht. Daher müssen die Emigranten den ganzen Tag auf dem harten Boden sitzen oder auf ihrem armseligen Reisegepäck hocken. Man bringt es hier sogar fertig, 150 bis 200 Personen in einem oder zwciZimmer zusammenzupferchen, in denen nicht einmal Bänke sind, auf die sich die ermüdeten Reisenden setzen können. Von den alten kleinen Kontrollstalionen will ich gar nicht reden — aber die neuen leiden an den gleichen Mängeln : R a u m rn a n g e 1 u n d U n s a u b e rkeit. Die Angestellten der Kontrollstalionen gehen mit den Emigranten in geradezu empörender Weise um und scheuen sich auch nicht, sie zu schlagen. Außerdem ist ihre Zahl sehr klein und infolgedessen sind sie immer mit Arbeit überbürdet, daher so müde und verdrießlich, daß sie zum Teile entschuldigt werden könnten. Und dann : sie sehen es ja von ihren Vorgesetzten auch nicht besser, von denen die Emigranten nichts als Scheit- und S c h i m p f w o r t e zu hören bekommen. Der leidige Aufenthalt in der Kontrollstation wird oft noch durch die Saumseligkeit der Agenten, die gewöhnlich das Geld nicht rechtzeitig absenden, auf Wochen verlängert. Während dieser ganzen Zeit bekommt der Emigrant nichts anderes zu essen als — Kartoffel und Häringe. Die deutschen Schiffahrtsgesellschaften sind wohl zu arm, um dem Emigranten für billiges Geld ein warmes Essen zu bieten!? In einigen Kontrollstationen gibt es zwar eine kleine Abteilung, in der man sich ein warmes Essen kaufen kann. Das kostet aber 80 Pfennige, also ungefähr eine Krone. Natürlich muß deshalb die Masse der Emigranten mit Häring und Kartoffel vorlieb nehmen. Tiefes Mitleid muß da jeden ergreifen, wenn er die hageren, ausgehungerten Gesichter erblickt, die unglücklicher Weise wochenlang in der Kontrollstation verbleiben müssen. Manchem wird dies alles als eine „Kleinigkeit", unwichtig genug, dünken. Dem Kenner der Verhältnisse erscheint es umso wichtiger, als wir mit Recht sagen müssen: die Zeit, welche der Emigrant in der Kontrollstation verbringt, ist für ihn eine physische und psychische Qual, ein Unglück, das seine Spuren nicht nur in seinem Gesicht, sondern auch in seinem Gedächtnis unverwischbar eindrücken wird . . . Und dann noch eines: wenn das Geld nach langem, sehnsüchtigem Warten endlich eingetroffen ist, verliert der Emigrant oft seine letzten Heller. Und das kommt dann so: Nicht in allen Kontrollstationen wird das Geld ehrlich den Emigranten ausgefolgt und der Betrag für die Schiffskarte ehrlich eingezogen. In einigen Kontrollstationen hat der Vorgang des Schiffskartenkaufes direkt ein schwindelhaftes Aussehen: der Beamte schreit den Emigranten an, er solle schneller das Geld aufzählen und gibt ihm zur Bekräftigung seiner Aufforderung einen Schlag auf die Schulter. Der Emigrant wird naturgemäß verwirrt und übergibt sein ganzes Geld dem Beamten. Dieser teilt nun: „Das bleibt dir und das kommt von dir' ... Und so geht es dann weiter . .. In einigen Kontrollstationen geht man sogar so weit, daß man dem Emigranten das Geld vorenthält, welches ihm sein Agent geschickt hat. Von diesem Gelde wird eine Summe abgezogen, die der Agent seit längerer Zeit angeblich schu 1 d e. Und was sagen nun zu all diesen Tatsachen — vor uns liegt noch weit mehr diesbezügliches Material — die deutschen Schiffsgesellschaften? Ihnen unterstehen doch die Kontrollstationen! Garnichts! Sie denken gar nicht daran, in ihren Kontrollstationen den Geist der Ordnung und Kultur einzuführen. Ihr Leitwort scheint laisser faire, laisser aller zu sein. Urnen kommt es hauptsächlich darauf an, möglichst viel „Ware" zur Beförderung zusammenzubekommen . . . Und so ist das Verhalten der Beamten der Kontrollstationen gar nicht weiter verwunderlich. Zum Schluß noch eine Bemerkung über die Verwalter der Kontrollstationen. Diese sind durchaus nicht immer dazu geeignete Personen. Für einige von ihnen wäre an einem anderen Orte viel eher Platz ... der für gewöhnlich geradeso wie die Kontrollstation zugesperrt ist. Wir könnten auch Namen veröffentlichen. Tun es aber nicht, denn den Eingeweihten sind meine Andeutungen schon genügend . . . Es liegt gar nicht in unserer Absicht „Erzählungen" von den Kontrollstationen in die Oefl'entlichkeit zu bringen. Wir treten für Tausende von Emigranten ein, die durch die Kontrollstation als notwendiges Uebel gehen müssen. Und nur dieser Gesichtspunkt leitet unser Interesse. Aus unseren Ausführungen wird nun einem jeden klar werden: die jetzigen Zuständen in den Kontrollstationen sind schrecklich und unhaltbar. Ordnung muß baldigst geschaffen werden . . . Und solange die Schiffsgesellschaften nicht selbst an die Säuberung des Augiasstal les gehen uud den ganzen Schmutz aus den Kontrollstationen entfernen lassen — werden die Auswanderer sowohl auf dieser als auf jener Grenzseite der Unsicherheit und den größten Gefahren ausgesetzt sein. A. A. Prof. Dr. M. Grünfeld: EM Wenn sein Eintritt verkündet wird, dann schleichen sich wehmutsvolle Gefühle in unser Herz. Wir merken: ein Zeitabschnitt naht seinem Ende. Vorüber ist die Zeit der Erholung, der Sommerfreuden, der Ferien. Es kommen wieder die Stunden der Einkehr, des Ernstes, der Arbeit. So mahnt uns dieser Mond an das ewig wechselnde Leben, an seine Freuden und deren Vergänglichkeit. Des Schofars Ton erschallt. Es liegt etwas in den Worten, die besagen: Die Juden blasen mit dem Schofar den Frost herbei. Der jüdische Sommer läßt uns fühlen, daß der düstere Ernst kennzeichnend ist für das ganze Judentum : „Sieben Wochen zählt man, drei Wochen weint man und vier Wochen bläst man Schofar." Das ist die jüdische Sommerszeit. Auf die sieben Wochen der Sephirah