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Neue Nationalzeitung · 1909-08-27 · Heft 18 (27.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 18 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 auch ein Sehlachzize c"en Gedanken angeregt, den Juden doch den Zutritt zu den autonon en Aemlern zu ermöglichen, um sie zu gewinnen. D.'ese Anregung wurde von den anderen Herren nicht weiter aufgenommen, denn sie erklärten, daß ja nicht für Individuen, sondern für die jüdischen Volksmassen elwas geschehen müsse. Was?oll nun dieses „etwas" sein? Die bisher boykottierten, am Hungertuche nagenden Massen, dieses „Lumpenproletariat", diese hunderttausende Luftmenschen, deren Zahl mit jedem Tage wächst und mit Ende des nächsten Jahres durch das Erlöschen des Propinalionsgesetzes einen nach Tausenden zählenden Zuwachs erhalten wird — sie werden in der galizischen Landtagsstube nicht bettelnd und winselnd, sondern wie das Gespenst Banquos als Ankläger erscheinen gegen alle diejenigen, die sich bisher um sie nicht gekümmert, die sie der Not preisgegeben haben. Es dürfen hier nicht Bitten vorgebracht, sondern es mü-sen Forderungen gestellt werden; mit Brosamen und Abfällen kann und wird die galizische Judennot nicht beseitigt werden. Damit aber, dal.» man zuerst die Enquete verhöhnt und ihre Leiter beschimpft und sich dann hineindrängt, um dort schöne Beden über das zionistische Programm zu halten — ist der jüdischen Bevö.kerung am wenigsten gedient. Das ist ein frivoles Spiel politisch ungeschulter Elemente, die sich ihrer historischen Verantwortlichkeit gar nicht bewußt sind. Dort, auf der breiten Tribüne der Enquete ist der Platz für eure Rekriminationcn — wenn ihr dazu den Mut habt — und nicht in den Spalten der oft von ungelenkigen Händen zusammengeschriebenen Organe; auf der Enquete offenbaret eure positiven Vorschläge, saget es heraus, wie de n armen Volke geholfen werden kann und soll, wenn ihr es versteht. Denn d;is ist ja das Trostlose! Um den schwer kranken Kadaver der galizischen Judenschaft bemühen sich allerhand Aerzle aus alier Herren Ländern und jeder diagnostiziert eine andere Krankheit, jeder empfiehlt ein anderes Heilmittel. Der Patient selbst wurde bisher nicht gefragt! Nun soll der Patient endlich einmal auch selbst sprechen. Er soll uns zeigen, wo ihn der Schuh drückt und wie ihm zu helfen wäre. Und es sollen alle kommen, die den Patienten bisher beobachtet und gepflegt haben, somit die Natur seines Leidens genau kennen. Darin besieht das Wesen der Enquete. Jeder, ob Jude oder Christ, komme zu dieser Enquete, wenn er über Mittel und Wege nachgedacht hat, wie man der armen jüdischen Bevölkerung zu einem besseren materiellen Dasein, zu einem Funken irdischen Glückes verhelfen könnte. Niemandem gebührt hier ein Vorzug, niemand darf zu Hause bleiben, der etwas zu sagen hat. Heraus ihr großen Männer aus allen Lagern! Jüdische Abgeordnete, Bürgermeister, Kultus- und Handelskammer-Präsidenten heraus! Beweiset, daß es nicht wahr ist, wenn behauptet wird, ihr habt euch die Mandate erkauft und erschlichen, eure Stellung und euer Einfluß beruhen nur auf Servilismus und Korruption — kommet zur Enquete, schildert eure Beobachtungen, erzählet euie Erfahrungen, machet Vorschläge und zeiget, wie genau ihr die Bedürfnisse des Volkes kennt, mit dem, in dem und von dem ihr lebet. Und wenn ihr dann offen, ehrlich und unumwunden die soziale Krankheit der jüdischen Massen enthüllen, wenn ihr den Mut finden werdet, eine großzügige Hilfsaktion zu entwerfen, statt allgemeine Phrasen zu stammeln, dann wird die