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Neue Nationalzeitung · 1909-08-13 · Heft 17 (13.8.1909) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XI (1909)
Issue
Heft 17 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 17 „Neue National-Zeitung" Seite 11 rCUILLETON. Scholem Aleichetn : Trebbe, "Räuber über Dir! Aus dem Jiddisch übersetzt von Moritz Hacke. (Eine außergewöhnliche, aber nichtsdestoweniger wahre Geschichte, in deren Verlauf sich die Cheder-Schüler an ihrem Lehrer rächen.) (Schluß.) — Psss!! Das ist ja ein wahres Heilmittel! (Er trinkt.) Ah! Schon lange habe ich so etwas nicht getrunken. (Zu Berel Jossei gewendet): Ha, ha, ha! Der Teufel soll in den Keller deines Vaters hineinfahren! Ha, ha, ha! Ich war schon mal bei deinem Vater. Da habe ich Fässer auf Fässer gesehen. Und in allen war Wein . . . Sicher aus lauter Rosinen! . . . Ha, ha, ha! Aufs Wohl, Kinder, auf euer Wohl!! . . . Gott lasse euch fromme, ehrliche Juden werden und ihr sollt . . . und ihr sollt ... ihr sollt die zweite Flasche aufmachen. Nehmt euch Gläser — warum nehmt ihr euch keine? Stoßt mit mir an! Also Gott gebe, daß . . . (er trinkt, leckt die Lippen ab, hält die blinzelnden Augen nur noch mühsam offen) daß . . . alles Gute... und ganz Israel . . . ganz Israel . . . V. Es ist nach dem Essen und wir sagen das Tischgebet. Masefe wird unternehmungslustig. — „Also was werden wir jetzt anfangen?" fragt Masefe. — „Wir wollen spazieren gehen!" antworten wir im Chor. — „Was, spazieren?" wiederholt Masefe. „Bei Gott! Eine ausgezeichnete Idee! Aber wohin?" — „In das schwarze Wäldchen!" erwidern wir. — Was? In das schwarze Wäldchen? Bei Gott! Eine ausgezeichnete Idee! Gut! Ich gehe mit. In den Wald spazieren gehen — das ist ja sehr schön. Und gesund ist es auch. Also — auf in den Wald . . . Was? Ich will euch erklären, was überhaupt „Wald" ist . . ." Wir gehen also alle miteinander, in unserer Mitte Rebbe, in den Wald, der am Ende der Stadt liegt. Es kommt uns ein bischen komisch vor, daß wir mit dem Rebbe gehen. Wir verhalten uns ruhig und hören ihm zu. Denn er redet in einem fort, gestikuliert mit den Händen herum, um uns das „Wesen desWaldes" zu erklären. — „Die Wohltaten des Waldes, versteht ihr mich, das heißt, Gott hat ihn schon so geschaffen, daß in ihm lauter Bäume stehen und auf den Bäumen die Zweige und an den Zweigen die Blätter, natürlich grüne, und die riechen so gut — ich meine natürlich die Blätter. Die strömen einen Geruch aus, so sanft und süß ..." Masefe weitet seine Nasenlöcher und zieht den Waldgeruch durstig ein, obwohl der Wald noch nicht in Sicht ist und der Geruch gar nicht so wohlig ist. . . Masefe redet weiter: — „Hollah! Warum lauft ihr denn so? Erzählt was Schönes! Oder singt ein Liedchen! Was? Ich bin auch einmal jung gewesen, ein Kind wie ihr, ja, ja! Hatte auch einen Rebbe, wie ihr, ha, ha!" Daß Masefe einmal ein Cheder-Schüler gewesen ist, wie wir, daß er einen Rebbe gehabt hat, so wie wir, kommt uns wirklich sehr sonderbar vor. Masefe — ein Cheder-Schüler!? Wir schauen uns gegenseitig verwundert, ohne ein Wort zu sprechen, an. Und