Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XI (1909)
- Issue
- Heft 17 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 Nr. 17 Bei dieser frevelhaften Rede Alis befällt uns ein Schrecken. Ali merkt das gleich und fährt fort: „Ihr Esel! Ihr Narren! Warum habt ihr denn Angst? Masefe liegt doch bewußtlos da wie ein Toter." Wir werden durch Alis Worte nicht beruhigt, sondern geraten noch mehr in Furcht. Ali schürt weiter: „Ihr Memmen! Jetzt können wir doch mit ihm tun, was wir wollen. Den ganzen Winter hat er uns geschlagen wie die Hunde — heute ist nun der Tag der Rache gekommen.4- Einige von uns gehen schon langsam zu ihm über und fragen: „Was willst da ihm denn tun?" — „Gar nichts! . . Ich will ihm nur einen kleinen Schreck einjagen." „Wieso denn?" — „Das werdet ihr schon beizeiten sehen." So spricht Ali, der Rachedurstige, erhebt sich von der Erde und geht auf den schnarchenden, wie tot daliegenden Rebbe zu. Dann nimmt »r ihm seinen Hosengürtel ab und ruft uns triumphierend zu : — „Seht ihr hier? Mit seinem eigenen Gürtel wollen wir ihn da an den Baum binden, so daß er sich nicht •"allein losmachen kann. Dann ist mein Plan so : einer von uns beugt sich zu ihm nieder und schreit ihm ins Ohr: „Rebbe, rette dich! Räuber überfallen uns!" „Was dann?" fragen wir Ali, den Anstifter. — „Gar nichts," antwortet Ali. „Wir laufen dann aus Leibeskräften davon und er — er wird „Schma Jisroel" beten." „Wie lange soll er denn schreien und beten?" fragen wir nun, einigermaßen für Alis Plan gewonnen. — „Bis er sich daran gewöhnt hat," antwortet Ali seelenruhig. Gesagt, getan. Ali nimmt den Gürtel des Rebben, bindet ihm die Hände zusammen und befestigt ihn am Baume. Wir sehen mit Schaudern diesem frevelhaften Gebaren zu und unwillkürlich fragen wir uns : „Das ist unser Rebbe? Das ist Masefe, vor dessen Blick wir zittern?" Staunen erfaßt uns. Ganz geistesabwesend schauen wir Alis Tun zu. Erst Alis Stimme weckt uns aus unseren Träumen: „Was steht ihr da, wie tönerne Götzen? Man muß das Eisen schmieden, solange es heiß ist! Gott hat uns Masefe in die Hände geliefert . . . Also, ans Werk! . . Erst wollen wir einen kleinen Tanz aufführen!" Und wir gehorchen Alis Befehl. Fassen uns bei den Händen an und tanzen um unseren Rebbe herum wie die Wilden. Dabei schreien und singen wir wie die Verrückten . . . Auf einen Wink Alis hören wir auf. Ali geht selbst auf den schnarchenden Masefe zu, beugt sich zu ihm nieder, legt seineu Mund fast an des Rebben Ohr und ruft mit einer Stimme, die einen Toten hätte aufwecken können: „Gewalt!!! Rebbe!!! Räuber!!! Räuber!!! Räubern*!!!" VIII. Wie der vom Bogen abgeschossene Pfeil laufen wir davon, hn'-i-^n keinen Moment inne und trauen uns nicht zurückzuschauen. Eine grenzenlose Furcht hat uns befallen und sogar unseren Rädelsführer Ali selbst, obwohl er unaufhörlich ausruft: * Trott eis! Narren! Ochsen! Warum lauft ihr wie besessen?!" Einer von uns antwortet: „Warum läufst du?" Antwortet Ali: „Ihr lauft, lauf ich auch!* Sd erreichen wir in kurzer Zeil die StaxU and tettfeto iftft ehrenbetäubendeta Geschrei durch die Straßen: „Räuber! Mörder! . . . Rätiauduter!!* Im Augenblick hat sich ein riesiger Menschenauflauf gebildet. Einer fragt den andern, was passiert ist. — „Woher soll ich das wissen?!" „Ich weiß es auch nicht . . . Alle laufen . . . lauf ich auch mit." Endlich war das Laufen einem von uns schon zu viel und er bleibt stehen. Wir schauen nach ihm zurück und bleiben auch stehen. Gleichwohl hören wir aber nicht auf zu schreien: Räuber! Mööörrrder! Räuäuber! „Wo? Wooo? Woooo?" fragt man uns von allen Seiten. „Dort im schwarzen Wäldchen haben uns Räuber überfallen. Den Rebben haben sie an einen Bauin gebunden. Gott weiß, ob er überhaupt noch lebt ..." IX. Wenn ihr uns auch darum beneidet, daß wir jetz einige Wochen nicht in den Glieder zu gehen brauchen weil Masefe krank zu Bette liegt — uns ist anders zu Mute. Ganz anders! Wir wissen selbst nicht, wo uns der Schuh drückt . . . Keiner will wissen, welche die wahren Räuber gewesen sind . . . Und wir meiden uns gegenseitig. Wenn wir uns zufällig begegnen, ist die erste Frage: „Wie geht es dem Rebbe'?" „Masefe" bringt niemand mehr über die Lippen Das wäre Frevel In unsere Gebete schließen wir tagtäglich unseren Rebbe ein und weinen im Stillen über unsere Schandtat. Bitten den lieben Gott, er möge uns verzeihen. Epilog. Es vergingen sechs Wochen darüber, bis der Rebbe das Krankenbett, auf dem er zeitweise ein sehr hitziges Fieber mit Phantasieren von Räubern und Mördern überstanden hatte, verlassen konnte. Als wir ihn zum erstenmale im Glieder wieder sahen, war er kaum zu erkennen. Er hatte sich ganz verändert — sowohl äußerlich als auch in seinem Wesen . . . Wo war seine Löwenstimme? Wohin war das gebieterische „Ueberlegen" und der Stock entschwunden? Der alte Masefe war das nicht mehr. Auf seinem Gesichte lag eine stille Wehmut. Die ganze Schwere unserer Schuld erkennen wir nun. Masefe wird uns teuer — wir schließen ihn in unser schuldbewußtes Herz. Kein schlechtes Wort hörten wir mehr von ihm . . . Nur manchmal bekommt er mitten im Unterricht einen „Anfall": Er bittet un«, ihm noch einmal zu erzählen, wie sich damals die „Räubergeschichte" am Lag- Beomer abgespielt hat. Wir, nicht faul, beginnen zum so und sovielten Male die „feine* Geschichte und erzählen : wie die Räuber plötzlich aus ihrem Hinterhalte; hervorgebrochen sind, wie sie sich auf ihn warfen und an dem Baume festbanden ... Als sie aber das totbringende Messer zückten da da — liefen wir im Galopp in die Stadt und retteten ihn durch unser Hilfen geschrei . . . Der Rebbe hört uns mit aufmerksamer Miene, die Augen geschlossen, zu. Dann seufzt er auf und fragt: — „Wißt ihr ganz bestimmt, daß es Räuoer waren* Ganz bestimmt??" Darauf wir: „Natürlich, Herr Lehrer! Was denn sonst?* , — „ Vielleicht — Gassenbuben, die mir einen Sehr«« einjagen wollten?!" Bei dieser Frage ßehweifan seiae Sticke zum Fenster hinaus* auf seinen Mienen schwebt eia heiteres* uns an ihm fremdes Lächeln » . .