öffentliche Meinung gewiß auch ihr Urteil über euch korrigieren. Ueberflüssig zu erwähnen ist, dal.» die Lemberger Enquete nicht nur für die galizische Judenschaft, sondern auch für die Juden Oesterreichs, ja der ganzen Welt von größtem Interesse ist. Ein jüdisches Massenproletariat von hundeiitausenden Seelen kann, wenn es gezwungen ist, sich in Bewegung setzen, das politische und wirtschaftliche Schicksal unserer Volksgenossen in allen Staaten wesentlich beeinflussen. Denn es ist der Fluch unserer großkapitalistischen Zeit, daß nur das jüdische Proletariat die Last der Judenf'rage überall mitschleppt. Dr. S. R Liinduu. t)as Martyrium der jüdischen Emigranten in den deutschen I^ontrollstationen*) An der Grenze ist es wieder lebendig geworden. Der Emigrationsstrom beginnt wieder stärker zu fließen und damit gelangen wieder die dunkelsten Existenzen zur Blütezeit ihres Handwerkes: die berüchtigten Emigrationsschwii.dler. Diebe, alle „Schwarzen" und „Macher" an der Grenze und last not least, di> „Fremdenführer" — sie machen sich nun alle an die Arbeit. Von einer jüdischen Massen-Emigration kann man momentan nicht sprechen. Das Gros der Bußiand verlassenden Beule setzt sich auch aus Polen, deutschen Kolonisten u. dgl. zusammen. Mit der Eisenbahn fahren nur wenige Emigranten über die Grenze. Der größte Teil, ja bist alle geben über die Grenze zu Fuß. Die Masse der russischen Auswanderer gelangt nun auf der anderen Grenzseite durch hunderte kleinerer Städtchen und Dörfer, welche au die preußisch - russische Grenze stoßen. Diese kennt aber niemand. Und keiner hört etwas von dem, was sich dort von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde abspielt. Das ist eine ganz andere Welt, sind ganz andere Menschen,, die mit der ausgemusterten lebendigen „Ware" ihren Schwindelschacher teeiben. Sie arbeiten, gleichsam ohne Pause, bei Tag und Nacht... Fragen wir nun, welche Art von Menschen diese „Geschäfte" an der „blinden" Grenze treiben, so lenken sich unsere Augen zuerst auf jene Faulenzer, die weder ein regelmäßiges Gewerbe haben wollen oder können, noch ein Handwerk lernten — Arbeiter, die der regelmäßige, aber karge Verdienst verdrießt, die sich auf leichtere Weise ihr Brot verdienen wollen — sie werden „Agenten". Zu diesem Berufe bedarf man keine *i Wir haben bereit* in clor St. 3 il. J. in einem Artikel „Die Leiden jiidbeher Emigranten" erzählt, welches Martyrium in den von den deutschen Schiffahrts-Gesellschaften an der deutsch-russischen (Jren/.e errichteten Knntrollstationen der jüdische Emigrant durchzumachen hat. Wir erhielten darauf vom tierliner Keprüsentanten des Norddeutschen Lloyd. Herrn Direktor Arthur M e y e r o \v i t z. eine Erw iderung (vgl. .Nr. I). d. ,L>. in welcher be>onder.s darauf hingewiesen wurde, da 13 durch eine neue Verordnung der preußischen Ministerlen vom 1. Jänner 1909 viele Mängel und Härten in den Kontrollstationen beseitigt wurden, während die meisten Tatsachen vom Verfasser nicht bestritten werden konnten. Nun scheint es. daß es trotz obiger Verordnung beim Alte n g e b 1 i e b e n i s t. Die großen Schiffahrts-Gesellschaften haben Einfluß genug, sich um diese Verordnung nicht zu kümmern, und sie setzen ihre Menschenschinder e i f o r t. Wir übergeben nun das Material, welches wir der Petersburger jiddischen Zeitschrift ..Der jüdische Emigrant" entnehmen, der westeuropäischen Oeffentlichkeit. Wir erwarten auch, daß der bevorstehende Eimgrationskongreß diesen Menschensehindereien ein Ende bereiten wird. Die Redaktio-n.

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