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Neue Nationalzeitung · 1909-08-27 · Heft 18 (27.8.1909) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 18 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NGUS MQONAL-ZEiOJNG OfS.R.LNNÖNU XI. JAHRGANG. WIEN, 27. AUGUST 1909. Nr. 18. Die Enquete des jüdischen Massenelends. Noch ist die vom galizischen Landes-Ausschuß einberufene Euquele über das jüdische Massenelend nicht eröffnet worden, noch haben die von Dr. Gruihski für die Experten vorbereiteten statistischen Materialien und der Fragebogen das Licht der Druckerschwärze nicht erblickt — und bereits hat ein Kampf der zionistischen Parleipresse gegen die Einberufer der Enquete und diese selbst seinen Anfang genommen. Die ganze Enquete wird als eine Komödie hingestellt, die spurlos im Sande verlaufen wird; die judische Oeffentlichkeit wird davor gewarnt, irgend welche ernste Maßnahmen oder Aktionen zu erwarten. Gleichzeitig wird aber verlangt, daß auch zionistische Experten der Enquete, von der man nichts erwartet, zugezogen werden, damit auch sie ihr Gutachten abgeben. Nichts beweist so treffend die politische Unbeholfenheit der Leute, die sich als die einzigen „Führer" der jüdischen Volksmassen in Oesterreich gerieren — wie dieser letzte „taktische" Schritt. Solange Dr. Herzl lebte, der den Standpunkt vertrat, daß die einzige Lösung der Judenfrage nur im „Judenstaat" liege, daß es daher je schlechter desto besser sei, war es programmgemäß, allen Versuchen, die Lage der Juden hierzulande zu verbessern, fernzubleiben. Seit dem Tode Dr. Herzls In hon sich jedoch die Verhältnisse geändert. Die zionistische Partei in Oesterreich ist in die innere Politik eingelrelen; sie hat an den Reichsratswahlen teilgenommen, sie hat Vereine zur Geltendmachung innerer politischer Postulate gegründet, sie hat die wirtschaftliche Selbsthilfe (Kreditgenossenschaften) auf ihr Programm, soweit sie eines hat, geschrieben. Auf diesen einzig vernünftigen Weg sind allerdings die „Führer", die noch selbst vollständig im Herzl'schen Fahrwasser stecken, nicht selbst gelangt; sie sind von der jüdischen Bevölkerung in Galizien dazu gedrängt worden, weil das Volk müde ist, Schekel zu zahlen, Bäume in Palästina zu pflanzen, Shares zu zeichnen, selbst aber inzwischen elend zu verhungern. Für mich war dieses Eingreifen in die innere Politik, dieses innere Programm, die größte Satisfaktion für all die Verunglimpfungen, die ich von Herzl und seinen Bediensteten zu erdulden hatte, weil ich von jeher alles das vorher gesagt und diese meine Ueberzeugung von der inneren Betätigung auch öffentlich gegen Herzl vertreten habe. Nun wärt; endlich die zionistische Partei auf dem richtigen Wege der inneren Politik. Was sie, respektive ihre parlamentarische Repräsentation leistet, darüber haben wir öfters gesprochen; sie hat bisher die parlamentarischen Kinderkrankheiten durchgemacht und beginnt erst jetzt selbst zu gehen. Zwei Jahre sind also verloren. Allein das bloße Resultat der letzten Reichsratswahlen, die Existenz des „Jüdischen Klubs" hat Eines bewirkt: die maßgebenden Faktoren in Galizien gelangen zur Ueberzeugung, daß etwas fürdie Juden geschehen müsse. Die bisherige Vogelstraußpolitik der galizischen Parteien ist einfach nicht mehr haltbar. Sie können die Juden wirtschaftlich boykottieren, aber sie können die Juden nicht vernichten. Die Juden bleiben also, vermehren sich und werden zu ihren grimmigen nationalen Feinden. Darin liegt die Lösung des Rätsels, warum die Polen für die Juden etwas tun müssen. Die polnische Hegemonie in Galizien wird unmöglich, sobald die Juden zum Bewußtsein ihrer nationalen Individualität gelangt, als selbständiger, politischer Faktor auftreten und sich mit den Ruthenen liieren. Die Juden müssen nun beschwichtigt werden, damit sie nicht revoltieren. Bezeichnend für die Situation ist, daß sich — wie mir von einem Teilnehmer erzählt wurde — der polnische Nationalrat (das offizielle Zentralwahlkomitee für ganz Galizien) in seiner letzten Sitzung durch drei Stunden mit der Judenfrage beschäftigt hat, wiewohl ganz andere drei Punkte auf der Tagesordnung gestanden sind. Im Laufe der Diskussion hat

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