Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 18 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „ Neue National-Zeitung" Seite 3 Kenntnisse. Und die „Gesellschaft", die schon seit Jahren ihre Schliche und Kniffe praktiziert, nimmt jeden als Mitarbeiter auf, respektive muß ihn aufnehmen. Muß es darum, weil ihr sonst Konkurrenz erwächst, die ihr schon am nächsten Tuge einen Trupp Emigranten abfangen kann... Es wäre nun zu weitläufig, alle jene Verbrechen zu schildern, die in diesem abgelegenen, finsteren Teile der Welt vollbracht werden. Denn das alles würde wie eine Räubergeschichte, wie eine tendenziös gefärbte Erfindung klingen. Aber manchmal läuft einem doch ein Schauer über den Rücken; so, wenn wir von der Schändung eines siebzehnjährigen Mädchens hören oder von der Beraubung eines Emigranten, dem Räuber in großmütiger Weise gerade noch das nackte Leben ließen, nachdem sie alle seine Habseligkeiten an sich gerissen hatten. Ja, es muß kurz und bündig gesagt werden : In dieser finsteren Weltecke kommen stündlich Verbrechen vor. In diesem Jahre sowohl wie auch vor zwei, vier, sechs Jahren. Und kein Emigrant, der hieher ohne Paß kommt, ist davor sicher, daß ihm ein — Unglück zustößt . . . Wenn sich auch auf der anderen Grenzseite die deutschen Kontrollstationen befinden, so ist auch dort gleichwohl nicht alles in Ordnung. In meinem ersten Briefe über die Kontrollstationen in Myslowitz, Ostrowo und Otlotschin *) habe ich schon zur Genüge hervorgehoben, daß die Kontrollstationen von außen wie ein Gefängnis aussehen, das ein Zaun umgibt und ständig verschlossen gehalten wird — wie der Tower. Den Emigranten ist es direkt verwehrt, sich frei zu bewegen. Das macht auf jeden Menschen einen deprimierenden Eindruck, um wie vieles aber mehr auf den geplagten furchtsamen Emigranten. *) Siehe Nr. 3, Jahrgang 1909, der „N. A'.-Z.u. Heute will ich mich nun mit den Kontrollstationen in Eydtkuhnen, Prostken und Illowo befassen. Am 1. Jänner 1909 sind zwar neue Verfügungen für die Kontrollstationen ergangen, die unter anderem auch eine Weisung enthalten, wonach die Emigranten in ihrer Freiheit nicht zu beschränken sind und das Recht haben, die Kontrollstation jederzeit zu verlassen. Die Kontrollstationenkümmern sich aber überhaupt nicht um diese Verfügung. Sie haben in der Praxis das alte Gefängnissystem beibehalten. So hat man in der Kontrollstation Illowo — wie auch in einigen anderen Kontrollstationen — auf den hohen Bretterzaun zwei ReihenStacheldraht aufgeschlagen. Anscheinend vergißt der dortige Verwalter, daß er es mit Passagieren und nicht mit Arrestanten zu tun hat. Die anderen Kontrollstationen sind diesbezüglich auch nicht viel besser: sie bieten den Anblick eines abgeschlossenen Gefängnisses, das Privatpersonen nicht betreten dürfen. Die Kontrollstation ist — kurz aber deutlich gesagt — ein Gefängnis für Emigranten... Die neuen Verordnungen stehen nur auf dem geduldigen Papier. Können wir also die Kontrollstationen als etwas besseres ansehen als den düsteren Landstrich an der russischen Grenze? Dort ist der Emigrant in einem fremden Lande, dessen Sprache er nicht kennt, eingesperrt, kann sich in seiner Hilfsbedürftigkeit an keinen Menschen wenden. Das muß nun unverhüllt gesagt werden: S olange d i e K o n t r o 11 s t a t i o n e n nicht ihre festverschlossenen Pforten öffnen, solange sie nicht die einkerkernden Schlösser und Riegel abschaffen und ihre Räume nicht allen öffnen, können unsere Emigranten zu ihnenkein größeres Zutrauen w J n t « '7 * * :1 t^fc ^""N -^21 5 fl 5 V~ ä?A *1 w--y v "2% -\ 'J? 3 *• :•• ,»# s*S * m r m ■m m. p \ >.^*'#* u Pogrom-Waisenkinder mit Begleiterinnen in Berlin. (Aus dem siebenten Geschäfts-Bericht des „HilfsVereines der Deutschen Juden*).