wir können uns unseren Masefe als Gheder-Knaben gar nicht vorstellen. Masefe hat also auch einen Rebben gehabt, der ihn . . . Wir anderen haben Angst, an so etwas nur zu denken . . . aber Ali, Ali, der Bräutigam und Besitzer einer Taschenuhr, traut sich, die peinliche Frage an ihn zu richten : — „Rebbe, euer Rebbe hat euch auch so — so — über die Bank geworfen, wie Sie uns? . . ." „Noch besser als ich," antwortet der Rebbe und lacht dabei aus vollem Halse. Wir sehen abwechselnd den Rebbe und uns gegenseitig an und wir verstehen uns. Wir stimmen in das Gelächter unseres Herrn Lehrers bereitwillig ein und hören so bald nicht auf. Wir kommen schon aus dem Weichbild der Stadt hinaus aufs freie Feld, unweit vom „Schwarzen Wäldchen." VI. Die Wiese liegt in grünender Pracht da. Das Gras duftet frisch. Es schimmert weiß, grün, blau durcheinander bis hinauf zum Walde, wie im Festkleid. Die Vögel springen auf den Bäumen von einem Zweig auf den andern und zwitschern vergnügt in den sonnigen Tag hinein, als ob sie uns im Walde „Willkommen" zurufen wollten . . . Wir suchen uns einen schattigen Platz aus unter dem dichten Blätterwerk eines Baumriesen, der uns gegen die heißen Sonnenstrahlen schützt und placieren uns um unseren Rebbe auf der Erde im Kreise. Unseren Masefe hat der Weg müde gemacht und so fällt er beinahe auf die Erde hin, streckt alle Viere von sich und schaut sich den blauen Himmel an, so weit ihn das Blätterwerk freiläßt. Seine Lider schließen und öffnen sich, öffnen und schließen sich. Die Zunge lallt schon ein wenig: — „Ihr seid . . . seid wirklich brave . . . brave, goldene . . . Ki . . . goldene Ki— Kinder, feine jü ... jüdische Kinder . . . fromme Kinder. Ich ha . . . hab euch auch Ii . . . lieb. Und ihr . . . i . . . ihr ha . . . habt mich auch lieb... Nicht? Ihr... mich Ii., lieb?" „Wie der Hund die Katz',Ä antwortet Ali. — „Was?" fragt der Rebbe. „Ge . . . gewiß! Nu . . . nu wie de . . . denn? Ihr ha . . . habt mich Ii . . . Ii . . . lieb." „Gott soll dich so lieb haben," sagt Ali. Wir beginnen bei Alis frecher Redeweise zu zittern und winken und rufen dann Ali zu: „Gott sei mit dir!" „Narren seid ihr!" antwortet Ali, über das ganze Gesicht lachend. „Warum habt ihr denn Angst? Seht ihr denn nicht, daß er einen Schwips hat?" „Wie? Wa . . . waaas?" fragt der Rebbe schläfrig. (Ein Auge hält er noch halb geöffnet, das andere schläft schon.) „Ja, ja, so fromme Ki . .. Kinder. Der ,Schomar Israel'. Ghal . . . chal . . . Chrrrssschrrrsss ..." So läßt sich unser nun schlafender Rebbe vernehmen, schnarcht und schnarcht, bringt pfeifende Töne mit seinem absonderlichen Riechorgan hervor, wie Schofartöne, so daß man es auf eine kleinere Entfernung hören konnte. Wir sitzen um ihn herum und sehen uns einander befremdet an. Es wird uns ganz sonderbar zu Mute . . . Also das ist unser Rebbe? Das ist Masefe, dessen Blick uns zittern macht? . . . Das ist Masefe?* VII. „Kinder! Kinder! Ihr sitzt ja da wie die Mondsüchtigen!" So ruft uns Ali zu. „Es ist gekommen der Tag der Vergeltung an Masefe."

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